Wo in Ihrem Haushalt am meisten Keime lauern

Nein, nicht in der Toilette: Hygieneexperte Markus Egert erklärt im Interview, was wir so genau gar nicht wissen wollen.

«Schwämme sind ein Gesundheits­risiko für Menschen mit einem schwäche­ren Immunsystem»: Hygieneexperte Markus Egert. Foto: Britt Schilling

«Schwämme sind ein Gesundheits­risiko für Menschen mit einem schwäche­ren Immunsystem»: Hygieneexperte Markus Egert. Foto: Britt Schilling

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Herr Egert, gut, dass ich Sie treffe. Gestern ist mir das Handy in die Toi­lette gefallen. Zum Glück ist es was­serdicht. Muss ich mir aus hygie­nischen Gründen Sorgen machen?
Das hängt davon ab, wann Ihnen das Handy ins Klo gefallen ist. Vorher oder nachher. Sie wissen, was ich meine?

Vorher.
Dann ist Ihr Missgeschick kein Problem. Mir ist das auch schon passiert, weil ich das Handy in der Gesässtasche eingesteckt hatte. Es reicht, wenn Sie das Gerät mit einem feuchten Brillenreinigungstuch ab­wischen. Das enthält etwas Alkohol.

Die Toilette sei für Keime gar kein guter Nährboden, schreiben Sie in Ihrem Buch «Ein Keim kommt selten allein».
Wir ekeln uns vor der Toilette, obwohl sie längst nicht so verunreinigt ist wie andere Orte im Haushalt. Auf der Klobrille hat es praktisch keine Keime. Auch die Schüssel ist kein Eldorado für Mikroben. Das liegt daran, dass wir dort mit Putzmitteln che­mische Kriegsführung betreiben. Zudem ist es auf und in der Toilette relativ kühl, und die Oberflächen sind glatt. Keime ha­ben es gerne warm und haften besonders gut an rauen Stellen.

Es ist also nicht nötig, auf öffent­lichen Toiletten die Klobrille mit Papier auszulegen?
Nein. Zumal Sie dabei möglicherweise die Klobrille mit den Händen berühren. So gelangen Keime eher zum Mund, als wenn sie auf dem Po haften. An hygienisch zweifelhaften Örtchen empfehle ich die Skifahrerhocke. Sofern man körperlich dazu in der Lage ist.

Als Haushaltsygiene-Forscher wissen Sie, wo überall Keime lauern. Können Sie sich zu Hause entspannen, oder sind Sie ständig am Putzen?
Ich bin nicht als Putzteufel bekannt. Meine Frau hat aus der Zeitung erfahren, dass ich Hygieneexperte bin. Viele Tipps aus mei­nem Buch stammen übrigens von ihr.

«Wir sollten es mit der Hygiene nicht übertreiben.»

Sie haben also keine übermässige Angst vor Keimen?
Nein. Alles Leben auf der Erde ging aus Keimen hervor. Die Keime im Boden und in der Luft, denen wir im Alltag begegnen, verhalten sich meist harmlos. Auf unserer Haut und im Darm leben Keime, die unserer Gesundheit sogar dienlich sind. Darum macht es keinen Sinn zu sagen: Nur ein toter Keim ist ein guter Keim. Wir müssen vielmehr gezielt die schlechten Keime, die uns krank machen, töten. Das ist ein schwieriges Unterfangen.

Aber möglich?
Es gibt einen vielversprechenden Ansatz, der noch nicht ausgereift ist. In manchen Krankenhäusern versuchen Forscher, antibiotikaresistente Bakterien mit ande­ren Bakterien zu Leibe zu rücken. Irgend­wann könnte diese Idee auch zu Hause Anwendung finden. Das heisst: Wir holen uns bewusst gute Bakterien ins Haus, um schlechte zu bekämpfen.

Was schlagen Sie vor?
Wir kennen probiotische Bakterien im Jo­ghurt. Man könnte solche auch Wand­farben, Fussböden und Tapeten beigeben. Oder mit solchen putzen, die die schlech­ten Bakterien unschädlich machen. Hin­ter diesen Ideen steckt die Einsicht, dass der Mensch eine mikrobiell vielfältige Umgebung braucht, um gesund zu leben.

Mit anderen Worten: Zu viel Hygiene macht krank?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Hygiene ist eine tolle Sache. Dass wir länger leben, liegt auch an der besseren Hygiene und sauberem Trinkwasser. Aber wir haben den Kontakt verloren zu vielen Mikro­organismen, die unsere natürlichen Ab­wehrkräfte stimulieren. Das könnte mit ein Grund dafür sein, dass allergische Er­krankungen in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Wir sollten es mit der Hygiene also nicht übertreiben.

«Rund ein Drittel aller Infektionen könnte verhindert wer­den, würden die Menschen das Händewaschen ernst nehmen.»

Was bedeutet das konkret?
Ein Haushalt muss nicht keimfrei sein. Desinfektionsmittel benötigt es nicht. Erst recht nicht, um den Kindern die Hände abzuwischen, bevor sie ein Stück Apfel es­sen. Solche Mittel benötige ich im Haus­halt nur, wenn jemand ernsthaft krank ist. Heute gibt es jedoch die paradoxe Situa­tion: Der Einsatz von Desinfektionsmit­teln steigt, und die Leute setzen sich mit ungewaschenen Händen an den Tisch.

Woher kommt das?
Vielleicht sind elementare Hygieneregeln in Vergessenheit geraten, weil sie als altmodisch gelten. Dabei könnte rund ein Drittel aller Infektionen verhindert wer­den, würden die Menschen das Händewaschen ernst nehmen.

Ist jetzt in der Erkältungszeit der Gang zum Waschbecken besonders empfehlenswert?
Ja. Es kommt dabei nicht darauf an, wie häufig ich mir die Hände waschen, son­dern wann ich es tue: nämlich vor dem Kochen, vor dem Essen, nach dem Ko­chen, wenn ich nach Hause komme, nach dem Anfassen von Tieren oder bei Kon­takt mit Kranken.

«Der Schwamm ist das am dichtesten be­siedelte Objekt im Haushalt.»

Wie waschen wir unsere Hände richtig?
Ideal ist, die Hände mit warmem Wasser zu waschen. Wer trockene Haut hat, sollte zur Handcreme greifen. Auf rauer Haut halten sich Keime besser als auf glatter.

Ist Seife Pflicht?
Mit Seife werden viel mehr Keime elimi­niert. Denn Seife trägt das Hautfett ab, ­ an dem die Mikroben dranhängen. Das Händewaschen sollte mindestens 20 bis 30 Sekunden dauern. Wichtig ist, die Fin­gerzwischenräume, den Handrücken und die Fingerspitzen nicht zu vergessen.

Nicht nur das Händewaschen werde vernachlässigt, auch bei der Küchen­hygiene hapere es oft, schreiben Sie im Buch. Geben Sie uns Nachhilfe.
Die wichtigste Regel ist, Keime nicht zu verschleppen. Das heisst, für rohes Fleisch ein separates Messer und Küchenbrett be­nutzen. Sonst können Keime wie Salmo­nellen aus dem rohen Hühnchen beim Rüsten in den Salat gelangen. So kann ich mir leicht eine Magen-Darm-Infektion zuziehen. Zudem sollte man Küchenwerk­zeuge, die mit Fleisch in Berührung kom­men, nach Gebrauch gut abwaschen.

Wo in der Küche finden sich am meisten Keime?
Im Schwamm. Er ist das am dichtesten be­siedelte Objekt im Haushalt. Darum muss er regelmässig ausgewechselt werden.

Ihre Studie über Küchenschwämme wurde sogar in der «New York Times» erwähnt.
Wir haben 14 gebrauchte Schwämme im Labor untersucht und dabei 54 Milliarden Keime pro Kubikzentimeter gefunden. In so einem Schwamm befinden sich also mehr Keime, als es bislang Menschen auf der Erde gegeben hat.

«Der Kühlschrank sollte alle zwei bis vier Wochen gereinigt werden.»

Welche Gefahren gehen von einem alten Küchenschwamm aus?
Das lässt sich schwer beurteilen. Viele Menschen sagen, ich putze seit Jahrzehn­ten mit Schwamm, und ich lebe immer noch. Trotzdem ist er ein Gesundheits­risiko für Menschen mit einem schwäche­ren Immunsystem: also für Babys, ältere Leute, Kranke und Schwangere. Leben solche Personen im Haushalt, empfehle ich, kein Risiko einzugehen und den Schwamm mindestens alle zwei Wochen aus­zuwechseln.

Was könnte passieren, wenn ich den Schwamm länger verwende?
Es gibt es keine Studien, die die Folgen untersuchen. Theoretisch sind Magen-Darm- und Hautinfektionen möglich. Um solche zu verhindern, muss ich den Schwamm nicht wegschmeissen. Man kann ihn an Stellen benutzen, die hygie­nisch nicht so wichtig sind. Zum Putzen des Autos oder Klos oder im Garten.

Viele waschen Schwämme oder Lappen in der Waschmaschine, anstatt neue zu kaufen.
Das ist in Ordnung, aber bitte nicht über Monate hinweg. Ein 60-Grad-Waschgang tötet zwar grosse Mengen an Mikroorga­nismen ab, jedoch nicht alle. Einige der hartnäckigsten Keime überleben und ha­ben im Gewebe der Lappen viel Platz, um sich zu vermehren. Das kann dazu führen, dass nach mehrmaligen Waschgängen ­sogar mehr Krankheitserreger drin sind als vorher.

«Lassen Sie den Geschirrspü­ler nicht ständig im Energiesparmodus laufen.»

Gilt das auch für Microfasertücher?
Die verkeimen ähnlich wie ein Schwamm, vielleicht ein bisschen weniger. Beim Geschirrspülen ist es ratsam, eine Bürste zu verwenden. Sie hat den Vorteil, dass sie schneller trocknet und nicht so eine grosse Oberfläche aufweist, auf der sich Keime gut vermehren können.

Welches sind die gefährlichsten Keimherde in der Küche?
Die Spüle. Sie sollte gut mit Geschirrspül­mittel gesäubert werden. Das Sieb kann in die Spülmaschine. Eine weitere Keimfalle ist der Kühlschrank. Er sollte alle zwei bis vier Wochen gereinigt werden. Vergessen Sie dabei nicht die Dichtungen. Gerade dort wimmelt es von Mikroben. Das gilt auch für Dichtungen des Geschirrspülers. An ihnen wachsen schwarze Hefepilze, die Haut- und Lungenkrankheiten auslö­sen können. Lassen Sie den Geschirrspü­ler nicht ständig im Energiesparmodus laufen. Die niedrigen Temperaturen för­dern das Keimwachstum. Auch die Waschmaschine braucht ab und zu einen 60-Grad-Gang, mit einem Vollwaschmit­tel in Pulverform.

Kein Flüssigwaschmittel?
Es ist zwar sanfter zu den Textilien, aber Waschmittel in Pulverform tötet Mikroorganismen besser ab, weil es Bleiche ent­hält. Bettwäsche, Unterwäsche, Socken, Handtücher, Waschlappen, also alles, was direkt mit der Haut in Berührung kommt, sollte besser bei 60 Grad mit einem Voll­waschpulver gewaschen werden. Vor al­lem dann, wenn eine Person im Haushalt krank ist.

Was für Reinigungsmittel braucht es sonst noch im Haushalt?
Einen Allzweckreiniger und ein Mittel für Glas, damit es keine Schlieren gibt. Gegen Kalk genügen Essig oder Zitronensäure.

Was halten Sie von Putzmitteln, die man nur aufsprühen und kurz ein­wirken lassen muss?
Wirklich sauber wird das nicht, beson­ders in den Ecken und Kanten. Hygiene be­­nötigt mehr als sprühen und wegwi­schen. Meine Frau pflegt zu sagen: Putzen ist anstrengend.

Markus Egerts Buch «Ein Keim kommt selten allein» (Ullstein Extra, 22.90 Fr.) zeigt auf unterhaltsame Weise, welche Keime im Haushalt unerwünscht sind und wie wir diese Mikroorganismen loswerden. (Schweizer Familie)

Erstellt: 24.10.2018, 16:07 Uhr

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