Die Schweiz zieht um

Kisten packen und in eine neue Lebensphase starten: Dieses Wochenende zügeln in der Schweiz Tausende Menschen. Was eint sie?

Endlich weg! In elf Kantonen ist diesen Samstag offizieller Zügeltermin. Foto: Keystone

Endlich weg! In elf Kantonen ist diesen Samstag offizieller Zügeltermin. Foto: Keystone

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Das Schlimmste zuerst: die Küche. Es ist 8.20 Uhr, zehn Minuten vor dem eigentlichen Übergabetermin, und Verwalterin Stefania Becuzzi dreht den Wasserhahn voll auf, stellt gleichzeitig Herd und Backofen ein, fährt mit den Fingerspitzen über Küchenablage, Wandplättchen und jeden noch so kleinen vorspringenden Rand, kurbelt die Store beim Küchenbalkon ganz hinunter, gleitet mit der Handfläche darüber, dreht den Schlüssel in der Tür einmal nach links, einmal nach rechts, inspiziert den Kühlschrank, öffnet alle Schubladen und Schränke, fährt über deren Innenflächen, entfernt den Besteckhalter aus der Schublade, prüft die Unterseite, greift in den Dampfabzug, löst die Gitter heraus und legt sie neben das Lavabo. Sie macht Notizen in ihre dicke Ledermappe.

Oje. Zu wenig sauber? Die Sorge ist dem Paar, das hier Huber heissen soll, von Beginn weg anzusehen. «Den Abzug haben wir zwei Stunden lang geputzt!», sagt Herr Huber in die Stille seiner Küche, Stefania Becuzzi schreibt und schweigt. Frau Huber lacht nervös.

Viele möchten umziehen, die meisten können es sich aber nicht leisten.Umfrage von Comparis, 2018

Es ist März, das Paar hat auf den offiziellen Kündigungstermin am 31. des Monats gekündigt und zieht von Uster ZH weg. Frau Huber lebte hier, ihr neuer Partner war Untermieter. Bevor sie in diese 3½-Zimmer-Wohnung eingezogen war, zwei Balkone, Parkettböden, ruhige Umgebung, hatte sie sich von ihrem Ehemann getrennt. Jetzt, nach eineinhalb Jahren, zieht sie zu Herrn Huber.

Wie die beiden machen es in diesen Tagen Tausende andere Schweizerinnen und Schweizer auch. Gemäss dem aktuellsten Umzugsreport von Homegate wurden von August 2016 bis Juli 2017 knapp 400'000 Haushalte innerhalb der Schweiz gewechselt. Im Vergleich zum letzten Report 2014 stieg die Zahl der Wohnungswechsel um 6 Prozent. Hauptgrund für einen Umzug, das zeigen Erhebungen, ist eine veränderte Lebenssituation: ein neuer Job; eine Beziehung, die zu Ende gegangen ist; eine, die entsteht. Alte Leute, die ins Heim gehen. Sesshafter sind Schweizerinnen und Schweizer, sobald sie Kinder haben. Der Umzug ist dann etwas, das sie vermeiden, indem sie zur Arbeit pendeln.

Manchmal wird einer ausfällig

Woher die Mieterinnen und Mieter kommen, wohin sie gehen und was sie umtreibt: Leute wie Stefania Becuzzi wissen es. Seit 23 Jahren arbeitet sie beim Zürcher Hauseigentümerverband und betreut aktuell 60 Liegenschaften. Zusätzlich führt sie sechs Teams, die alle eine Vielzahl an Liegenschaften im Kanton Zürich verwalten.

Bei jeder Wohnungsabnahme kommt Becuzzi den Bewohnern nahe. Sie betritt deren Intimsphäre, auch wenn die meisten Wohnungen zu diesem Zeitpunkt bereits leer geräumt sind. Eben noch schliefen die Leute hier, benutzten die Toilette, ärgerten sich über den Zigarettenrauch vom Balkon weiter unten. Plötzlich ist das alles vorbei, ihr Leben um eine abgeschlossene Phase erweitert. Beim Übergabetermin ist es dann, als müssten sie eine letzte Prüfung an jenem Ort bestehen, von dem sie sich eigentlich schon verabschiedet haben – vor einer fremden Person, die sich alles kritisch anschaut, vielleicht noch Geld will. Sind sie mit der Wohnung sorgfältig genug umgegangen? Haben sie sie gewissenhaft gereinigt, auch hinter den Heizkörpern, auch die Nagellackspuren im Bad? Entdeckt die Verwalterin Schäden, für die sie werden bezahlen müssen?

Manchmal werde einer ausfällig, sagt Becuzzi. Manchmal weigere sich jemand, nachzuputzen. Manchmal verlasse sie eine Wohnung und komme nach einer Stunde wieder in der Hoffnung, die Situation habe sich beruhigt. «Bei einer Wohnungsabnahme gilt mein Massstab», sagt Becuzzi.

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Mit dem Dampfabzug bei den Hubers ist alles in Ordnung, die beiden atmen auf. Aber der Kühlschrank hat den Geist aufgegeben. Herr Huber eilt zum Sicherungskasten, kippt die Sicherung für die Küche runter, hoch, runter, man hört das Klicken. Frau Huber starrt in den Kühlschrank – noch immer nichts. «Keine Angst», sagt Becuzzi. Der Kühlschrank ist ein älteres Modell. Gut möglich, dass er, nachdem er vor einer Woche abgestellt wurde, jetzt das Ende seiner Leistungsfähigkeit erreicht hat. Nicht Frau und Herrn Hubers Schuld.

Im Bad fasst Becuzzi mit blosser Hand in die Kloschüssel, fährt unterhalb des Rands einmal im Kreis, wäscht sie anschliessend im Lavabo. Sie gleitet über die Wandplättchen hinter der Badewanne – Schmutzränder würde sie sofort ertasten, das Wasser in Uster ist sehr kalkhaltig. Sie prüft den Abfluss in der Badewanne und im Waschbecken. Auch hier: alles gut.

Praktisch alle Kantone führen ortsübliche Kündigungstermine, in elf Kantonen ist der 31. März ein solcher. In der Schweiz Wohnhafte können, wenn dies in ihrem Mietvertrag so vermerkt ist, innert drei Monaten auf jedes Monats­ende kündigen. Aber wenn sie es auf einen offiziellen Termin hin tun, müssen sie keine Nachmieter stellen. Die Städte Zürich und Bern verzeichneten 2017 die meisten Umzüge: In Zürich zügelten 15,4 Prozent, in Bern 13,8 Prozent der Bewohner. Die meisten Umzüge finden rund um den offiziellen Termin statt: In Bern waren es per 31. März 2018 zehn Prozent mehr als in den übrigen Monaten, in Zürich zogen 5000 Haushalte um. Der Frühling sei für viele ein guter Beginn für etwas Neues, sagt Becuzzi.

Ortsübliche Kündigungstermine machen es einfacher, die vielen Wohnungswechsel zu koordinieren.

Sobald sie Küche und Bad geschafft haben, werden die Hubers lockerer. Im Wohnzimmer lassen sie sich auf den Plauderton ein, den Becuzzi anschlägt. Sie blickt aus verschiedenen Winkeln auf die Fensterscheiben, die Sonne scheint herein. «Bei schönem Wetter sieht man halt jeden Schliirgg», witzelt Becuzzi. Die Storenschienen auf dem Balkon muss Herr Huber nachputzen, Frau Huber hatte sie vergessen. Er eilt zum Auto, holt einen Lappen. Im Zimmer nebenan entdeckt Becuzzi «en Tüüfe» – einen tiefen Kratzer im Parkett. «Dafür muss ich einen Fünfziger verlangen», sagt sie. Frau Huber kramt sofort in ihrer Tasche nach Bargeld. Aber allfällige Schäden werden mit der Mietzinskaution verrechnet.

Ortsübliche Kündigungstermine machen es einfacher, die vielen Wohnungswechsel innerhalb einer bestimmten Region zu koordinieren. Der Wohnungsleerstand und die Nachfrage fallen so terminlich zusammen: Vermieter haben weniger Wohnungen, die leer stehen, und das Risiko der Mieter, vorübergehend sowohl die Miete für die alte als auch für die neue Wohnung bezahlen zu müssen, ist kleiner. Aber auch auf dem Wohnungsmarkt hat sich alles beschleunigt, auch hier denken die Leute, sofort zugreifen zu müssen, damit ihnen die gewünschte Wohnung nicht entgeht. Je rarer das Gut Wohnung scheint, desto mehr will man sie.

Wenn eine Wohnung nur als Übergang verstanden wird, sinkt die Bereitschaft, ihr Sorge zu tragen.

Eine Umfrage von Comparis aus dem Jahr 2018 ergab, dass 26 Prozent der Schweizer Mieterinnen und Mieter umziehen möchten, die meisten es sich aber nicht leisten können. Mehr als die Hälfte aller Mieter hat in den vergangenen fünf Jahren mindestens einmal den Wohnsitz gewechselt. Mieter, die zehn Jahre an einem Ort bleiben, gebe es fast gar nicht mehr, sagt Becuzzi. Einer habe ihr einmal gesagt, er brauche alle zwei Jahre eine neue Umgebung.

Wenn eine neue Wohnung nur als Übergang verstanden wird, sinkt die Bereitschaft, ihr Sorge zu tragen. «In neun von zehn Fällen fehlt bei der Übergabe einer der Wohnungsschlüssel», sagt Becuzzi. Verloren, in den Ferien am Strand, auf dem Gipfel eines Berges. Den Mieter kostet das schnell 800 Franken.

Nach 40 Minuten ist die Wohnungsübergabe vorbei. Becuzzi reicht den Hubers die Hand, wünscht alles Gute. Neue Mieter hat sie noch keine gefunden, die Wohnung ist ab sofort verfügbar. Mietzins 1709 Franken, inklusive.

Erstellt: 29.03.2019, 19:20 Uhr

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