«Essen, Wäsche und so weiter erledigt man ausserhalb»

Nur das Wichtigste auf 30 Quadratmetern mit «Microliving»: Experte Stefan Breit erklärt, wie wir in Zukunft wohnen.

Ein Bett, ein Tisch und eine Küche: Eine «Smartment»-Wohnung in Berlin. Foto: Wolfgang Scholvien (GBI AG)

Ein Bett, ein Tisch und eine Küche: Eine «Smartment»-Wohnung in Berlin. Foto: Wolfgang Scholvien (GBI AG)

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Herr Breit, beim Prime Tower sind 100 Mikroapartments geplant. Sie haben für das Gottlieb-Duttweiler-Institut eine Studie über solche Wohnformen mitverfasst. Was ist darunter zu verstehen?
Microliving bedeutet Wohnen auf kleinstem Raum. Bei Mikroapartments reden wir von Wohnungen mit maximal 30 Quadratmetern Fläche. Es hat gerade mal Platz für Bett, WC, Dusche und allenfalls eine Kochnische. Den Rest – Essen, Wäsche und so weiter – erledigt man ausserhalb oder lässt es sich von Dienstleistern liefern.

Solche Kleinstwohnungen kennt man in Berlin oder New York, in der Schweiz sind sie erst in Planung. Wird man sie bei uns häufiger sehen?
Ich glaube schon. Heute sind die meisten Wohnungen für Familien gebaut. Gleichzeitig werden die Lebensmodelle immer vielfältiger. Der Wohnungsbau wird sich dem anpassen müssen.

Gesellschafts-Forscher
Stefan Breit ist Researcher am GDI Gottlieb-Duttweiler-Instittut und analysiert gesellschaftliche, wirtschaftliche und technologische Veränderungen mit den Schwerpunkten Wohnen, Infrastruktur und Umwelt. Foto: pd

Wie meinen Sie das?
Im Gegensatz zu früher ändert sich unser privates und berufliches Umfeld viel häufiger. Früher waren es fast nur junge Männer und ältere Frauen, die alleine wohnten. Mittlerweile bilden die 45- bis 50-Jährigen die Spitzengruppe der Alleinlebenden.

Wie viele wohnen alleine?
In der Schweiz ist es gut ein Drittel, in den Städten sind es noch mehr. Wenn Sie in Basel oder Zürich an einer Tür klingeln, liegt die Chance bei 50 Prozent, dass dort jemand alleine lebt. Da stellt sich natürlich die Frage: Sind diese Wohnungen gebaut für eine Person?

«Die Baubranche verursacht ein Drittel der Emissionen.»

Ihre Antwort?
Ich würde behaupten: nein. Der Flächenverbrauch von Alleinlebenden liegt in der Schweiz im Durchschnitt bei 80 Quadratmetern. Das ist viel mehr, als der Durchschnitt aller Bewohnerinnen und Bewohner in der Schweiz beansprucht, nämlich 45 Quadratmeter pro Person.

Wieso soll jemand auf 30 Quadratmetern leben, wenn er auf dem Land für das gleiche Geld mehr Fläche bekommt? Schliesslich sind wir immer mobiler, leben immer digitaler.
So knapp und teuer der Platz in der Stadt ist: Viele ziehen diese Lage vor. Sie wohnen lieber auf kleiner Fläche und haben dafür einen guten Anschluss an die Mobilität und das öffentliche Leben: gute Verkehrsverbindungen und die Nähe zu Freunden, Restaurants und Kultur.

«Man kauft mit der Wohnung nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch einen Lifestyle.»

Sind Mikroapartments auch eine Antwort auf Verdichtung und Klimawandel?
Das sind definitiv Komponenten. Wohnen verbraucht unglaublich viel Ressourcen. Die Baubranche verursacht ein Drittel der Emissionen. Wir sind gezwungen, über alternative Wohnformen nachzudenken. Und die Leute fragen sich immer mehr: Was brauche ich eigentlich, was ist Luxus? Will ich eine Villa besitzen, oder beschränke ich mich in der Wohnfläche und habe dafür Zugang zu ganz vielem? Dieser Wechsel von Besitz zu Zugang findet statt, das sieht man auch bei den ganzen Sharing-Modellen. Kommt dazu, dass sich Wohnen, Arbeiten und Freizeit immer mehr vermischen. Auf all das versucht Microliving eine Antwort zu geben. Es ist auch für Vermieter interessant. Pro Quadratmeter können sie mehr Miete verlangen.

Leben auf wenigen Quadratmetern: Schiffcontainer in Le Havre, die zu Studentenwohnungen umgebaut wurden. Foto: Getty Images

Hört man den Begriff deshalb immer häufiger?
Die Vermarktung spielt eine grosse Rolle. Wir haben das in der Studie untersucht. Wohnungen werden immer mehr ‹gebrandet›. Jede grössere Überbauung hat mittlerweile eine eigene Website. Man kauft mit der Wohnung nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch einen Lifestyle. Die genossenschaftliche Überbauung Kalkbreite, wo sich Wohnen und Arbeiten mischen, wo Partizipation und Selbstorganisation stark gewichtet werden, ist ein gutes Beispiel. Dort zu wohnen, ist auch ein politisches Statement. Ich weiss allerdings nicht, ob es auf die Dauer gut ist, wenn Wohnen mit Werten und Ideologien aufgeladen wird. Ich habe meine Bedenken.

Wieso?
Weil Wohnen ein Grundbedürfnis ist und sich nicht alle diesen Lifestyle leisten können. Es kommt sehr darauf an, wer hinter solchen Projekten steht: Investoren, die auf Rendite aus sind, oder Investoren, die bezahlbaren Wohnraum schaffen möchten. Alleine zu wohnen, kostet grundsätzlich schon mal mehr. Es ist mit Status verbunden, und es stellt sich auch die Frage der Nachhaltigkeit.

«Den digitalen Besitz hat man ja ständig auf seinem Smartphone dabei. Vielen reicht das schon.»

Sie meinen, wenn solche Wohnungen plötzlich nicht mehr gefragt sind?
Ja, wie kann man diese Wohnform umnutzen, wenn sie plötzlich nicht mehr funktioniert? Man muss sich auch fragen, was es für die Gesellschaft bedeutet, wenn immer mehr Menschen alleine leben. Zieht man sich dann noch mehr zurück und ist gar nicht mehr bereit, Menschen zu treffen?

Es gibt ja Mischformen.
Zum Beispiel Cluster-Wohnungen, wie sie beim Tramdepot Hard in Zürich geplant sind. Bei diesem Modell sind einzelne Zimmer satellitenähnlich angeordnet und Teil von etwas Grösserem. Wohnzimmer, Wäscheraum und allenfalls die Küche teilt man sich mit anderen Bewohnern des Clusters.

Reichen ein paar Quadratmeter, um Privatsphäre zu schaffen?
Den digitalen Besitz – die Kontakte, Chats, Fotos und E-Mails – hat man ja ständig auf seinem Smartphone dabei. Vielen reicht das schon. Die Nasa hat sich diese Frage übrigens auch gestellt: Was brauchen Astronauten, um sich wohlzufühlen, wenn sie lange auf engem Raum unterwegs sind.

Abwechslung?
Der Schlüssel ist Aneignung. Etwa die Möglichkeit, das Licht zu dimmen. Es sind banale Dinge wie eine Lampe mit verstellbarem Ständer, ein Bild an der Wand oder eigene Bettwäsche.

«Microliving eignet sich für einen gewissen Lebensabschnitt.»

Ist das die Zukunft des Wohnens? Dass wir sogar auf Möbel verzichten können?
Das wäre die Extremform. Eine Art Kapsel, wo man mit Gerüchen und digitalen Bildern die Sinne täuscht. Ob es so weit kommen wird, weiss ich nicht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Microliving nicht eine konstante Wohnform sein wird. Sie eignet sich für einen gewissen Lebensabschnitt: als Student, wenn man in eine andere Stadt zieht, sich eben gerade getrennt hat oder beruflich viel unterwegs ist.

Wenn man nach neuen Wohnformen sucht, stösst man schnell auf den Begriff Tiny Houses – kleine Häuser auf Rädern.
Das ist das ländliche Pendant zu den Mikroapartments. Ein eigener kleiner Raum, aber mitten in der Natur: Das ist ein schönes Bild – ikonenhaft und romantisch. Mein Kollege vom GDI sagt es so: Mikroapartments sind zum Leben, Tiny Houses zum Träumen. Auch diese Wohnform werden wir bald häufiger sehen.

Welche bevorzugen Sie?
Im Moment und seit zwölf Jahren lebe ich – in unterschiedlichen Konstellationen und an verschiedenen Orten – in einer Wohngemeinschaft. Als Single ist das eine Wohnform, die ich sehr schätze, weil ich mit Leuten zusammenleben und Zeit verbringen kann, die mir wichtig sind.

Ist eine WG nicht anstrengend?
Es geht schon nicht ohne Aufwand. Man muss diskutieren, aushandeln – wo kommt das Zahnbürsteli hin, wann muss wo geputzt werden. Doch ist das in einer Familie anders? Wohl kaum.

Könnten Sie sich vorstellen, ein Mikroapartment zu bewohnen?
Nein, sicher nicht in Zürich, wo ich schon mein Umfeld habe. Dann schon eher in einer Cluster-Wohnung.

Erstellt: 25.07.2019, 15:32 Uhr

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