Wie man sich gegen Baulärm wehrt

Was tun, wenn die Baustelle zur Belastung wird? Mit dem Bauleiter reden, oder ihm eine Schallpegelmessung vorlegen – selbst wenn das Gerät selbst gebastelt ist?

Baulärm kann für die Anwohner zu einer Belastung werden. Auf Grossbaustellen gibts deshalb teilweise ein Lärmmonitoring

Baulärm kann für die Anwohner zu einer Belastung werden. Auf Grossbaustellen gibts deshalb teilweise ein Lärmmonitoring Bild: Andreas Blatter

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Nebenan hauen sie kräftig auf den Putz. Kein Stein bleibt auf dem anderen: Mauern werden eingerissen, Plättli weggespitzt. Einbauküchen donnern durch Rohre in die Abfallmulden auf dem Trottoir. Es ist unüberhörbar: Das Nachbarhaus wird saniert.

Als Anwohner hegt man bald einen bösen Verdacht: Die Arbeiter werfen die Fräse bewusst am frühen Morgen an, um den Ferientechnikern von nebenan kundzutun: Wir Büetzer sind bei der Arbeit. Sobald die Familie wach ist, wirds rasch ruhiger. Vermutlich gehen die Arbeiter dann «ga ds Znüni näh».

Doch werden die lautesten Arbeiten tatsächlich am frühen Morgen angepackt, oder ist das bloss die verzerrte Wahrnehmung des Möchtegernausschläfers? Um das herauszufinden, müsste ein Lärmprotokoll erstellt werden. Oder besser: Der Schallpegel wird aufgezeichnet. Das liesse sich mit professionellen Messgeräten bewerkstelligen. Diese sind aber teuer. Und günstige Mietangebote findet man noch kaum.

Allenfalls könnte bereits eine einfache Aufzeichnung mit einem ausrangierten Smartphone hilfreich sein. Oder aber: mit einem selbstgebastelten Schallpegelmesser. Weshalb nicht ausprobieren? Zu nachtschlafender Zeit werden Elektroteile zusammengestöpselt und Messskripte geschmiedet. Während drüben auf der Baustelle ein Securitas-Angestellter seine Runde dreht, wird die Platine auf dem Fenstersims platziert. Die Messung beginnt.

Gut planen, leiser arbeiten

«Man kann nicht ohne Lärm bauen», sagt Christoph Ammann, der beim Ingenieurunternehmen Grolimund + Partner ein Lärmmessteam leitet. Dann fügt er an: «Auf den meisten Baustellen liessen sich die Lärmkonflikte aber deutlich reduzieren.» Etwa, indem lärmintensive Arbeiten bei geschlossenen Fenstern erledigt werden. Allenfalls können die Arbeiter auf eine andere Maschine wechseln oder einem Gerät einen Schalldämpfer aufpfropfen. Manchmal genügt es, die Maschine an einem geeigneteren Ort zu installieren. Oder eine Schallschutzwand wird hochgezogen. Oft macht es zudem Sinn, lärmintensive Arbeiten gleichzeitig durchführen – dann, wenn viele Anwohner nicht zuhause sind. «Die Projektleiterinnen und Projektleiter müssen dem Lärmschutz hohe Priorität einräumen», fordert Christoph Ammann. «Sie sollten zudem den Dialog mit den Nachbarn suchen und diese über lärmige Phasen informieren.»

Als Anwohnerin oder Anwohner muss man Baulärm in Kauf nehmen. Aber nur bis zu einem gewissen Grad. Sollten Teile der Wohnung wegen des Lärms nicht mehr genutzt werden können, steht Mietern allenfalls eine Zinsreduktion zu. Die Eigentümer können dann versuchen, den Ausfall beim Bauunternehmen zurückzufordern. Wer wegen unzumutbarer Bedingungen temporär aus dem Haus auszieht, macht die Kosten fürs Hotel geltend. Und Geschäftsinhaber fordern Schadensersatz. Während die Chancen auf eine Entschädigung bei privaten Bauten gut stehen, wird etwa bei Strassenbauten, die der Allgemeinheit dienen, selten Geld ausbezahlt.

Diskutieren oder klagen

Wer sich von Baulärm gestört fühlt, versucht am besten mit den Architekten, Bauleitern oder den Polieren eine Lösung zu finden. Falls dies nicht möglich ist, wendet man sich an die Gemeindebehörden. «Wenn möglich schicken wir in solchen Fällen eine Patrouille vor Ort, um gegebenenfalls Ruhe und Ordnung wieder herzustellen», sagt Marco Cortesi, Leiter des Mediendienstes bei der Stadtpolizei Zürich.

Im Jahr 2018 sind im Journalsystem der Stadtpolizei Zürich 235 Klagen betreffend Baulärm erfasst worden. Neun von zehn davon betreffen Arbeiten während der Sperrzeiten, also zwischen 19 und 7 Uhr oder zwischen 12 bis 13 Uhr. Andere Kläger beschwerten sich über schlecht gewählte Standorte von Geräten wie Bauheizungen oder Tischfräsen.

In der Stadt Bern gehen jährlich gut ein halbes Dutzend solcher Lärmklagen ein, wie Annette Hodel, die stellvertretende Stadtbauinspektorin, sagt. «Wir machen uns dann selber ein Bild und nehmen mit den Lärmverursachern Kontakt auf.» Dabei werde geprüft, ob diese die Vorgaben einhalten.

Die Krux aus Anwohnerperspektive: Es gibt keine Grenzwerte. Wie viel Baulärm man akzeptieren muss, wird im Konfliktfall einzeln vor der Schlichtungsstelle ausgehandelt. Die Behörden verlangen zwar, dass adäquate Massnahmen zum Lärmschutz ergriffen werden. Auch existieren Vorschriften dazu, zu welchen Zeiten gelärmt werden darf. Und es bestehen Sanktionsmöglichkeiten: Im Extremfall können die Behörden etwa einen Baustopp verfügen. Während die Veranstalter von Konzerten den Schallpegel dokumentieren müssen, ist im Baugeschäft aber kein Lärmmonitoring vorgeschrieben.

Trotzdem werden auf Grossbaustellen Schallaufzeichnungen allmählich zum Standard, wie Messspezialist Christoph Ammann erzählt. Genauso, wie auch Erschütterungs- und Rissprotokolle angefertigt werden. Die Messungen würden zwar von den Bauunternehmen in Auftrag gegeben, seien aber unabhängig. Wenn es zu Konflikten komme, könnten die Datenreihen konsultiert werden. «Die Briefe, die die Bauunternehmen erhalten, sind oft dramatisierend. Dank der Messungen lässt sich die Diskussion versachlichen.» Ammann betont: «Die Bauleiter und die Anwohner müssen stets gemeinsam einen Weg finden.»

In bestimmten Fällen mache es Sinn, wenn die Anwohner ein Lärmtagebuch führen und den Behörden zur Verfügung stellen, sagen Annette Hodel wie auch Marco Cortesi. Videos zu drehen, ist problematisch, da man Persönlichkeitsrechte der Bauarbeiter oder von Unbeteiligten verletzt. Tonaufnahmen genügen, um herauszufinden, welche Maschine den Lärm verursacht hat.

Etwas anders tönt es auf die Frage, ob man den Schallpegel selber aufzeichnen soll. «Lärmmessungen bringen nichts, da es keine Immissionsgrenzwerte für Baulärm gibt und ohnehin nur Messungen mit geeichten Messgeräten verwendet werden dürfen», sagt Annette Hodel. Und Marco Cortesi erklärt: Die Messspezialisten setzten Geräte ein, die vom Eidgenössischen Institut für Metrologie jährlich geprüft und kalibriert werden. Und sie berücksichtigten – wie es das Gesetz vorschreibt – auch die Stärke und Richtung des Windes und den Abstand zur Lärmquelle. «Von Privaten erhobene Messdaten sind für die Untersuchungsbehörden nicht relevant», stellt Marco Cortesi klar. Christoph Ammann von Grolimund + Partner räumt ein, dass Schallpegelmessungen für Private meist zu teuer seien. Sie in Eigenregie zu machen, sei schwierig.

Alles im Grünen

Das bestätigt unser Versuch. Zwar hat der selbst gebastelte Schallpegelmesser während eines Monats zuverlässig Werte aufgezeichnet. Da das Mikrofon nicht geeicht ist, lassen sich indes keine Dezibelwerte ableiten. Es ist zudem nicht klar, wer den Lärm verursacht hat: Stammt er von der Baustelle oder nicht eher von einem Flugzeug oder Motorfahrzeug? Welcher Anteil war hausgemacht, ist also etwa beim Öffnen und Schliessen der Store entstanden? Und wieviel hat der Wind beigetragen, der an zwei Tagen ums Mikrofon pfiff?

Nichtsdestotrotz können Amateurmessungen sinnvoll sein. Legt man den Verantwortlichen das Lärmprotokoll vor, das Ausschläge während Sperrzeiten zeigt, und spielt man ihnen einige Tonbeispiele vor, dürfte sich die Situation rasch bessern. Es ist deshalb anzunehmen, dass eigene Messungen bald schon ein gängiges Mittel zur Selbsthilfe werden und es bald günstige Messsysteme zu kaufen und zu mieten gibt.

Zurück aufs Fensterbrett: Laut den eigenen Messungen ist es zwischen 3 und 4 Uhr nachts am ruhigsten. Der Lärmpegel steigt an Arbeitstagen ab 7 Uhr an. Eine erste Spitze erreicht er zwischen 11 und 12 Uhr. Noch lauter wirds nach der Mittagspause. Dabei gibt es grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Tagen. Am Wochenende, wenn auf der Baustelle nicht gearbeitet wird, ists markant ruhiger. Ohrenbetäubend laut wars am Mittwoch, dem 21. August.

Noch etwas zeigen die Daten: Die Arbeiter haben die Kreissäge nie am Mittag kreischen lassen. Und sie haben vor 7 Uhr nicht gebohrt. Im Gegenteil: Vor halb Acht lief auf der Baustelle wenig. Anders als während der Sommerferien, als noch kein Messgerät auf dem Sims stand. Damals haben die Bauarbeiter Punkt sieben Uhr lautstark losgelegt. Ehrlich.

Erstellt: 29.09.2019, 19:59 Uhr

Messgerät im Eigenbau

Für wenige Franken kann man sich einen eigenen Schallpegel-Aufzeichner basteln.



Das beschriebene Aufzeichnungsgerät ist in einer Nacht- und Nebelaktion aus früher bestellten Eletrobauteilen entstanden. Zum Einsatz kommt der Mikrocontroller ESP8266. Er verfügt über ein WLAN-Modul, benötigt nur wenig Strom und ist ab 2 Franken zu haben. Nötig ist zudem ein Mikrofonmodul für rund 2 Franken. Falls kein Stromanschluss verfügbar ist, kommt ein Akku zum Einsatz. Andernfalls wird ein USB-Stromadapter benötigt. Ist ein Drahtlosnetzwerk vorhanden, lassen sich die Messdaten auf einen Server übermitteln. Sollen sie lokal gespeichert werden, baut man ein SD-Karten-Modul für 50 Rappen ein und legt ein Speicherkärtchen ein. Zum Schutz vor Wind und Wetter werden die Teile in eine Verteilerbox aus dem Baumarkt gesteckt. Sobald die Bauteile zusammengesetzt sind, wird ein Messprogramm geschrieben. Eine erste Version und Angaben zum Aufbau sind auf Github zu finden.



Wer nicht basteln will: Der Lärmpegel lässt sich auch mit Smartphone-Apps messen. Die Online-Plattform Lärm.ch empfiehlt fürs iPhone die App SPL Pro und für Android-Geräte die Applikation Noise Capture.

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