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Zwischen Seelen-Spa und Sündenpfuhl

Baja California an Mexikos Westküste bietet imposante Natur und pulsierende Städte. Zudem steht hier das vielleicht berühmteste Hotel der Welt.

Karge Landschaft, türkisfarbenes Meer: Baja California fasziniert.
Karge Landschaft, türkisfarbenes Meer: Baja California fasziniert.
Keystone
Ein Grauwal vor der Küste des mexikanischen Gliedstaats.
Ein Grauwal vor der Küste des mexikanischen Gliedstaats.
Keystone
Ein kleiner Tourist posiert am Jahrestag der mexikanischen Revolution auf einem «mexikanischen Zebra» mit einem Sombrero.. Die bemalten Esel sind ein beliebtes Fotosujet.
Ein kleiner Tourist posiert am Jahrestag der mexikanischen Revolution auf einem «mexikanischen Zebra» mit einem Sombrero.. Die bemalten Esel sind ein beliebtes Fotosujet.
Keystone
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Auf der Landkarte wirkt die Halbinsel Baja California wie ein Anhängsel. Als ob die Natur irgendwo noch überschüssiges Material hätte unterbringen müssen. 1200 Kilometer lang und durchschnittlich 120 Kilometer breit, flankiert vom Pazifischen Ozean und dem Golf von Kalifornien, ist die Baja eine Komposition aus Gebirgsketten, Wüsten und Stränden, ein Reich scharfer Konturen, brutheisser Tage und kühler Nächte. Mexikos Eigenheiten, die reizenden ebenso wie die abstossenden, erscheinen im hellen Licht der Baja zum Extrem gesteigert: überwältigende Naturschönheiten und urbanistischer Amoklauf. Herzlichkeit und Gewalt. Reichtum und Armut. Dumpfes, zeitloses Verharren und fiebrige Sehnsucht nach modernem Luxus.

Im äussersten Norden der Baja, gleich an der Grenze zu den Vereinigten Staaten, liegt Tijuana, eine Stadt von sagenhafter Hässlichkeit. Offiziell 1,5 Millionen Einwohner, schachbrettartig angelegte Strassen, niedrige, eng aneinandergebaute Häuser, Verkehrschaos, Lärm. Tijuana ist ein Hort des Kommerzes, der käuflichen Erotik und des billigen Alkohols, eine Anhäufung von Striptease-Clubs, Massagesalons, Restaurants und Souvenirläden. Während amerikanische Teenager in ihrem Heimatland einem strikten Alkoholverbot unterstehen, erhalten sie hier das Bier für drei und die hochprozentigen Drinks für fünf Dollar. An den Wochenenden ziehen sie gruppenweise durch die Stadt, in lauthals-betrunkener Ausgelassenheit, fasziniert von diesem hektischen Sündenpfuhl, wo man für Geld fast alles bekommt und von den Einheimischen mit grösster Dienstbereitschaft empfangen wird.

Der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz schreibt in seinem bahnbrechenden Mexiko-Essay «Das Labyrinth der Einsamkeit», die im ganzen Land verbreitete, beinahe unterwürfige Freundlichkeit sei ein Erbe des spanischen Kolonialismus. Ein Schutzverhalten, das damals zumindest für die Ureinwohner überlebenswichtig war. Und freundlich sind in Tijuana wirklich alle: die Verkäufer und Taxifahrer, die Bettler und vor Sexclubs lauernden Reinschmeisser, die Kleindealer und - zumindest Fremden gegenüber - selbst die Polizisten. Wahrscheinlich sind auch die Angehörigen der lokalen Drogenkartelle, Killerkommandos und Entführerbanden ganz nett, wenn sie nicht gerade einem Gegner die Kugel verpassen oder ein Opfer in einen Kastenwagen zerren.

Wie die mexikanische Herzlichkeit mit der mexikanischen Gewaltbereitschaft zusammengeht, bleibt für Aussenstehende ein Rätsel. Die Amerikaner haben gegen illegale Einwanderer einen Grenzwall errichtet, auf den unzählige weisse Kreuze gemalt sind. Sie erinnern an jene, die auf endlosen Märschen durch die Wüste verdurstet oder erfroren sind. Von der reichen südkalifornischen Metropole San Diego trennt Tijuana eine Distanz von 45 Kilometern - und eine ganze Welt.

Durchzogen wird die Baja California von der 1700 Kilometer langen, zweispurigen Strasse Carretera Transpeninsular Benito Juárez, auch Mex 1 genannt. Sie verbindet Tijuana mit dem an der Südspitze gelegenen Los Cabos, führt kurvenreich durch Gebirgsketten, erstreckt sich schnurgerade bis an den Horizont über staubige Ebenen, durchzieht die Wüste. Die Hitze lässt die Luft flimmern. Ab und zu ein am Strassenrand verrostendes Autowrack oder ein mit Blumen geschmücktes Holzkreuz, am Himmel kreisen Geier, die Kakteen ragen aus der Erde wie Schwurfinger.

Hundertfünfzig Kilometer weiter südlich bricht die Dämmerung herein, orangefarbenes Licht verwischt die Konturen. Nachts die Mex 1 zu befahren, gefährdet die Gesundheit von plötzlich die Strasse überquerenden Kühen und damit auch die eigene. Und es birgt das Risiko, einer der künstlich angelegten, in ganz Mexiko üblichen Antiraserschwellen zum Opfer zu fallen. Ein Schweizer Banker überfuhr bei seiner ersten mexikanischen Nachtfahrt einst einen dieser «topes» derart zügig, dass sein BMW mitten entzweibrach.

Strände wie aus dem Photoshop

Wer bisher den heimlichen Verdacht hatte, dass in Reiseprospekten das Meerwasser per Photoshop grünblau nachgefärbt oder gelegentlich ein am Strand herumliegender Autoreifen wegretuschiert wird, der wird hier eines Besseren belehrt. Es gibt sie tatsächlich: unberührte Strände mit feinkörnig-weissem Sand, Buchten mit kristallklarem Wasser, aus dem Meer ragende Gesteinsformationen, auf denen sich exotische Vögel das Gefieder putzen.

Zum Beispiel die vor der Ostküste gelegene Insel Espíritu Santo, ein Naturschutzreservat. Hier werden die Träume von Tauchern, Schnorchlern und Tierliebhabern Wirklichkeit, hier schiessen Mantarochen und Delphine aus dem Wasser, hier kann man sich beim Schwimmen gefahrlos von Seelöwen umkreisen lassen.

Während der Überfahrt stellt der Bootsführer plötzlich den Motor ab. Er habe einen Wal gesehen. Gespanntes Warten, Geschaukel, das Geschrei vorüberziehender Vogelschwärme. Dann erscheint in einer Entfernung von vielleicht zwanzig Metern ein gigantischer grauer Körper, durchpflügt ein paar Sekunden lang die Meeresoberfläche und lässt beim Abtauchen die Schwanzflosse aufs Wasser klatschen. Einverstanden, das ist jetzt Moby-Dick-Romantik. Aber wer es einmal mit eigenen Augen gesehen hat, kommt auch als Grossstadtmensch nicht um die Feststellung herum: beeindruckend.

Mit der Bezeichnung Los Cabos sind die an der Südspitze der Baja gelegenen Städte Cabo San Lucas und San José del Cabo gemeint, beide eher hässlich, ein formloses Nebeneinander aus wenigen Kolonialgebäuden und vielen Betonklötzen. Genau wie Tijuana lebt Los Cabos in enger Symbiose mit den Vereinigten Staaten, allerdings auf diametral entgegengesetzte Weise: Tijuana ist ein Sammelplatz für arme Mexikaner, die der Misere ihres Landes entfliehen wollen, Los Cabos ein Freizeitrevier für reiche Amerikaner.

Hier befindet sich eines der exklusivsten Hotels der Welt, das Ventanas al Paraiso, zu Deutsch «Die Fenster zum Paradies». Welche Weltberühmtheiten hier schon abgestiegen sind, hält das Haus strikt geheim, unter den Einheimischen werden jedoch Shakira, Paul McCartney, Brad Pitt oder Harrison Ford genannt. Das Hotel wartet mit 71 Suiten auf, besitzt mehrere Kakteengärten, eine eigene Tequila-Destillationsstelle und natürlich einen Privatstrand. Im Gesundheitszentrum werden Gäste und ihre Hunde massiert. Damit sie sich beim Sonnenbaden und Sektschlürfen nicht gestört fühlen, bewegen sich die 450 Hotelangestellten in einem unterirdischen Tunnelsystem durch das Gelände wie einst die Kämpfer des Vietcong. Ist das alles nicht ein bisschen übertrieben, zumal in einem Land, in dem vierzig Prozent der Bevölkerung in Armut dahinsiechen? Der Hoteldirektor zuckt die Schultern. «Es gibt nun einmal viel Geld auf dieser Welt. Wenn einer unserer Gäste einen rosaroten Elefanten verlangt und dafür bezahlt, dann beschaffen wir halt einen und malen ihn an.»

Das Hotel California

Das berühmteste Hotel der Baja liegt allerdings nicht in Los Cabos, sondern im rund hundert Kilometer entfernt gelegenen, ansonsten öden Städtchen Todos Santos. Es heisst Hotel California und soll die amerikanische Popgruppe Eagles zu ihrem weltbekannten Song inspiriert haben - behaupten zumindest die Einheimischen. «You can checkout any time you like, but you can never leave», sagt der Nachtportier im Lied. Stimmt das? «Natürlich können unsere Gäste gehen, wann immer sie wollen», antwortet der junge Mann hinter der Réception. «Aber ihre Seelen bleiben hier.»

Dasselbe könnte man von der ganzen Halbinsel Baja California mit all ihren Gegensätzen behaupten.

Unberührte Strände, karge Gebirge: Baja California fasziniert durch landschaftliche Kontraste. Oben die Küste bei San José del Cabo, unten die Mex 1 genannte Hauptstrasse, die von Tijuana bis hinunter nach Los Cabos führt.

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