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Schwere Vuelta-BergankunftLeiden am Brutalo-Anstieg

Leader Primoz Roglic hat am gefürchteten Angliru mehr zu kämpfen als erwartet und verliert sein Leadertrikot. Aber wohl nur bis Dienstag.

Eine Grimasse sagt mehr als tausend Worte: Etappensieger Hugh Carthy kämpft sich leidend hoch in Richtung Ziel.
Eine Grimasse sagt mehr als tausend Worte: Etappensieger Hugh Carthy kämpft sich leidend hoch in Richtung Ziel.
Foto: Getty Images

Ist dieser Anstieg hinauf zum Alto del Angliru nicht nur eine Radsportausnahme, sondern auch eine physikalische Besonderheit? Die letzten Kilometer scheinen sich auszudehnen, so langsam gehen sie vorbei. Doch die Lösung ist einfacher: Die Strasse ist so steil, dass auch diese weltbesten Radprofis sich nicht schneller fortbewegen können als in gefühlter Zeitlupe.

Es sind darum eigenartige Duelle, die da ausgetragen werden zwischen den Allerbesten. Jeder scheint in seiner eigenen Leidenswelt versunken, die Gegner kaum noch wahrnehmend, geschweige denn auf sie reagierend. Denn wenn die Strasse 20 Prozent steil ansteigt, kann der Kopf den Beinen noch so sehr befehlen, sie sollen gefälligst etwas schneller pedalen. Dann werden die Befehle von oben ignoriert.

Beeindruckend zu sehen ist das bei Spaniens Hoffnung Enric Mas, der die Zähne blecken kann wie kein Zweiter. Als er in einem Moment seine perlweissen Zahnreihen noch etwas deutlicher zeigt, ist klar, dass jetzt gerade gar nichts mehr geht bei ihm – innert Sekunden rutscht er ans Ende der Gruppe. Ebenso Richard Carapaz, der über grosse Teile des Anstiegs nur ganz knapp Anschluss an die Favoritengruppe hält.

Hobbyfahrer schöben schon lange

Doch einige Minuten später ist es ausgerechnet dieser Mas, der das Tempo minimal zu erhöhen vermag und so von den anderen wegfährt. Dahinter versucht es mit dem Briten Hugh Carthy noch einer, wird aber bald wieder gestellt und ans Ende der Gruppe durchgereicht. Nur einer scheint von alledem unbeeindruckt: Leader Primoz Roglic lässt sich von seinen verbliebenden Helfern die steilen Rampen hochpilotieren, derweil die Gegner mal ein paar Meter vorausfahren oder zurückfallen.

Dieser Slowmotion-Endkampf ist gewöhnungsbedürftig, hat aber seinen Reiz, macht er diese leidenden Radprofis doch etwas menschlicher – auch wenn das relativ ist: Die meisten Hobbyfahrer hätten schon lange absteigen und ihre Räder schieben müssen.

Ob auch bei Roglic solche Gedanken im Kopf herumschwirren? Zwei Kilometer vor dem Ziel entfernt sich ein Konkurrent nach dem anderen vom Slowenen, ohne dass dieser zu einer Reaktion fähig wäre. Viel mehr noch: Sein Helfer Sepp Kuss wirkt, als könnte er spielend um den Sieg mitfahren, derweil Roglic immer wieder eine Lücke aufgehen lässt zum Hinterrad des Amerikaners.

Roglic bleibt in der Favoritenrolle, denn es folgt ein Zeitfahren …

Vorn kämpfen sie derweil um die grossen Ehren. Hugh Carthy, der schlaksige Brite mit dem weit geöffneten Mund, presst irgendwie noch ein paar Watt mehr aus seinem Körper als die anderen und stiehlt sich davon. Dahinter krallt sich Carapaz das Leadertrikot von Roglic zurück. Dieser kommt gezeichnet ins Ziel. In der Abrechnung sind es aber nur zehn Sekunden, die er auf den Ecuadorianer einbüsst. Der Titelverteidiger bleibt damit auf Kurs. Alles andere als die Rückeroberung des roten Trikots im Zeitfahren am Dienstag wäre eine grosse Überraschung.

Hingegen weiss Roglic spätestens seit seiner Niederlage an der Tour de France: Ganz so klar sind die Dinge nie, wenn es um ein Zeitfahren geht.

Die Herausforderer stehlen sich davon: Mas, Carapaz und Carthy (von links) vermögen auf den letzten zwei Kilometern Leader Roglic (hinten in Rot) zu distanzieren.
Die Herausforderer stehlen sich davon: Mas, Carapaz und Carthy (von links) vermögen auf den letzten zwei Kilometern Leader Roglic (hinten in Rot) zu distanzieren.
Foto: Getty Images