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Im Fahrzeug zum FilmLetzte Ausfahrt Autokino

In Deutschland boomen Drive-ins im Zeichen von Corona. In der Schweiz müssen Autokino-Veranstalter jedoch noch zittern, ob sie in diesem Sommer öffnen dürfen.

So würde das gemeinsame Filmerlebnis funktionieren: Autokino Muri (2018).
So würde das gemeinsame Filmerlebnis funktionieren: Autokino Muri (2018).
Foto: Keystone

Es hat ja was Nostalgisches: Man fährt im eigenen Fahrzeug auf den Stellplatz, schaltet das Radio ein und lässt sich zum Filmgeschehen auf der Grossleinwand Milkshakes oder Hotdogs von Rollergirls (oder Popcorn-Boys) an den Wagen bringen. In den 50er- und 60er-Jahren waren solche Drive-ins in den USA derart beliebt, dass es einem Volkssport gleichkam.

Jetzt aber feiert das Autokino ein Comeback – umso mehr, als zu Zeiten von Corona auf normalen Kino-Leinwänden nichts läuft und auch sonst keine Veranstaltungen abgehalten werden dürfen. Da erscheint das Drive-in, das noch öffnen darf, als Pièce de Résistance der Kultur – jedenfalls in Deutschland, wo Rekordzahlen vermeldet werden.

Der Andrang ist so hoch, dass wir sogar unter der Woche zwei Abendvorstellungen anbieten können.»

Heiko Desch, Drive-in-Autokino-Gruppe Deutschland

«Wir haben aktuell wesentlich höhere Besucherzahlen als 2019», sagt Heiko Desch von der Drive-in-Autokino-Gruppe, die in Deutschland fünf Anlagen betreibt. Derzeit haben allerdings nur Stuttgart, Köln, Frankfurt und Essen geöffnet; die Münchner Filiale musste aufgrund eines Erlasses der bayrischen Regierung schliessen.

In den nach wie vor aktiven Autokinos gelten strenge Auflagen, die man sich gemäss Desch vorausschauend selbst verordnet hat: Wo Platz für 1200 Autos wäre, dürfen nur knapp 300 rein. Erlaubt sind maximal zwei Personen pro Wagen (plus eigene Kinder), der Abstand zwischen den Autos muss 1,5 Meter betragen, Tickets werden nur online verkauft und am Eingang durch die Scheibe gescannt, die Snackbars sind geschlossen. «Der Andrang ist trotzdem so hoch, dass wir derzeit sogar unter der Woche zwei Abendvorstellungen anbieten können», sagt Desch. Der erste Film beginnt ungefähr um 21 Uhr, der zweite kurz nach Mitternacht.

Und in der Schweiz? Abwarten!

Von solchen Verhältnissen kann man in der Schweiz nur träumen. Der Unterschied zu Deutschland: Hier sind die Autokinos nicht ganzjährig geöffnet, sondern nur während ein paar Tagen oder Wochen im Sommer. Ob sie Publikum empfangen dürfen, wissen die Betreiber noch nicht. Der Bundesrat entscheidet am 27. Mai, welche Unterhaltungsbetriebe ab 8. Juni öffnen dürfen.

«Aber wir sind flexibel und würden auch nur 80 Autos reinlassen, notfalls das Gastroangebot streichen und Ticketscanner organisieren.»

Cédric Marthaler, Gründungsmitglied Autokino Thun

Das wird insbesondere für das Autokino Thun (11. Juni bis 11. Juli) sehr knapp. Cédric Marthaler, einer der Gründer, sagt: «Der Aufbau unserer Infrastruktur, geplant für Anfang Juni, kostet zwischen 15'000 und 20'000 Franken.» Das Areal bietet Platz für ungefähr 120 Autos. Natürlich sei ihm bewusst, dass beim Bundesrat die Autokinos derzeit nicht zuoberst auf der Prioritätenliste stehen. «Aber wir sind flexibel und würden auch nur 80 Autos reinlassen, notfalls das Gastroangebot streichen und Ticketscanner organisieren», sagt Marthaler.

Solche Möglichkeiten hat man in Muri nicht. Der nur zweitägige Anlass (24. bis 25. Juli) hat zwar Platz für 250 Fahrzeuge. Aber Thomas Nebel vom Organisationskomitee sagt: «Sollte ein Barbetrieb nicht möglich sein, würden wir eventuell den Anlass nicht durchführen, da diese Einnahmen wesentlich zu unserem finanziellen Erfolg beitragen.»

Wie einst in den USA: Service am Wagen im Drive-in Pratteln (2018).
Wie einst in den USA: Service am Wagen im Drive-in Pratteln (2018).
Foto: Nicole Pont

Auch Giacun Caduff vom Cinema Drive-in Pratteln (3. bis 25. Juli, 80 Plätze) läuft langsam die Zeit davon. Der Vorverkauf sei zwar gestartet, laufe aber noch zaghaft. «Letztes Jahr waren wir jeden Abend ausverkauft», sagt Caduff. «Jetzt bräuchten wir bis Mitte Mai einen Richtungsentscheid oder eine Ausnahmebewilligung.» Seit Wochen steht Caduff in Kontakt mit den Behörden – ohne Erfolg. Ob er den Anlass durchführen kann («erstmals würden alle Filme im Zweikanalton gezeigt»), kann ihm keiner sagen.

Etwas mehr Luft hat man im Drive-in-Movies Hinwil (12. bis 30. August). «Unser Vorverkauf startet Mitte Mai», sagt Roger A. Egolf. Das Areal bietet Platz für 200 Fahrzeuge. Im Gegensatz zu Pratteln und Thun, die ausschliesslich auf Klassiker, Kultfilme und ein Nostalgie-affines Publikum setzen, zeigt man in Hinwil auch Premieren – das heisst, man zeigt sie, sofern deren Startdaten von den Verleihern nicht in den Herbst verschoben wurden. Solche Premieren, in Deutschlands Drive-ins gang und gäbe, könnten sich als Pluspunkt für Hinwil erweisen.

Beim nördlichen Nachbarn jedenfalls ist die Nachfrage bezüglich Autokinos zu Corona-Zeiten regelrecht explodiert: Seit Anfang März wurden bundesweit über 40 neue Rundfunkfrequenzen für Drive-ins zugeteilt. Weitere knapp 80 Anträge sind noch hängig und sollen angeblich zügig bearbeitet werden.

Hazel Brugger hat einen Auftritt

So gesehen verwundert es nicht, dass inzwischen auch andere Spielstätten, die Corona-bedingt schliessen mussten, auf den Drive-in-Geschmack gekommen sind. Und das zieht wiederum Kleinkünstler oder Comedians an – zum Beispiel Hazel Brugger, die viele Termine absagen musste, aber Ende April im Autokino in Eschweiler bei Aachen auftreten wird.

Wie im Drive-in: Das Theater an der Niebuhrg in Oberhausen.
Wie im Drive-in: Das Theater an der Niebuhrg in Oberhausen.
Foto: PD

Und dann gibt es das Theater an der Niebuhrg in Oberhausen, das seinen Spielbetrieb komplett auf Open Air à la Drive-in umgestellt hat. Zuschauerraum ist jetzt der Parkplatz. Und neben Theaterstücken werden Musik-, Comedy- oder Cabaretabende angeboten, sogar Gottesdienste werden abgehalten. Karten gibt es ausschliesslich online zu kaufen, die Bühne besteht aus einem seitlich geöffneten Truck, der Ton kommt wie beim Autokino aus dem Radio.

Und den unfreiwilligen Humor gibt es gratis dazu. Aus Lärmschutzgründen darf auf dem Parkplatz nicht gehupt werden. Deshalb steht in den Verhaltensregeln: «Applaus immer nur mit der Lichthupe.»

1 Kommentar
    Louis Deluigi

    Auch wenn die Autokinos hierzulande öffnen dürften, müssten sie die Linken und Grünen fürchten, die höchstens "Mobilitys" mögen. Kürzlich haben die aber in der Stadt Zürich gemerkt, dass Autos auch für Demos zugunsten Flüchtlingen geeignet sind. Das finde ich auch gut und hoffe, dass damit auch bei ihnen ein Umdenken stattfindet. Ich war schon immer ein unverbesserlicher Optimist und schon der Vater von Max und Moritz, Wilhelm Busch, hat gesagt: „Ich bin Pessimist für die Gegenwart, aber Optimist für die Zukunft“.