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Internationale FinanzkriminalitätLiechtensteins weisse Fassade bröckelt

Das Fürstentum präsentiert sich seit Jahren als sauberen Finanzplatz. Nun erschüttern neue Skandale das Selbstbild. Es geht um Mafia-Geschäfte und veruntreute Staatsgelder aus Venezuela.

Das Schloss Vaduz dient der fürstlichen Herrscherfamilie als Statussymbol. Doch die Reputation des Fürstentums Liechtenstein leidet.
Das Schloss Vaduz dient der fürstlichen Herrscherfamilie als Statussymbol. Doch die Reputation des Fürstentums Liechtenstein leidet.
Foto: Getty Images

Am 15. August, dem katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt, empfängt die fürstliche Herrscherfamilie ihre Untertanen vor ihrer Burg hoch über Vaduz. In diesem Jahr schrumpfen die Feierlichkeiten Corona-bedingt. Der Staatsakt geht erstmals ohne Gäste aus dem In- und Ausland über die Bühne und wird nur im Internet übertragen.

Normalerweise geht mit dem Staatsfeiertag auch die ruhige Ferienzeit in Liechtenstein zu Ende. In diesem Sommer ist da allerdings gar keine Ruhe, und das hat nichts mit dem Coronavirus zu tun. Vielmehr erweist sich Liechtenstein einmal mehr als ein zentraler Schauplatz internationaler Finanzkriminalität.

Abgründe tun sich auf

Ein italienischer Mafia-Clan und eine Bande, die offenbar die Staatskassen von Venezuela geplündert hat, sollen jahrelang im grossen Stil schmutziges Geld in Liechtenstein gewaschen haben. Obendrein werden 5 der 14 Liechtensteiner Banken von heftigen Turbulenzen geschüttelt, zum Teil ausgelöst durch fragwürdige Geschäfte.

Die Vorgänge schaden der Reputation des Fürstentums, das sich nach vielen Steuerbetrugsskandalen zuletzt vom internationalen Pranger entfernt hatte. Man habe sich reformiert und sei inzwischen ein sauberer, «ein weisser» Finanzplatz, versichern Regierung, Fürstenhaus und Vertreter der Finanzwirtschaft seit Jahren bei jeder Gelegenheit. Doch hinter der sauberen Fassade tun sich Abgründe auf.

Staatsanwaltschaft und Finanzaufsicht haben gerade reichlich zu tun, in Liechtenstein selbst, aber auch in anderen Ländern. So zum Beispiel geht es um einen Clan der kalabrischen Ndrangheta. 76 Mitglieder der Mafiaorganisation wurden im Juli bei einer Grossrazzia in der Schweiz und Italien festgenommen.

Bisweilen wurden grössere Summen in bar abgehoben und nach Italien transportiert.

Spuren führen auch nach Liechtenstein. In den Clan eingeschleuste verdeckte Ermittler sagten aus, dass auf einem Konto bei einer Liechtensteiner Privatbank schmutziges Geld zwischengelagert worden sei. Bisweilen habe man grössere Summen in bar abgehoben und im Auto nach Italien transportiert. Die Rede ist von Millionenerlösen aus Drogen-, Waffen- und anderen illegalen Geschäften.

Nicht minder hilfreich war Liechtenstein bei den Geschäften der sogenannten Venezuela-Connection, die Milliarden an Staatsgeld aus dem südamerikanischen Land illegal ins Ausland geschafft haben soll. Die Staatsanwaltschaft in Miami verdächtigt einen Schweizer Anwalt, allein 4,5 Milliarden US-Dollar für die Betrüger gewaschen zu haben. Auch hier seien eine Liechtensteiner Grossbank und ein Treuhänder involviert gewesen, so die Fahnder.

So soll eine ranghohe Regierungsbeamtin aus Venezuela zeitweise 250 Goldbarren in einem Hochsicherheitsbunker im Dorf Triesen gelagert und diese später verkauft haben. Venezuela-Geschäfte spielen auch eine Rolle in Zusammenhang mit behördlichen Untersuchungen bei der kleinen Union-Bank in Vaduz.

Geschasster Chef und Selbstanzeige

Sie ist nicht die einzige Bank in Liechtenstein, die in Schwierigkeiten steckt. So gab es bei der Sigma Bank AG anrüchige Geschäfte. Seit März 2019 ist sie eine eigenständige Tochter der Sigma Kreditbank AG, die ihrerseits Kleinstkredite bis zu 7500 Euro ausreicht, ohne grosse Sicherheiten. Die Kunden kämen besonders oft aus Deutschland, heisst es in Vaduz. Darunter seien solche, die mit ihrem Kreditwunsch schon an der Kreditwürdigkeitsprüfung scheitern, heisst es. Beide Sigma-Banken gehören dem schillernden Milliardär Martin Schlaff, einem der reichsten und einflussreichsten Österreicher.

Bis zu ihrer Übernahme 2019 firmierte die Sigma Bank AG als Volksbank und war ein Ableger der Volksbank im österreichischen Bundesland Vorarlberg. Angeblich stammen die «Mängel im Compliance-Bereich» (Originalton Sigma-Bank) aus dieser Zeit. Als Konsequenz zeigte sich die Bank selbst an und schasste mit sofortiger Wirkung ihren Chef Stefan Wolf sowie ein weiteres Mitglied der Geschäftsleitung.

Um welche «Compliance-Mängel» es geht, dazu wollen unter Hinweis auf die laufenden Untersuchungen weder die Bank selbst noch die Sprecher der Finanzmarktaufsicht (FMA) und der Staatsanwaltschaft in Vaduz Auskunft geben. Die Zeitung «Wirtschaft regional» schrieb von systematischer Geldwäsche im grösseren Stil. Kriminelle Kunden hätten die unter anderem auf Anlageberatung und Vermögensverwaltung spezialisierte Bank mit falschen Angaben getäuscht. Sicherungsmassnahmen haben offenkundig versagt. Die frühere Eigentümerin der Sigma-Bank, die Volksbank Vorarlberg, weist jede Verantwortung zurück.

Hektik auf dem Finanzplatz

Mangelnde Sorgfalt bei bestimmten Geschäften stand auch bei der Alpinum-Bank als Vorwurf im Raum. Seit 2018 drohte ihr deshalb der Entzug der Banklizenz. Nun stellte die FMA ein entsprechendes Verfahren ein, allerdings gegen strenge Auflagen. Völlig im Dunkeln liegen die Gründe für den überraschenden Rauswurf zweier Topbanker bei der VP-Bank, immerhin nach der fürstlichen LGT und der Landesbank das drittgrösste Geldhaus. Und die viel kleinere Mason-Privatbank kämpft angesichts roter Zahlen und einer Krise ihrer Muttergesellschaft in Hongkong ums Überleben.

Es geht also hektisch zu auf dem Finanzplatz, dem das nur 38000 Einwohner zählende Fürstentum einen Grossteil seines Wohlstands verdankt. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen gehört der alpine Zwergstaat zu den reichsten Ländern. Der Finanzplatz ist auf Vermögensverwaltung spezialisiert. Insgesamt 161,5 Milliarden Euro an Kundeneinlagen verwalten die 14 Banken, Auslandsgeschäfte mitgerechnet sind es sogar 325 Milliarden Euro.

Nun sorgt man sich um Ruf und Geschäft. «Wir nehmen mit Besorgnis Kenntnis von den laufenden Untersuchungen gegen einzelne Institute, respektive Vertreter von solchen», sagt Simon Tribelhorn, Geschäftsführer des Liechtensteiner Bankenverbands. «Sollten die laufenden Untersuchungen Unregelmässigkeiten zutage fördern, sind die Betroffenen zur Verantwortung zu ziehen und zu sanktionieren.»

Es trübt also nicht allein Corona die Feierstimmung. Immerhin erhält zum Staatsfeiertag jeder Bürger eine kostenlose Landesflagge, die er hissen soll. Damit es wenigstens nach aussen bunt herausgeputzt aussieht, das Fürstentum Liechtenstein.

13 Kommentare
    Pius Tschirky

    ja, sind halt schon Wölfe im Schafspelz. Nimmt mich wunder wieviel Geld wohl in den Stiftungen schlummert?