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Freizeitsport im WaldDer Vita-Parcours ist ein kultiger Alt-68er

Das Einzige, was geblieben ist: allein Laufen, allein Velo fahren. Und: der Vita-Parcours. Während der Corona-Krise erlebt er sein x-tes Revival – trotz Risiken. Eine Hymne an ein Phänomen.

Was das Gym bietet, gibt es am Vita-Parcours gratis und erst noch an frischer Luft.
Foto: Dominique Meienberg

Würde er heute gegründet, hiesse er «Workout Trail» oder «Practice Path», wäre 24/7 geöffnet und «Just for Fun», hätte «15 Stops / 43 Challenges» – auch für Kids. Dahinter stünde eine Marketingagentur, welche die coolsten Bilder auf Instagram postete und den #ShotoftheMonth auszeichnete. Doch aus dieser «Natural Gym-Experience» einen Trend zu zimmern, wäre in der heutigen Zeit auch für die gewieftesten Marktstrategen eine herkulische Aufgabe. Wird uns nicht alle zweieinhalb Wochen etwas Neues als Trend verkauft?

Aber: Er wird ja nicht heute gegründet. Der Vita-Parcours ist da, noch immer. Er ist ein Alt-68er und hat jüngst sein 50-Jahr-Jubiläum gefeiert. Er überdauerte alle Trends und Stürme in der Freizeitbranche und erlebt gerade sein x-tes Revival. Wie damals, als auf der Fluntern hoch über Zürich der erste Rundlauf gebaut wurde, kommt er auch heute noch mit den fast altertümlich anmutenden Ausdrücken wie «Posten», «Übungen», «jeden Tag rund um die Uhr gratis», aus. Englisch? Ist eine Fremdsprache und noch immer nicht nötig. Und ein Gym etwas für Leute, die nur mit Dach über dem Kopf schwitzen können. Sauerstoffbad im Wald? Wie bitte?

Idee einer Männerriege

Man erzählt sie immer wieder gerne, die Entstehungsgeschichte, als sich die Männerriege Wollishofen umgestürzte und herumliegende Bäume und Strünke im Wald für ihre Turnübungen zunutze machte. Nur hatte das Forstamt damals noch andere Vorstellungen von einem gesunden Wald: Das «tote» Material musste weggeschafft werden. Und damit wurde die Riege wiederholt ihrer «Geräte» beraubt. Die Folge: Sie schlug der Gemeinde einen fixen Parcours vor.

Diese machte mit und konnte die Vita-Lebensversicherung für das Vorhaben gewinnen, die später in der Zurich Versicherung aufging. Im Mai 1968 hatte die Stadt Zürich hinter dem Zoo ihren ersten «Vita-Parcours», 1973 waren es schweizweit bereits 100, 1990 wurde der Fünfhundertste eröffnet. Einst für die Sportlichen gedacht, wiesen die blauen Tafeln bald auch Empfehlungen für Familien auf: Sportler 10x, Familien 5x. Der Parcours wurde im Lauf der Jahrzehnte zum Phänomen und für Generationen zur Kindheitserinnerung.

Genauer betrachtet, lässt sich auch sagen, dass er auf sportlich «trockene» Erde gebaut wurde. Die Läufer waren zwar schon unterwegs, aber noch nicht als Bewegung, sondern als belächelte (mit ganz wenigen Ausnahmen) männliche Individuen, die bei der Arbeit offenbar nicht genügend müde wurden. Noch Jahrzehnte entfernt waren die Mountainbiker, die heute in unseren Breitengraden vor allem Waldbiker sind. Der Vita-Parcours bot also gratis und franko einen ungestörten Freizeitspass, der sich locker zum effizienten Kraft-/Ausdauertraining für die Ambitionierteren ausbauen liess.

Alles, was von Hand angefasst werden muss, ist in Corona-Zeiten ein Infektionsrisiko.
Alles, was von Hand angefasst werden muss, ist in Corona-Zeiten ein Infektionsrisiko.
Foto: Dominique Meienberg

Und wenn «Fit mit Jack» Günthard in den 1970er-Jahren im Schweizer Fernsehen zum Vorturner der Nation wurde, brachte er in die Stuben, was auch die Vita-Parcours-Tafeln propagierten: Koordination, Geschicklichkeit, Beweglichkeit, Ausdauer und ein wenig Kraft. Und genau das macht den Parcours in diesen speziellen Wochen des Stubenarrests mit Homeoffice und -schooling wieder so beliebt. Raus! Beine vertreten, Immunsystem stärken. Eine kleine Runde drehen. Planks im Gym? Unterarmstütz im Wald! Eine Ladung Höhenmeter auf dem Crosstrainer? Froschhüpfen in einer sonnigen Lichtung!

Die Corona-Krise zwingt uns, neue (alte) Wege zu finden. Lässt uns die Bewegung allein oder zu zweit mit gebührendem Abstand an der frischen Luft wieder entdecken. Freitagabend auf der Fluntern: Noch sind einige im herausfordernden Gelände unterwegs, steigen, stemmen, klimmen. Samstagmittag in Rüschlikon ZH: Der Grossteil der Strecke ist mit frischem Häcksel bestreut und macht den Parcours zur Finnenbahn. Läuferinnen und Läufer geniessen den weichen Teppich und lassen auch einmal eine Übung aus. Sonntagmorgen in Würenlingen AG: Die Aare fliesst ruhig Richtung Rhein, während am Ufer die Posten 3, 4 und 5 den Puls höher schlagen lassen.

Infektionsrisiko da und dort

Erstaunlich aber: Nirgends ein Hinweis, dass auch hier ein Infektionsrisiko lauert. Sich an die Ringe hängen, an Stangen, Balken, wo zuvor schon andere schwitzten? Barbara Baumann, Leiterin von Zurich Vitaparcours, sagt, man sei mit dem Bundesamt für Gesundheit in Abklärung, was für die Vita-Parcours gesamtschweizerisch gelte.

Sie sagt aber auch, dass es Bereiche gäbe, die von Kanton zu Kanton, oder sogar von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich gehandhabt würden. Dazu gehörten auch die Parcours, die von den Kommunen unterhalten werden. Und: «Sie werden immer in Eigenverantwortung genutzt, und die Massnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden müssen auch dort eingehalten werdenEigenverantwortung hiesse: Mit Handschuhen hantieren, wo nötig – verzichten, wo es angebracht scheint.

So speziell und schwierig die Zeit ist: Der Vita-Parcours dürfte auch sie überdauern. Und vielen sogar ein ganz bisschen Luft verschaffen und darüber hinweghelfen.