Zum Hauptinhalt springen

Pop-BriefingLo & Leduc gehen die Nachfolge von «079» an

Ausserdem in der wöchentlichen Pop-Rundschau: Eine Zürcher Indie-Institution sendet erfreuliche Lebenszeichen, Nick Cave ist ein Meister der Vermarktung in der Corona-Krise, und eine Spielerei lindert den heurigen Festivalfrust.

Lo & Leduc melden sich nach dem Riesenerfolg von «079» zurück. Kann die neue Single da mithalten?
Lo & Leduc melden sich nach dem Riesenerfolg von «079» zurück. Kann die neue Single da mithalten?
Foto: Keystone / Peter Klaunzer

Das muss man hören

Nick Cave & The Bad Seeds – «Idiot Prayer»

Nick Cave hat im Juli vorgemacht, wie man sich als (arrivierter) Künstler in Corona-Zeiten live präsentiert: Er trat im Londoner Alexandra Palace auf, solo. Nur er und das Piano. Die Performance wurde online gestreamt, der «Ticket»-Preis lag bei knapp unter 20 Franken. Damit sich der Aufwand richtig lohnt (und Cave erweist sich hier als Marketing- und Sales-Meister), kommt das Konzert als Film in die Kinos und wurde als Livealbum veröffentlicht. Wer mag es ihm verdenken? Und ob Fan oder nicht, der australische Grandseigneur der menschlichen Abgründe enttäuscht nicht. Die Reduziertheit der Stücke bringt nur ihre Intensität noch besser zur Geltung.

Mclusky – «Stop Feeding the Houseplants»

Andrew Falkous, seines Zeichens Sänger von Future of the Left und dem legendären Noiserock-Trio Mclusky, nutzt sein Soloprojekt Christian Fitness, um scheinbar schnell aus dem Ärmel geschüttelte Stücke auf Bandcamp zu veröffentlichen. Jetzt lässt die Nummer «Stop Feeding the Houseplants» aufhorchen, auch weil sie den Zusatz «mclusky d/d/demo» trägt. In der Tat, das tönt mit dem schnarrenden Bass, den knackigen Drums und den sengenden Gitarren nach der eigentlich 2005 eingemachten Band. Seit einigen Jahren tritt Falkous mit verschiedenen Mitstreitern wieder als Mclusky auf; seit einiger Zeit verdichten sich die Anzeichen, dass es auch ein neues Album geben würde. Dieses Demo ist ein erster Kulminationspunkt. Produzent soll wie schon bei Mcluskys epochalem 2002er-Album «Do Dallas» Steve Albini sein.

Cloud Nothings – «The Spirit Of»

Apropos Steve Albini: Die Produzentenlegende, die auch schon mit Nirvana, den Pixies oder PJ Harvey zusammenarbeitete und mit Big Black und Shellac selbst zwei prägende Noiserockbands gegründet hat, führt auch beim neuen Album «The Shadow I Remember» der US-amerikanischen Indierocker Cloud Nothings Regie. Das wird im Februar erscheinen, mit «The Spirit Of» gibt es jetzt einen Vorgeschmack. Zugänglicher als Mclusky natürlich, aber immer noch flotter Indierock mit Kante.

Altin Gün – «Ordunun Dereleri»

Die niederländischen Psychrocker Altin Gün schlagen auf ihrer neuen Single «Ordunun Dereleri» neue Töne an: Die verspulten Gitarren bleiben im Schrank, stattdessen dominieren entrückt wirkende Synths, die auch als Soundtrack einer dystopischen Anime-Verfilmung nicht fehl am Platze wären. Es ist die Neuvertonung eines anatolischen Volksliedes und ein erster Gruss vom kommenden Album «Yol».

Cabaret Voltaire – «Shadow of Fear»

Wenn aus einem Trio ein Soloprojekt wird, ist es dann noch das Original? Das dürften sich Fans von Cabaret Voltaire fragen, deren Richard H. Kirk seit einigen Jahren im Alleingang die Fahne der Industrial-Pioniere hochhält. Jetzt erscheint mit «Shadow of Fear» der erste neue Output in Albumlänge seit 1994. Die acht Stücke enthalten Licht und Schatten: Nach zwei ereignislosen Tracks sorgt «Night of the Jackal» mit seinen Acid-House-Anleihen für gespitzte Ohren. Ähnliche Wirkung entfaltet das zackige «Papa Nine Zero Delta United».

Beatsteaks – «Glory Box»

Dass die Berliner Rockband im Dezember eine EP mit Coverversionen von Songs, die sie vermutlich nachhaltig beeinflusst haben, veröffentlicht, hatten wir vor zwei Wochen schon mal. Es muss hier noch einmal erwähnt werden, weil Lied Nummer zwei eine Überraschung ist: Sie haben sich Portisheads «Glory Box» in einer durchaus hörenswerten, weil eigenständigen Version angenommen.

Martin Gore – «Mandrill»

Von Martin Gore, hauptberuflich der musikalische Mastermind von Depeche Mode, wird es vorerst nur eine neue Instrumental-EP geben. Im Januar soll «The Third Chimpanzee» herauskommen, «Mandrill» gibt einen ersten, durchwachsenen Eindruck.

Das Schweizer Fenster

Lo & Leduc – «Tribut»

Das Duo Lo & Leduc hat sich, wie so viele andere Künstler auch, angesichts abgesagter Konzerte zurückgezogen, um an neuem Material zu arbeiten. Eine erste Hörprobe ist «Tribut», ein Lobgesang auf die Musik und auf die Liebe. Produziert wurde die eingängige Nummer vom Produzententeam Jugglerz, deren wohl prominentestes Mitglied Sir Jai bereits Arbeitserfahrung mit den beiden Mundartkünstlern hat. Entstanden ist ein Lied, das definitiv Charts-Potenzial besitzt ob es sich mit dem Überhit «079» messen kann, wird sich zeigen.

Noémi Büchi – «Matière»

Die Zürcher Komponistin experimenteller Musik Noémi Büchi lotet auf «Matière» die stilleren Töne perkussiver Instrumentierungen aus. Da lohnt sich ganz genaues Hinhören: Es blongt und bleept vor sich hin, dass es eine Freude ist. Hier liegt nicht der Teufel, sondern die Schönheit im Detail.

Das gibt zu reden

Ende Oktober tauchte auf einmal My Heart Belongs to Cecilia Winter auf Instagram auf. Meist passiert so etwas ja nicht aus blauem Dunst, und so ist es auch bei der einstigen Zürcher Indie-Institution. Um das zehnjährige Jubiläum ihres Albums «Our Love Will Cut Through Everything» zu feiern, wurde es als Deluxe-Vinyl neu aufgelegt. Ein Geburtstagsgeschenk gibt es auch: Die Band erfreut die Fans mit der hörenswerten neuen Single «Oh Sister». Da geht natürlich ein Raunen durch die Schweizer Independent-Szene: Kommt da noch mehr? Immerhin gab es seit fast acht Jahren keinen neuen Output.

Das Fundstück

Wie viele Konzerte haben Sie 2020 besucht? Mit etwas Glück ein, zwei Handvoll im Winter, aber danach? Und in den Genuss eines Festivals dürfte wohl kaum jemand gekommen sein in diesem Jahr. Umso schöner, dass es Spielereien wie den 90s Festival Generator gibt. Auf der Website kann man anhand fiktiver, zufällig erstellter Line-ups in Nostalgie schwelgen. Doch das alleine wäre nicht sehr nachhaltig: Hinter jedem Bandnamen findet sich ein Auftritt dieser Künstler aus den Neunzigerjahren und natürlich an einem Festival.

Die Wochentonspur

Diese Playlist versorgt mit Hörstückchen der wichtigsten oder einfach spannender Neuerscheinungen aus den letzten Wochen, auch mit denen, die hier keine Erwähnung fanden. Zum Beispiel mit der frechen LFO-Reminiszenz von Mark Pritchard, einer Nummer vom neuen Album «KG» der Psychedelic-Heads King Gizzard & The Lizard Wizard (dem 16. in neun Jahren!) und einer neuen Single von Schwedens Politrockern Refused, die mit «The Malignant Fire» eine EP ohne weitere Überraschungen veröffentlicht haben.

3 Kommentare
    Herbert Berger

    Bitte nicht! Bitte bitte biiiiittteee keinen Nachfolger von 079. Nachdem dieser Song endlich (fast) verschwunden ist, brauchen wir nicht nochmals so einen Song, der einen auf Schritt und Tritt im Radio verfolgt und nervt.