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SRF-Sportchef im Interview«Seien wir ehrlich: Um 22.20 Uhr waren die News nicht mehr aktuell»

Das Schweizer Fernsehen kippt «sportaktuell» und setzt auf Frauensport. Roland Mägerle erklärt, wie er ältere Zuschauer halten will – und jüngere gewinnen.

«Sportaktuell» (hier im Bild mit Moderator Lukas Studer) fällt aus dem Programm: «Wir streichen auch keine Inhalte, sondern verlagern sie ins Digitale», sagt der SRF-Sportchef Roland Mägerle dazu.
«Sportaktuell» (hier im Bild mit Moderator Lukas Studer) fällt aus dem Programm: «Wir streichen auch keine Inhalte, sondern verlagern sie ins Digitale», sagt der SRF-Sportchef Roland Mägerle dazu.

Hat SRF Sport ein Problem mit zu viel Nähe?

Wie kommen Sie darauf?

Zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit. Erstens: SRF inszenierte den neuen Federer-Schuh so penetrant, dass das Bundesamt für Kommunikation aktiv werden musste. Zweitens: Dem Schweizer Frauenfussball widmet SRF neu Live-Sendezeit, indem es Meisterschaftsspiele überträgt. Sie redeten in diesem Zusammenhang gar von Partnern. Unabhängiger Journalismus klingt anders.

Wir berichten schon länger über Frauenfussball. Zudem ist seine Bedeutung gewachsen. Wir wollen dieser Bedeutung gerecht werden. Was die Vertragspartnerschaft mit der SRG angeht: Die SRG steht mit dem Schweizerischen Fussballverband schon lange in einem Vertragsverhältnis. Vertraglich geregelt sind Ausstrahlungsrechte und Produktion. Ergo haben wir eine Partnerschaft, das stimmt. Aber die publizistische Verantwortung der Programminhalte liegt einzig bei den sprachregionalen Sendern.

Zugleich wirkt es so, als könnte man sich Publizität bei SRF erkaufen. Immerhin lockte der Fussballverband mit viel Werbegeld – via Axa, den Sponsor der Frauen-Liga.

Die Axa ist bei SRF schlicht TV-Sponsor, wirbt im Umfeld unserer Frauenfussball-Übertragungen. Das ist legitim und das tun auch andere Verbände oder Veranstalter bzw. ihre Sponsoren. Wir investieren ohnehin nur in Inhalte, von denen wir überzeugt sind und die dem Service-public-Gedanken entsprechen.

Aber wer als Verband oder Liga potente Sponsoren um sich weiss, hat doch höhere Chancen, ins Programm zu kommen – indem diese Verbände oder Ligen über ihre Sponsoren viel Werbegeld garantieren können.

Falsch gedacht. Als Veranstalter wird man für uns nur interessant, wenn das Produkt stimmt. Das kann eine Meisterschaft von Fussballerinnen sein.

Sie sagen, dass Frauenfussball einem breiteren Zuschauerbedürfnis entspreche. Folgen Sie nicht schlicht dem Zeitgeist? Andere Sportarten – egal, ob mit oder ohne Frauen – sind im Vergleich mindestens so interessant, aber zurzeit weniger im Gespräch.

Die Zahlen sind sehr gut – mit Spitzen bis zu 148’000 Zuschauern im Spiel St. Gallen-Staad gegen GC. Wir waren gar überrascht, wie viele Leute sich auf SRF einschalteten. Wir decken also ein Bedürfnis ab.

Kollektiver Jubel beim FC St. Gallen-Staad: Nicht nur gewannen die Ostschweizerinnen das Auftaktspiel gegen GC 2:0, es war ausserdem das erste SRF-Livespiel der höchsten Schweizer Frauenliga.
Kollektiver Jubel beim FC St. Gallen-Staad: Nicht nur gewannen die Ostschweizerinnen das Auftaktspiel gegen GC 2:0, es war ausserdem das erste SRF-Livespiel der höchsten Schweizer Frauenliga.
Foto: Eddy Risch (Keystone)

«Wir bieten eine grössere Vielfalt denn je.»

Sie reden von Bedürfnis im Zusammenhang mit Frauenfussball und fokussieren damit noch stärker auf den ohnehin schon dominanten Fussball. Mit dieser Strategie verschärft sich ein Problem, das bei SRF offensichtlich ist: Primär die grossen Sportarten werden breit abgedeckt, die kleineren hingegen finden ausser in Live-Formaten kaum mehr Beachtung.

Falsch. Wir bieten eine grössere Vielfalt denn je.

An was gemessen?

Seit 2013 haben wir das Live-Sport-Volumen mehr als verdreifacht – davon profitieren auch die kleineren Sportarten. Sie erhalten mehr Aufmerksamkeit, wenn wir sie nahe an grossen Sportarten senden.

Das Volumen haben Sie primär über sehr viel mehr Live-Sport gesteigert. Ist das Ihr Verständnis von Vielfalt?

Ich kann Sie beruhigen: Wir sind sehr darauf konzentriert, unserem Publikum eine breite Palette anzubieten.

«sportaktuell» war eines von wenigen Gefässen, in denen Hintergrund bei SRF zu sehen war. Nun fällt es weg. Andere Formen wie Recherchen, Dokumentationen oder Analysen kommen so gut wie gar nie vor. Dafür forcieren Sie den Onlinekanal. Stehen Sie für die Boulevardisierung des SRF-Sports?

«sportaktuell» mag wegfallen, aber sind wir ehrlich: Um 22.20 Uhr, wenn wir jeweils «sportaktuell» sendeten, waren die News schlicht nicht mehr aktuell. Wir streichen auch keine Inhalte, sondern verlagern sie ins Digitale. Grundsätzlich wollen wir die Sportnews unmittelbar publizieren. Die Sportaktualität wiederum bleibt dem TV-Publikum in Form von Flashes erhalten.

Roland Mägerle, der Abteilungsleiter SRF Sport.
Roland Mägerle, der Abteilungsleiter SRF Sport.
Foto: SRF

Sie sagen, «sportaktuell» entspreche nicht mehr der Art, wie viele Menschen die Medien nutzen würden. Wie folgt SRF Sport dem Publikum?

Das Nutzungsverhalten hat sich tatsächlich verändert. «sportaktuell» gründeten wir vor 23 Jahren. Die Zahlen sind rückläufig. Zudem wollen wir auch ein jüngeres Publikum erreichen. Das schaffen wir nicht mit einer Aktualitätssendung um 22.20 Uhr im TV. Eines möchte ich in diesem Zusammenhang auch noch anfügen.

Bitte.

Es ist ein Klischee, dass Onlinejournalismus immer seicht und oberflächlich sei. Wir unterscheiden auf jeden Fall nicht zwischen digitalem und sogenannt traditionellem Sportjournalismus. Natürlich verändert sich, wie man Dinge erzählt. Ein Beispiel: Wir publizierten vor dem jüngsten Lauberhorn-Rennen ein Erzählstück auf dem Onlinekanal mit Daten und Videos. Das hätten wir früher in einem Hintergrundmagazin gesendet. Nun bringen wir es online, weil es neue Nutzergruppen anspricht.

«sportaktuellwar nicht mehr zeitgemäss.»

Sie behaupten, über den Onlinekanal die gleiche Qualität zu liefern wie via TV. Faktisch aber sind fast alle Printmarken im Onlinekanal boulevardlastiger unterwegs als im Print. Warum soll das bei SRF anders sein?

Weil bei uns der Qualitätsanspruch unabhängig vom Kanal der gleiche ist. Wir unterscheiden nicht zwischen den Medien.

Warum bringt es Ihre Redaktion, die grösste Sportredaktion der Schweiz, dann nicht zustande, mit Recherchen auch immer wieder Themen zu setzen, die für Schlagzeilen sorgen – während die Kollegen im umliegenden Ausland das regelmässig schaffen?

Der Vergleich hinkt. Oft haben diese Sender ganz andere Möglichkeiten. Nehmen Sie Hajo Seppelt in Deutschland, der sich mit einer grossen Redaktion um Doping oder Sportpolitik kümmern kann. Wir haben die Ressourcen dafür schlicht nicht.

Die angeblich grosse Redaktion um Hajo Seppelt besteht aus neun Journalisten. Und ein einziger Seppelt reichte doch bei SRF.

Wir versuchen, unsere Mittel optimal einzusetzen. Gerade im Livebereich haben wir ein einzigartiges Angebot im europäischen Raum. Auch der Mix zwischen live und Hintergrund stimmt. Wir setzen sehr wohl immer wieder Reizpunkte – der damalige BAG-Delegierte Daniel Koch lancierte etwa im «Sportpanorama» die Diskussion um Sportevents mit Publikum.

Funktioniert Ihr Ansatz – steigt die Zahl an jungen Konsumenten bei SRF-Sport?

Zumindest nehmen die Zugriffszahlen auf unseren Onlinekanal stetig zu – zuletzt auch trotz Covid-19. Auch sind wir mittlerweile auf Youtube präsent. Und ich kann sagen: Via lineares Fernsehen erreichen wir sie kaum mehr, über diese Kanäle hingegen schon.

Auf welchem Niveau legt SRF-Sport zu?

Auf Instagram haben wir mittlerweile 116’000 Abonnenten (zum Vergleich: «20 Minuten» weist auf Instagram 112’000 Abonnenten aus).

«Hintergrund soll auch weiter im TV seinen Platz haben.»

Werden in Zukunft alle Formate von der TV-Plattform verschwinden – ausser dem Livesport?

Der Digitalanteil wird immer mehr zunehmen. Aber die Vertiefung soll auch im TV weiter seinen Platz haben. Darum bauen wir den Hintergrund im «Sportpanorama» gar aus. Auch rund um die Live-Berichterstattung wollen wir Themen setzen.

Sie sagen, das grösste Interesse der Zuschauer bestehe am Livesport. Sind Sport-Zuschauer so eindimensional?

Sie sind schlicht am Sport interessiert. Das Ereignis und die sportliche Leistung sind zentral für sie. Ich kann daran nichts Eindimensionales erkennen.

Dann ein Beispiel: Sie senden viele Livestunden auch kleinerer Sport-Events, ohne sie journalistisch zu begleiten. Sollte Service public nicht ein bisschen mehr sein, als unkommentiert Anlässe online zu streamen?

Wenn wir, wie Sie sagen, bloss unkommentiert live streamen, muss ich Sie darauf hinweisen: Wir bieten davor oder danach Beiträge, in denen wir das Ereignis einordnen. Das ist der Mehrwert, den wir bieten.

Dafür kommentiert SRF in einzelnen Sportarten zu zweit – warum diese Diskrepanz zwischen den Sportarten?

Sie spielen auf die Leichtathletik an. Es ist der einzige Sport, den wir live mit zwei Kommentatoren besetzen. Der Grund: Ein grosses Meeting ist so dicht mit Disziplinen besetzt und läuft so schnell ab, dass es zwei Journalisten braucht, um einen so komplexen Anlass seriös begleiten zu können. Ansonsten würde die Qualität leiden.

In der Corona-Zeit hat Ihr Ressort – wie viele Sport-Redaktionen im Printbereich – auch von Rückschauen gelebt. Was sagt dieser doch eher biedere Ansatz über den Stand des Sportjournalismus in der Schweiz aus? Jüngeres Publikum wird damit kaum gewonnen.

Ich teile den Eindruck nicht. Wir zeigten viel Innovation und Kreativität – etwa mit neuen Fitnessformaten oder der Sommerserie «hautnah».