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Neue «Pinocchio»-VerfilmungLügen nach dem Lustprinzip

In Zeiten von Fake News muss Pinocchio als Inbegriff des Lügners herhalten. Aber ist das wirklich gerecht?

Pinocchio macht seinem Erbauer Geppetto (Roberto Benigni) das Leben schwer.
Pinocchio macht seinem Erbauer Geppetto (Roberto Benigni) das Leben schwer.

Wenn es um Fake News geht, ist Pinocchio schnell zur Hand, als Verkörperung des schamlosen Lügners. Der hölzerne Lausebengel aus Carlo Collodis Kinderbuchklassiker von 1881 hat wegen seiner verräterischen Nase eine steile Karriere in der Populärkultur hinter sich: Sobald er lügt, beginnt diese Nase zu wachsen, bis sie «gegen das Bett oder gegen die Fensterscheiben» schlägt.

Heute gilt Donald Trump mit seinen «alternativen Fakten» als grosser Pinocchio. Wie praktisch wäre es, wenn es ihm genauso ginge wie dem Jungen aus Holz. Doch das Problem der Lüge in diesen Zeiten ist gerade, dass sie nicht so leicht von der Wahrheit zu unterscheiden ist. Dagegen fliegen Pinocchios Lügen auf, bevor er sie überhaupt richtig ausgesprochen hat. Und er lügt nicht, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Er hat nur eins im Kopf, und das ist Spass und Spiel.

Auch wenn er in den unzähligen Adap­tionen mal anarchischer und wilder, mal fauler und egoistischer, mal liebes­bedürftiger und verträumter daherkommt, lebt der Holzbengel doch immer nach dem Lustprinzip. Taucht eine Gelegenheit für ein Abenteuer oder einen Streich auf, packt er sie beim Schopf. An die Konsequenzen denkt er dabei erst, wenn es schon zu spät ist. Dafür steht die lange Nase.

Pinocchio ist frech und rücksichtslos, und er manipuliert die Erwachsenen. Aber seine Lügen sind unter den Dummheiten, die er anstellt, bei weitem nicht die schlimmsten. Wie kommt es dazu, dass dieser kleine ­Anarchist als Inbegriff des Lügners gilt? In der Populärkultur gibt es viele Figuren, die sich von ihrer literarischen Vorlage ablösen und ein Eigenleben entwickeln.

Dabei geht ihre Vielschichtigkeit zugunsten einer ­klaren, eingängigen Botschaft verloren. Gerade bei Kinderfiguren schleicht sich in der Wahrnehmung gern ein Hauch pädagogisch-moralische Strenge gegenüber allzu verspielten Tendenzen ein: Alice im Wunderlands Neugier bringt sie in Lebensgefahr, und Peter Pans Wunsch, für immer ein Kind zu bleiben, macht ihn zum Prototyp des Weicheis.

Wenn man genau hinschaut, wird klar: Bei Pinocchio ist der Punkt gar nicht die Tatsache, dass er lügt. Was ihn zum popkulturellen Mythos macht, ist, dass ihn sein eigener Körper in Form der Nase sofort verrät und bestraft – und ihn daran erinnert, dass er nur eine Puppe ist, ein Fake eben. Erst als er mit den Dummheiten aufhört, wird er ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut, und seine eigene Nase weist ihm den Weg. Was man von den Exponenten der Fake News nicht behaupten kann.