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Weinbau im Kanton GenfLuzerner Wurzeln, Genfer Reben und Appenzeller Bier

Sonntagsausflug nach Jussy in der westlichsten Ecke der Schweiz, wo der Luzerner Josef Meyer preisgekrönte Weine anbaut und den Appenzellern beim Bierbrauen hilft.

Seit 800 Jahren thront bei Jussy westlich von Genf das Château du Crest über der Ebene.
Seit 800 Jahren thront bei Jussy westlich von Genf das Château du Crest über der Ebene.
Foto: Paolo Battiston

«Man darf es ja nicht laut sagen», sagt Josef Meyer – und er sagt es laut und deutlich, während er den
Viognier entkorkt, einen spritzigen Weissen vom vorletzten Jahr. Der Weinbauer nippt am Glas und
fährt fort: «Die Fallzahlen der Infektionen sind markant gestiegen. Vor allem unten in der Stadt. Aber die Zahl der Toten wächst viel langsamer.» Man müsse kein Virologe sein, resümiert er, um zu erkennen, dass das Virus sich verändert hat.

Mittlerweile perlt ein fruchtiger roter Divico im Degustationsglas; der habe «dank seiner natürlichen Resistenz biologisch reifen können», erklärt Meyer, lässt sich den Tropfen auf der Zunge zergehen und nimmt das Thema wieder auf: «Die erwartete Mutation ist eingetreten. Aber das Virus ist nicht, wie befürchtet, gefährlicher – es ist harmloser geworden.»

Rebberge in der hintersten Ecke der Schweiz

Vom Salève, dem französischen Hausberg der Genfer, streicht ein lauer Abendwind über die Reben im westlichen Genfer Hinterland. Auf einem kleinen Hügel über der Ebene thront, seit 800 Jahren schon, das Château du Crest. Hier, in der hintersten Ecke der Schweiz, ist Corona kaum mehr als eine lateinische Vokabel, die Pandemie gefühlt weiter weg als an jedem anderen Ort.

Josef Meyer, 62, der Pächter des Weinguts, bringt jährlich rund 180’000 Flaschen auf den Markt, je zur Hälfte gefüllt mit rotem und weissem Wein. Etiketten mit 22 verschiedenen Namen bezeichnen die Vermählung von 20 Traubensorten in unterschiedlichen Mischverhältnissen. Mit dem Verschnitt edler Traubensorten – «Assemblage nennen wir das!» – hält Meyer sich an die Tradition der grossen französischen Weine. Mit Erfolg: Letztes Jahr hat er an der Expovina in Zürich mit dem «Premium rouge» und dem «Premium blanc» zweimal den ersten Preis gewonnen.

Seit 34 Jahren bewirtschaftet Josef Meyer 300 Hektaren; vor allem Zuckerrüben und allerlei Getreidesorten gedeihen auf seinem Land. Die Rebberge jedoch nehmen lediglich 20 Hektaren ein, flächenmässig weniger als 10 Prozent. «Ein guter Wein», gibt er zu bedenken, «erfordert im Verhältnis zur Anbaufläche 50-mal mehr Arbeit als der Anbau von Getreide wie die Gerste.»

«La petite fraiche» statt «Quöllfrisch»

Josef Meyer: Nicht nur Weinbauer, sondern auch Gastgeber, Stadtführer, Lokalpolitiker und, und, und.
Josef Meyer: Nicht nur Weinbauer, sondern auch Gastgeber, Stadtführer, Lokalpolitiker und, und, und.
Foto: Josef Août

Gerste? Ist das nicht eher etwas für Bierbrauer? Richtig, schmunzelt Josef Meyer, und er erklärt, warum er nicht nur dazu beiträgt, dass der zweitkleinste Kanton zum – hinter der Waadt und dem Wallis – drittgrössten Schweizer Weinproduzenten geworden ist. Darüber hinaus sei er wohl der einzige Winzer im Land, der neben Trauben auch Gerste anbaut, die er in den zweitkleinsten Halbkanton liefert: «Weil die Welschen das Wort Quöllfrisch nicht über die Zunge bringen, haben die Appenzeller Braumeister das Bierlabel la petite fraiche kreiert – für die französischsprachige Schweiz. Dabei legen sie Wert darauf, dass der Rohstoff dort reift,
wo das Bier getrunken wird – im Welschland. Bei mir!»

Josef Meyer, geboren und aufgewachsen auf dem Hof eines Viehzüchters im luzernischen Inwil, musste früh schon von der unbeschwerten Jugendzeit Abschied nehmen. Er war 14, als der Vater starb; als Teenager übernahm Josef die Verantwortung für den Hof und die drei jüngeren Geschwister. Als diese alt genug waren, überliess er ihnen das väterliche Erbe und zog westwärts, um die Kunst des Weinbaus zu erlernen. Mit 28 konnte er die Pacht der Domaine du Crest übernehmen.

Neben dem Weinbau engagiert sich Josef Meyer in der Lokalpolitik und im Gastgewerbe: Neun Jahre lang prägte er als Gemeindepräsident das Leben im 1000-Seelen-Dorf Jussy. «Wichtiger als die Parteipolitik
ist in der Gemeinde die Gemeinschaft, in der jeder für jeden einsteht.»

Degustationen und Stadtführungen

Das gilt insbesondere auch für die Gemeinschaft auf seinem Landgut. Wer in Meyers sechs frisch renovierten Gästezimmern logiert, kommt nicht nur in den Genuss einer Weindegustation. Besonders gern führt der Wahlgenfer aus Luzern seine Zürcher Gäste als Stadtführer durch die Calvinstadt; er zeigt ihnen, dass «die Stadt an der Rhône ihrer Schwester an der Limmat in nichts nachsteht»: Beide liegen, eingebettet zwischen Bergen, am Ende eines Sees; beide sind geprägt vom Geiste grosser Reformatoren, beide sind stolz auf ihre Jonction, wo zwei Flüsse sich vereinen – und auf eine Shopping-Avenue, die vom Bahnhof zum See führt. «Aber den Jet d’eau haben wir den Zürchern voraus», schmunzelt Meyer. «Wir können unter einer 140 Meter hohen Fontäne duschen!»

Als Gemeindepräsident hat Josef Meyer einst dafür gesorgt, dass die Auberge de la Couronne nicht einer Fast-Food-Kette zum Opfer fällt. Davon will er ab Ende nächsten Jahres häufiger profitieren. «Dann lege ich das Château in die Hände meiner Tochter Esther und habe wieder Zeit für den Stammtisch in der Couronne.»

Beim Degustieren öffnet er eigene Flaschen. Aber das Tschumpeli, mit dem er in der Beiz auf die Gemeinschaft anstösst, stammt grundsätzlich aus fremden Kellern. «Ich muss doch wissen», sagt Josef Meyer, «was die Konkurrenz so macht!»

Die Reportage wurde unterstützt von Geneva Tourism