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Prozess um Agent OrangeMadame Courage gegen die Chemiegiganten

Tran To Nga leidet an schweren Krankheiten wegen des Herbizids, das die USA im Vietnamkrieg einsetzten. 14 US-Konzerne, die Agent Orange hergestellt hatten, hat die Frankovietnamesin vor Gericht gebracht.

«Das ist mein letzter Kampf»: Tran To Nga – hier bei einem Besuch in Zürich im Juni 2018.
«Das ist mein letzter Kampf»: Tran To Nga – hier bei einem Besuch in Zürich im Juni 2018.
Foto: Urs Jaudas

Es ist ein Kampf wie David gegen Goliath. Eine alte, kranke Frau nimmt es auf gegen 14 US-Konzerne, darunter Chemieriesen wie Dow Chemical. Diese Unternehmen hatten im Vietnamkrieg die hochgiftige Substanz Agent Orange produziert und ans US-Militär verkauft. Die Amerikaner setzten das Herbizid als Kriegswaffe zur Entlaubung des Dschungels in Vietnam ein.

Vor einem Gericht in Evry südlich von Paris müssen sich die Konzerne gegen die Vorwürfe von Tran To Nga verteidigen. Die bald 79-jährige Französin vietnamesischer Herkunft ist die Klägerin in diesem historischen Prozess, in dem die Verantwortlichkeiten für die durch Agent Orange verursachten Gesundheitsschäden festgestellt werden sollen. Tran To Nga klagt an, dass sie wie Millionen von Vietnamesen vergiftet worden sei.

Auch die beiden Töchter von Tran To Nga und ihre Enkelkinder haben gesundheitliche Probleme. Ihr erstes Kind wurde nur 17 Monate alt.

Bei ihren Medienauftritten wirkt Tran To Nga robust und entschlossen, doch sie ist schwer krank. Sie leidet an einer Blutkrankheit, an der Hautkrankheit Chlorakne, an Diabetes Typ 2 sowie an Herzproblemen und Brustkrebs. Bis heute hat sie erhöhte Dioxinwerte im Blut. Auch die beiden Töchter, 1971 und 1974 geboren, leiden unter den Folgen von Agent Orange, eine von ihnen an derselben Blutkrankheit wie ihre Mutter. Sogar die Enkelkinder von Tran To Nga haben mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.

Die erste Tochter von Tran To Nga starb 1969: Sie wurde schon kurz nach der Geburt krank und nur 17 Monate alt. Erst viele Jahre später stellte die Frankovietnamesin einen Zusammenhang her zwischen dem Tod ihres ersten Kindes und der fatalen Wirkung von Agent Orange.

Im Vietnamkrieg hatten die USA zwischen 1961 und 1971 rund 80 Millionen Liter Herbizid eingesetzt, um den Dschungel zu entlauben, wo sich die Vietcong-Kämpfer versteckt hielten – und um deren Ernten zu vernichten. Bei etwa 50 Millionen Liter der Entlaubungsmittel handelte es sich um Agent Orange, das mit Dioxin durchsetzt war. Das Dioxin TCCD ist extrem giftig und stark krebserregend. Und es kann das Erbgut des Menschen schädigen. 4 Millionen Vietnamesen sollen mit Agent Orange in Kontakt gekommen sein.

Von den Menschen, die direkt dem Herbizid ausgesetzt waren, starben Hunderttausende an Krebs. Zudem verseuchte Agent Orange für lange Zeit mehr als 2 Millionen Hektaren Flächen etwa Wälder, Gewässer und landwirtschaftliche Böden. Der amerikanische Krieg, wie er in Vietnam heisst, endete am 30. April 1975. Agent Orange vergiftet aber die Menschen in Vietnam bis heute. Jedes Jahr kommen Tausende Kinder mit geistigen Behinderungen und körperlichen Missbildungen zur Welt.

Es geht um Gerechtigkeit für Millionen von Opfern

Im Prozess gegen die einstigen Agent-Orange-Hersteller geht es Tran To Nga nicht um Geld, auch nicht um Hass oder Rache, sondern um Gerechtigkeit – und zwar im Namen aller betroffenen Menschen in Vietnam. «Ich kämpfe nicht für mich selbst, sondern für meine Kinder und Millionen von Opfern», sagte sie vor dem Gerichtstermin in der vergangenen Woche.

Was Agent Orange in Vietnam angerichtet habe, dürfe nie vergessen werden. Dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit müsse gesühnt, und die verantwortlichen Unternehmen sollten zur Verantwortung gezogen werden. Ein Gericht müsse endlich anerkennen, dass in Vietnam ein Ökozid begangen worden sei, forderte die couragierte Rentnerin. Der Prozess in Evry, wo sie auch wohnt, «ist mein letzter Kampf», sagte Tran To Nga, die in vielerlei Hinsicht weiss, was kämpfen bedeutet.

Eines der späten Opfer von Agent Orange in einer Aufnahme von 2015: Hai Yen, deren Grossvater im Vietnamkrieg gekämpft hatte, wurde mit einem verkrüppelten linken Bein geboren.
Eines der späten Opfer von Agent Orange in einer Aufnahme von 2015: Hai Yen, deren Grossvater im Vietnamkrieg gekämpft hatte, wurde mit einem verkrüppelten linken Bein geboren.
Foto: Vincenzo Capodici

1942 im damaligen Französisch-Indochina geboren, erlebte sie als Kind mit, wie ihre Eltern gegen die französische Kolonialmacht kämpften. Und als junge Frau schloss sich Tran To Nga 1965 dem Widerstandskampf des Vietcong gegen die Amerikaner an. Dabei war sie als Lehrerin und Kriegsberichterstatterin tätig.

Im Dezember 1966 kam sie erstmals mit Agent Orange in Kontakt, als US-Transportflugzeuge vom Typ C-123 über dem Dschungel des Ho-Chi-Min-Pfads weissliches Puder versprühten. «Das Puder verwandelte sich in eine klebrige Flüssigkeit, die meinen ganzen Körper erfasste und umschloss», schreibt Tran To Nga in ihrer 2016 erschienenen Autobiografie «Mein vergiftetes Land». Und weiter: «Ich musste husten. Und ich hatte das Gefühl zu ersticken.» Sie habe zwar gewusst, dass die Amerikaner Entlaubungsmittel einsetzten, aber nicht geahnt, welche Folgen diese für die Gesundheit haben könnten.

Die letzten Kriegsjahre verbrachte sie als Vietcong-Helferin im Untergrund im feindlichen Saigon, der späteren Ho-Chi-Minh-Stadt. Dort wurde sie verhaftet und gefoltert. Als mit dem Fall von Saigon im April 1975 der Krieg zu Ende ging, kam Tran To Nga frei. Im kommunistischen Vietnam lebte sie bis 1992. Dann zog sie nach Frankreich, wo sie auch die französische Staatsbürgerschaft erhielt. Als Französin und Agent-Orange-Betroffene war sie berechtigt, in Frankreich gegen ausländische Unternehmen zu klagen.

Vietcong-Widerstandskampf gegen die USA: Tran To Nga in einer Aufnahme von 1968.
Vietcong-Widerstandskampf gegen die USA: Tran To Nga in einer Aufnahme von 1968.
Foto: Privat

Tran To Nga ist zäh und «dickköpfig», wie sie selber sagt. Ihren Kampf gegen die amerikanischen Agrochemie-Konzerne nahm sie vor über zehn Jahren auf. In den 2000er-Jahren war ihr immer klarer geworden, welche Gesundheitsschäden Agent Orange verursacht. Damals begann sie, regelmässig nach Vietnam zu reisen, wo sie sich in sozialen Projekten für Betroffene von Agent Orange engagierte und Ähnlichkeiten zu ihrer schlechten gesundheitlichen Situation feststellte. In der einstigen Heimat kam sie auch in Kontakt mit der 2004 gegründeten Vereinigung der vietnamesischen Agent-Orange-Opfer. Diese unterstützt ihren Kampf.

Die US-Firmen, die Agent Orange hergestellt hatten, haben bis heute den vietnamesischen Opfern – im Gegensatz zu erkrankten amerikanischen Vietnamveteranen – keinen einzigen Dollar Entschädigung gezahlt. Eine Klage von Dutzenden vietnamesischen Staatsangehörigen scheiterte 2005 vor einem New Yorker Gericht. Das Berufungsgericht und der Supreme Court der USA bestätigten das erstinstanzliche Urteil.

Politisch motivierte Urteile in den USA

Den Klägern wurde unter anderem vorgehalten, dass sie Agent Orange nicht zweifelsfrei als Ursache ihrer Gesundheitsprobleme nachweisen könnten. Nach Ansicht vieler Rechtsexperten waren die Urteile der US-Gerichte politisch motiviert. Auf amerikanischer Seite besteht die Angst vor einer Kaskade von Entschädigungsklagen mit kaum schätzbar hohen Kosten.

Die Hoffnungen der vietnamesischen Agent-Orange-Opfer ruhen nun auf Tran To Nga. An ihrer Seite stehen vietnamesische Opferverbände und internationale Nichtregierungsorganisationen. Drei renommierte Anwälte vertreten Tran To Nga vor Gericht. Sie helfen ihr seit Jahren, ohne ein Honorar zu verlangen.

Trotzdem musste sie hohe Kosten stemmen etwa für medizinische Gutachten und Übersetzungen von Dokumenten. In den letzten Jahren tourte sie durch viele Länder, um auf ihren Kampf aufmerksam zu machen und um Gelder zu sammeln. 2018 war sie auf Einladung der Vereinigung Schweiz-Vietnam auch in Basel und in Zürich.

Tran To Nga und ihre Mitstreiter führen einen schwierigen Kampf gegen mächtige Gegner, die sich auf eine Armada von Anwälten stützen, die es verstanden haben, das Verfahren jahrelang zu verschleppen. Vielleicht auch in der Hoffnung, dass die schwer kranke Klägerin vorzeitig stirbt. Von der Einreichung der Klage bis zum eigentlichen Prozessbeginn mit den Plädoyers aller Parteien in der letzten Woche vergingen sieben Jahre.

Die Klägerin freut sich über den «ersten Sieg»

Sollte das Gericht von Evry der Klage von Tran To Nga folgen, wäre es das erste Mal, dass ein vietnamesisches Opfer entschädigt wird. Allerdings muss die Klägerin davon ausgehen, dass die US-Konzerne in Berufung gehen würden. Der Rechtsstreit dürfte also noch viele Jahre dauern.

Trotzdem zeigte sich die Frankovietnamesin fürs Erste zufrieden. «Die amerikanischen Chemiefirmen haben nie auf irgendeine Klage zu Agent Orange reagiert», sagte Tran To Nga vor den Medien. «Aber bei der Klage einer einzigen alten Frau wie mir haben sie geantwortet, und sie haben sich vor dem Gericht präsentiert.» Das sei «schon ein erster Sieg», erklärte diese Madame Courage. Solange sie kann, wird Tran To Nga weiterkämpfen.

26 Kommentare
    hans drager

    Solidaritätsadresse VI (Schluss)

    Dies kann nur all jene verwundern, die Krankheit nicht als politischen Sachverhalt begreifen, wie es die u.a auch nach dem Vorbild der Vietcong selbstorganisierten Patienten des legendären Sozialistischen Patientenkollektivs (SPK) vor nunmehr 50 Jahren taten, an dessen revolutionärer Theorie und Praxis auch ich mich orientiere. Als politisch bewusste Patienten wissen wir sehr gut, dass unsere Kraft in der kollektiven Bewusstwerdung unserer Krankheit und deren Externalisierung gegen die Autoren und privilegierten Sachwalter eines durch pharmazeutische Produkte, Pestizide und Strahlen vergifteten Lebens.

    In Übereinstimmung mit der SPK These „Aus der Krankheit eine Waffe machen“ (siehe das gleichnamige Buch auf der multilingualen Internet-Seite des Sozialistischen Patientenkollektivs und der Patientenfront – SPK/PF(H)) wünsche ich Mme. Tran To Nga viel Kraft aus der Krankheit