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Kopf des TagesMan kennt ihn nur in Uniform

Israels neuer Aussenminister Gabi Ashkenazi fügt sich etwas widerwillig, aber mit militärischem Gehorsam den Wünschen seines Parteichefs Benny Gantz.

Gabi Ashkenazi und Benny Gantz haben die Kooperation mit Yair Lapid und Moshe Yaalon (von links nach rechts) aufgekündigt, um doch eine Koalition mit dem bisherigen Premierminister Benjamin Netanyahu zu bilden.
Gabi Ashkenazi und Benny Gantz haben die Kooperation mit Yair Lapid und Moshe Yaalon (von links nach rechts) aufgekündigt, um doch eine Koalition mit dem bisherigen Premierminister Benjamin Netanyahu zu bilden.
Foto: Amir Cohen (Reuters)

Befehl ist Befehl. Das ist in der Politik nicht anders als in der Armee. Zumindest wenn man so eine Auffassung von Pflichterfüllung hat wie Gabi Ashkenazi. Der frühere Generalstabschef der israelischen Streitkräfte wäre lieber Verteidigungsminister geworden. Das hat ihm Benny Gantz öffentlich versprochen. Auf Geheiss von Gantz muss der 65-Jährige nun den Posten des Aussenministers in der auf drei Jahre angelegten Einheitsregierung übernehmen. Ashkenazi fügt sich dem Kommando, denn Gantz ist sein Chef in der blau-weissen Partei.

In der Armeeführung war Gantz Ashkenazis Nachfolger. Gantz will nun selbst Verteidigungsminister werden in einer Regierung, die wieder von Benjamin Netanyahu geführt wird. In dieser Position, so hofft der künftige Vizeministerpräsident, hat er mehr Einfluss auf heikle Entscheidungen wie die von Juli an mögliche Annexion von Teilen des Westjordanlandes, auf die sich Gantz und Netanyahu verständigt haben. Ohne Militär sind diese Schritte nicht umsetzbar. Gantz will die Kontrolle am Boden behalten.

Bisher war er politisch zurückhaltend

Um die diplomatischen Auswirkungen wird sich Ashkenazi kümmern müssen. Mit politischen Äusserungen und Positionierungen hielt er sich bisher zurück. Wenn sich Netanyahu tatsächlich an die vereinbarte Rotation hält und Gantz im Oktober 2021 Regierungschef wird, dann gibt es für Ashkenazi die Chance, doch noch auf seine Wunschposition im Verteidigungsressort zu gelangen. Erst einmal jedenfalls wird der Anzug seine neue Dienstuniform: Daran wird sich Ashkenazi gewöhnen müssen, ebenso werden es auch die Israelis. Denn man kennt ihn eigentlich nur in Armeekleidung.

Seine militärische Laufbahn begann der Sohn eines Holocaustüberlebenden aus Bulgarien und einer aus Syrien stammenden Jüdin vor fast 50 Jahren in der prestigeträchtigen Golani-Brigade. Er nahm 1976 teil an der Operation «Entebbe», einer Befreiungsaktion auf dem Flughafen von Entebbe in Uganda. Israelische Sicherheitskräfte beendeten die Entführung eines Passagierflugzeugs durch palästinensische und deutsche Terroristen mit 102 überwiegend israelischen Passagieren an Bord. Kommandant Yoni Netanyahu, der ältere Bruder des Ministerpräsidenten, kam damals ums Leben.

Beteiligt an der Bombardierung eines syrischen Atomreaktors

Bei seinem Abschied aus dem Militärdienst liess Ashkenazi ein Video anfertigen, das für Überraschungen sorgte. Darin kam seine Beteiligung an der Bombardierung eines syrischen Atomreaktors und die Entwicklung des Computervirus Stuxnet vor – für beides hatte die israelische Regierung offiziell nie die Verantwortung übernommen. Ashkenazi war als Generalstabschef auch verantwortlich für die Operation «Gegossenes Blei», die israelische Militäraktion im Gazastreifen zum Jahreswechsel 2008/09.

Als es Gantz 2018 in die Politik zog, zögerte Ashkenazi zuerst, seinem Weggefährten aus der Armeezeit zu folgen. Erst als Gantz die Bedingung erfüllte, eine Allianz mit Yair Lapid und Moshe Yaalon einzugehen, schloss sich auch Ashkenazi dem blau-weissen Bündnis an. Der in Zentralisrael in einem Moschav, einer Genossenschaftssiedlung, aufgewachsene zweifache Familienvater bringt das mit, was Gantz fehlt: Er ist leutselig und kann gut auf Menschen zugehen. Als oberster Armeechef war Ashkenazi bei einfachen Soldaten beliebt, weil er sie auch nach ihrer Meinung fragte. Er verlangte von seiner Truppe nicht nur Disziplin, sondern insbesondere Mitdenken.

Er war der dritte General in der Führung von Blau-Weiss. Ashkenazi hielt Gantz auch dann die Treue, als sich dieser mit Verweis auf die notwendige Bündelung der Kräfte wegen der Corona-Krise auf Koalitionsverhandlungen mit Netanyahu einliess und ihm Lapid und Yaalon Verrat vorwarfen. Ashkenazi muss nun zeigen, dass er nicht nur die Gepflogenheiten auf dem Kasernenhof kennt, sondern eben auch die der internationalen Diplomatie.