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Tier des JahresMan sieht ihm seine Bedeutung nicht an

Warum die Umweltorganisation Pro Natura den Bachflohkrebs zum Tier des Jahres erhebt: Er tummelt sich nur in sauberem Wasser. Ausserdem entwickelt er eine beträchtliche kriminelle Energie.

Bachflohkrebs, Gammarus fossarum.
Bachflohkrebs, Gammarus fossarum.

Was haben wir für Helden und Schurken durch diese Rubrik gejagt, sie gefeiert und verflucht: dissidente Chinesinnen und Rapper im Kastenformat, Frauenbelästiger und Feministinnen, Millionärinnen und Milliardäre, Facebook-Heldinnen und Offiziere, Diktatoren und Demokratinnen, Journalistinnen, Aktionskünstler, Komiker, Brückenbauer, Parlamentarierinnen, Demonstranten.

Vielleicht waren wir darum nicht vorbereitet auf dieses Lebewesen, den der Verein Pro Natura zum Tier des Jahres erklärt hat: den Bachflohkrebs. Lateinisch: Gammarus fossarum. Der erste Eindruck, soweit ihn Nahaufnahmen übermitteln, bleibt unspektakulär. Was schon beim Namen anfängt. Weder Floh noch Krebs möchte man das ganze Jahr um sich haben, noch viel weniger die Kombination davon; das kann auch der Bach im Namen nicht korrigieren.

Die Tiere werden um die 20 Millimeter lang, haben eine gerundete, kompakte Form und einen dunklen Panzer, der aus Chitin und Kalk besteht. Zur Fortbewegung und Orientierung dienen ihnen sieben Beinpaare, zwei Antennenpaare. Ausserdem tragen sie überall Borsten.

Auch wenn Pro Natura einiges unternimmt, um uns das Tier des Jahres sympathisch zu machen, bleibt man zunächst unbeeindruckt. Denn der Floh sieht unwichtig aus. Dabei verfügt der Kerl über eine bemerkenswerte kriminelle Energie.

Zwar ernährt er sich vornehmlich von Laub und anderen organischen, ins Wasser gefallenen Partikeln. Aber er kann anders, wenn er will. Denn der Gammarus fossarum begegnet seinen Artgenossen auch kannibalisch. Damit offenbart er eine düstere Seite seines Charakters.

Und da sich die Tiere im Wasser zu Hunderten zusammentun, treffen die Kannibalen und die Kannibalisierten dauernd aufeinander. Jedenfalls stört es nicht, dass der Bachflohkrebs bei Fischen als Vorspeise beliebt ist. Da empfinden wir kein Mitleid. Tatsächlich scheint eine wichtige Funktion des Tieres darin zu bestehen, auch darauf weist Pro Natura hin, als Fischfutter auf die Verschlingung zu warten.

«Wenn die Kanarienvögel husten oder der Bachflohkrebs eingeht, dann ist die Luft vergiftet und das Wasser auch.»

Dazu kommt, dass der männliche Krebs zu sexuellen Belästigungen neigt, die auf der nach oben offenen Weinstein-Skala nicht mehr messbar sind. Weil nämlich die Paarung nur sofort nach einer Häutung des Weibchens erfolgen kann, ergreifen Männchen ihre Partnerinnen schon Tage zuvor und lassen sie nicht mehr los. Das ist nicht mehr Stalking, das ist Umklammering.

Also haben wir es mit einem kannibalischen Lüstling zu tun aber damit wird man noch kein Tier des Jahres. Glücklicherweise hat uns Pro Natura das wichtigste Argument für seine Auszeichnung mitgeliefert, und sie lässt sich mit einer Analogie ausdrücken: Bachflohkrebse sind für das Wasser, wofür die Kanarienvögel in den Minen eingesetzt werden: Beide signalisieren die Sauberkeit des Elements, das sie umgibt.

Wenn die Kanarienvögel husten oder der Bachflohkrebs eingeht, dann ist die Luft vergiftet und das Wasser auch. Pro Natura: Die Krebstierchen würden «als Indikatoren für die Sauberkeit von Gewässern genutzt». Denn schliesslich seien gerade die kleineren Bäche im Landwirtschaftsgebiet besonders von Pestizid- und Düngerschadstoffen betroffen.

Trotz all dieser Vorzüge sind wir froh, dass Pro Natura keinen Mensch des Jahres bestimmt.

20 Kommentare
    Michael Dürst

    Dazu eine Frage. Wenn ich mich recht erinnere findet man Bachflohkrebse in großer Menge vor allem dort wo viele organische Nährstoffe im Wasser sind, also auch in überdüngten Gewässern. Somit wären sie eigentlich nur bedingt tauglich als Indikatoren für eine hohe Gewässergüte. Auch auf der IBGN ( Indice biotique global normalisé) Skala stehen sie eher bei den verschmutzungstoletanten Arten. Lasse mich gerne eines besseren belehren.