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Nach dem Tod des SuperstarsMaradonas Arzt kämpft um sein berufliches Überleben

Der argentinische Neurochirurg Leopoldo Luque soll mitverantwortlich für den Tod des Ex-Fussballers sein. Er habe ihn nach dessen Hirnoperation zu früh entlassen. Luque beteuert seine Unschuld.

Leopoldo Luque und sein berühmtester Patient am 11. November 2020, zwei Wochen vor Maradonas Tod.
Leopoldo Luque und sein berühmtester Patient am 11. November 2020, zwei Wochen vor Maradonas Tod.
Foto: PD

Leopoldo Luque sieht sich mit dem schlimmsten Vorwurf konfrontiert, den man einem Argentinier machen kann: Er sei schuld am Tod von Diego Maradona. Mit anderen Worten, schuld am Tod des Nationalheiligen, nein, schuld am Tod Gottes.

Kein Wunder, kämpfte der 39-jährige Neurochirurg mit den Tränen, als er während einer Pressekonferenz im Garten vor seinem Haus beteuerte: «Niemand hat einen ärztlichen Fehler begangen, niemand. Ich bin einzig dafür verantwortlich, Diego das Leben verlängert zu haben.»

Argentiniens Untersuchungsbehörden haben da offensichtlich Zweifel. Sonst hätten sie am Sonntag nicht ein Aufgebot von 30 Beamten losgeschickt, um frühmorgens Luques Haus zu durchsuchen, während in seiner Praxis in Belgrano, einem der besten Viertel von Buenos Aires, 20 Polizisten dasselbe taten. Sie beschlagnahmten Laptops, externe Festplatten, Handys und medizinische Aufzeichnungen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung.

Nicht einmal ein Defibrillator

Anfang November hatte Luque den Ex-Fussballer wegen einer Hirnblutung operiert. Drei Töchter Maradonas sowie dessen ehemaliger Leibarzt werfen ihm nun vor, den gesundheitlich schwer angeschlagenen Patienten viel zu früh entlassen zu haben.

Ausserdem sei es verantwortungslos gewesen, dass Maradona während seiner Genesung in einer privaten Residenz nicht rund um die Uhr von einem Arzt überwacht worden sei. Und dass es in dem Haus keinen Defibrillator gegeben habe, obwohl Luque genau wusste, wie stark der Fussballer sein Herz durch jahrelanges Koksen und durch Alkoholmissbrauch geschädigt hatte. Laut argentinischen Medien bezweifeln Maradonas Töchter auch, ob Luque ihrem Vater die richtigen Medikamente verschrieben habe.

Leopoldo Luque am 30. November in Buenos Aires, bevor er sich den Fragen der Ermittler stellt.
Leopoldo Luque am 30. November in Buenos Aires, bevor er sich den Fragen der Ermittler stellt.
Foto: Natacha Pisarenko (Keystone)

Der Arzt bezeichnet sich als Maradonas Freund. Er habe bis zum Schluss all seine Überredungskunst aufgeboten, um den Ex-Fussballer zu einem gesünderen Lebenswandel zu bewegen. Laut der argentinischen Zeitung «La Nación» hat Duque den Plan «Maradona Fitness» entworfen, mit dessen Hilfe der Star während des Corona-Lockdown elf Kilo abgenommen hat. Die unerträglichen Schmerzen, die ihm sein Übergewicht im rechten Knie bereitet hatten, liessen nach. «Irgendwann schaffte er es sogar wieder, einen Fussball zu treten», bemerkt das Blatt bewundernd.

Die Freundschaft war offensichtlich gegenseitig. Auf Instagram schrieb Maradona: «Vielen Dank an meinen Arzt Doktor Luque, dass er sich um mich kümmert, als würden wir zur selben Familie gehören.»

Luque und dessen Anwälte betonen nun, Maradona sei an einem Herzinfarkt gestorben. Dafür sei ein Neurochirurg nicht zuständig. Ausserdem hat sich der Ex-Fussballer laut Luque nicht im Geringsten um ärztliche Anweisungen gekümmert: «Er hat Ärzte gehasst, ausser mich, weil ich trotz seines Ruhmes normal blieb und ihn nie auch nur um ein Selfie gebeten habe.» Nach der Hirnoperation habe er seinen Patienten unbedingt noch länger in der Klinik behalten wollen. «Aber Diego hat anders entschieden, und er hatte das Recht dazu. Um ihn zurückzuhalten, hätte es eine Entmündigung aus psychiatrischen Gründen gebraucht.»

«Glückwunsch zum Geburtstag, Gott»

Der smarte, erfolgreiche Luque, der zwei Kinder hat, dessen Gattin ebenfalls Ärztin ist und der in der Freizeit Fussball spielt er kämpft um sein berufliches Überleben, und vielleicht sogar um mehr. Denn sollte sich herausstellen, dass seine angebliche Nachlässigkeit Maradonas Tod mitverursacht hat, könnte er sich in Argentinien wohl nirgends mehr blicken lassen.

Er sei nur einer von vielen Ärzten gewesen, die sich um Maradona gekümmert haben, behauptet er deshalb verzweifelt. In Anspielung auf seine historische Trikotnummer und das spanische Wort für Gott nennt man Maradona in Argentinien oft D10S. Vor gut einem Jahr hat Luque auf Instagram einen Satz hinterlassen, den er heute bereuen dürfte: «Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, D10S. Es ist ein Vergnügen, für deine Gesundheit verantwortlich zu sein.»

3 Kommentare
    Burkard Markus

    Wo starb denn Diego Maradona? Zuhause! Dass es angeblich keinen Defibrillator - in welchem Haus denn überhaupt? - gegeben hat, ist sicher nicht das Verschulden eines Neurochrirurgen, der ihn wegen einer Hirnblutung operiert hat. Wer gegen den ärztlichen Ratschlag zu früh nach Hause entlassen werden möchte, der trägt auch die volle Verantwortung für sein eigenes Handeln.

    Bestenfalls ist es die Schuld der vorbehandelnden Kardiologen/Herzchirurgen.

    Dass Angehörige aber die Wahrheiten nicht wahrhaben wollen und die Schuld zuerst beim Arzt suchen, ist absolut nichts Neues. Die Liste dafür ist sehr sehr lang. Vor allem wenn es viel interfamilliäre Zwistigkeiten gibt. Und die sind bei den komplizierten Familienverhältnissen Maradonas, sprich: mehrmals verheiratet, Kinder von mehreren Frauen, immer vorhanden.

    Klar gibt es unter den Ärzten Scharlatane. Aber die wenigsten sind es. Tatsache ist: Der grösste Feind von Maradona war nun mal Maradona selbst. Koks ist das reinste Gift für das Gefässystem. Es ist eher ein Wunder, dass der Mann diesen schrecklichen Lebenswandel überhaupt solange überlebt hat.