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Schweizer Corona-VorschriftenMaske statt Quarantäne? Jetzt prüft der Bundesrat Lockerungen

5700 Personen stehen wegen Kontakt mit einer infizierten Person unter Quarantäne. Nun steht eine Verkürzung der Dauer zur Diskussion – und sogar der Ersatz durch eine Maskenpflicht.

Essenslieferung für Personen in Quarantäne, die nicht mehr einkaufen gehen sollen: Das soll möglichst wenigen für eine möglichst kurze Dauer blühen.
Essenslieferung für Personen in Quarantäne, die nicht mehr einkaufen gehen sollen: Das soll möglichst wenigen für eine möglichst kurze Dauer blühen.
Foto: Getty Images, iStock

«Bundesrat Ueli Maurer will die Quarantäne verkürzen», titelte SRF diese Woche nach einem Interview mit dem Finanzminister. Wie sich nun zeigt, ist das nicht nur ein Anliegen des SVP-Bundesrats. Vielmehr hat die gesamte Landesregierung dem Departement von SP-Bundesrat Alain Berset am vergangenen Freitag den Auftrag erteilt, mögliche Lockerungen der Quarantänepflicht zu prüfen, wie dieses bestätigt.

Obwohl die Infektionszahlen steigen – am Mittwoch meldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) 514 neue Ansteckungen –, wurde der Gesundheitsminister dazu keineswegs verknurrt. Schon vor dem Auftrag des Bundesrats hatte sein Departement mit den Kantonen bei der Wissenschafts-Taskforce ein neues Papier zur Quarantäne bestellt.

Das Ziel: abzuklären, ob neue wissenschaftliche Erkenntnisse erlauben, die heutigen Bestimmungen aufzuweichen. Erste Schrittchen dazu hat der Bundesrat bereits unternommen. Einreisende aus Risikoregionen zum Beispiel können sich Zwischenaufenthalte in sicheren Gebieten anrechnen lassen. Ausnahmen können auch Kulturschaffende und Sportler sowie Teilnehmer an Fachkongressen für sich in Anspruch nehmen (lesen Sie hier, mit welchem Trick der Kanton Waadt Angestellte trotz Quarantäne weiterarbeiten lässt).

Abbruch nach negativem Test?

Nun lassen die Behörden von der Wissenschaft eine ganze Reihe weiterer Fragen klären, etwa zur Dauer der Quarantäne. Heute beträgt diese in der Schweiz zehn Tage, in anderen europäischen Ländern bis zu 14 Tage. Die Berner Epidemiologin Nicola Low hatte vergangene Woche in den Zeitungen von CH Media vorgeschlagen, sie auf fünf Tage zu halbieren – wenn die Präventionsmassnahmen dafür besser eingehalten würden.

Äussern sollen sich die Forscher auch zur Frage, ob ein negativer Corona-Test es erlauben würde, die Quarantäne vorzeitig abzubrechen. Bisher hatte sich das BAG auf den Standpunkt gestellt, dass die lange Frist, bis sich eine Ansteckung beim Test bemerkbar macht, das verunmöglicht.

«Die heutige Quarantänedauer ist nicht aus der Luft gegriffen und in der Schweiz ohnehin schon relativ kurz.»

Ruedi Hauri, Zuger Kantonsarzt

Die Behörden wollen sogar erörtert haben, ob sie die Sperrzeit für nahe Kontakte von Infizierten ganz abschaffen könnten. Ruedi Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte, sagt: «Wir lassen auch prüfen, ob wir die Quarantäne durch eine Maskentragpflicht für Kontaktpersonen ersetzen könnten. Ich bin skeptisch, ob das möglich ist, aber es ist richtig, dass wir die Frage der Wissenschaft vorlegen.» Nahe Kontakte von Infizierten müssten dann nicht mehr zu Hause bleiben, würden aber gezwungen, stets eine Maske zu tragen. Dabei würde wohl das Risiko steigen, dass ansteckende Personen unterwegs sind und – trotz aller Vorsichtsmassnahmen – das Virus weitergeben.

Kontaktpersonen entwickelten die Covid-Symptome eher in der zweiten Hälfte der Quarantäne.
Kontaktpersonen entwickelten die Covid-Symptome eher in der zweiten Hälfte der Quarantäne.
Foto: Getty Images

Hoffnungen auf eine Kürzung der Quarantäne dämpft Kantonsarzt Hauri ebenfalls. «Die heutige Quarantänedauer ist nicht aus der Luft gegriffen und in der Schweiz ohnehin schon relativ kurz», sagt er. «Wir sollten sie nur verkürzen, wenn wir fundierte wissenschaftliche Aussagen haben, die das stützen. Es wäre sehr schwierig, sie später wieder zu verlängern.» Auch Tobias Bär, Sprecher der Konferenz der Gesundheitsdirektoren, teilt mit, eine Verkürzung der Quarantänezeit sei nur dann sinnvoll, wenn hieb- und stichfeste Belege dafür sprächen.

Erste Zahlen aus Zug weisen eher in die Gegenrichtung: Kontaktpersonen entwickelten die Covid-Symptome eher in der zweiten Hälfte der Quarantäne. «Bei einer fünftägigen Quarantäne hätten wir also einige Ansteckungen verpasst», sagt Hauri. Auch Auswertungen in grösseren Kantonen wie dem Aargau deuten in dieselbe Richtung. Auf Bundesebene existieren keine Statistiken dazu, wie viele Personen in Quarantäne schliesslich einen positiven Test erhielten. Die entsprechenden Daten melden die Kantone dem Bund erst seit kurzem, in Zukunft lasse sich die Frage aber beantworten, teilt ein BAG-Sprecher mit.

Neu zu definierende Bestimmungen

Mehr Spielraum verspricht sich der Zuger Kantonsarzt von den «Überlegungen, wie wir die Anzahl der Personen in Quarantäne verringern können». Heute ist diese gemäss Bundesvorgaben vorgesehen für alle, die einer infizierten Person ab zwei Tage vor Symptombeginn während mehr als 15 Minuten ungeschützt näher als 1,5 Meter gekommen sind. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Quarantäne nur bei ungeschütztem Kontakt unter einem Meter oder bei direktem Körperkontakt – allerdings für 14 Tage.

Neu definierte Bestimmungen in der Schweiz könnten möglicherweise verhindern, dass ganze Fussballmannschaften in Quarantäne geschickt werden. Allerdings wenden die Kantone die Vorschriften heute schon unterschiedlich scharf an. Kantonsarzt Hauri appelliert darum an die Bevölkerung, sich an die Vorsichtsmassnahmen zu halten: «Das beste Mittel, die Quarantäne zu vermeiden, sind gute Schutzkonzepte, die akzeptiert und gelebt werden.»

Nahe Kontakte von Infizierten müssten nicht mehr zu Hause bleiben, würden aber gezwungen, stets eine Maske zu tragen, nicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Läden.
Nahe Kontakte von Infizierten müssten nicht mehr zu Hause bleiben, würden aber gezwungen, stets eine Maske zu tragen, nicht nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Läden.
Foto: Keystone

Die Antwort auf die Corona-Skeptiker: Vernissage des Buches «Lockdown» und Diskussion. Akteure und Betroffene erzählen, wie es wirklich war. Mit Marcel Salathé (Epidemiologe), Jana Siroka (Notfallärztin) Pascal Strupler (Direktor BAG) und Simone Rau (Journalistin Tamedia). Dienstag, 22. September, Türöffnung: 19.00 Uhr. Beginn 20.00 Uhr. Kaufleuten, Pelikanplatz, Zürich.