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GastkommentarMehr Nikotin in E-Zigaretten wäre gut für die Volksgesundheit

Die Schweiz hat die tiefe Nikotinlimite der EU für das «Dampfen» blind übernommen. Es gibt gute Gründe, sie zu erhöhen.

Umstritten: Der gesundheitliche Nutzen von E-Zigaretten.
Umstritten: Der gesundheitliche Nutzen von E-Zigaretten.
Foto: Getty

Mehr Nikotin für mehr öffentliche Gesundheit? Was bereits einige Experten forderten, sollte in der Schweiz und in der EU endlich Tatsache werden. Aber leider will die Politik trotz der wissenschaftlichen Faktenlage nichts von einer höheren Nikotinlimite wissen, und damit auch nicht, wie durch E-Zigaretten Folgeschäden des Tabakkonsums in Schach gehalten werden könnten. Sie verhindert damit Fortschritte bei der Bekämpfung des Tabakkonsums.

Im Unterschied zu Tabakzigaretten emittieren E-Zigaretten keinen Rauch, sondern Nebel, der durch Erhitzung von Flüssigkeiten – «Liquids» – auf über 200 Grad Celsius erzeugt wird. Dabei entstehen keine giftigen Verbrennungsprodukte. Deshalb ist das lebenslange Krebsrisiko beim Dampfen laut einer Studie hundert- bis tausendfach niedriger als beim Rauchen, also klinisch irrelevant.

Die massiv reduzierte Schädlichkeit von E-Zigaretten im Vergleich zu Tabakzigaretten ist durch zahlreiche klinische Studien belegt.

Die massiv reduzierte Schädlichkeit von E-Zigaretten im Vergleich zu Tabakzigaretten ist nicht nur hochplausibel, sondern durch zahlreiche klinische Studien belegt. Darin werden Verbesserungen der Herz-Kreislauf- und Lungenfunktion von Rauchern nach dem Umstieg auf das Dampfen eindrucksvoll demonstriert.Bei der Abschätzung des Restrisikos des Dampfens ist allerdings zu berücksichtigen, dass die Geräte, die Liquids und das Konsumverhalten höchst unterschiedlich sind. Die Nutzung von E-Zigaretten mit hoher Leistung geht mit entsprechend hohem Liquidkonsum einher, was vergleichsweise höhere Exposition der Konsumenten mit Schadstoffen zur Folge hat.

Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung beruht die Schädlichkeit des Rauchens nicht auf der Wirkung von Nikotin. Nikotin trägt zur Zigarettenabhängigkeit von Rauchern bei, hat aber in Abwesenheit von Tabakrauch nur geringes Suchtpotenzial. Ähnlich wie der Koffein im Kaffee bewirkt Nikotin während des Konsums eine leichte Erhöhung von Herzfrequenz und Blutdruck. Epidemiologische Studien zeigen, dass diese moderaten Effekte kein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zur Folge haben. Die Warnungen medizinischer Fachgesellschaften vor Nikotinkonsum mittels E-Zigaretten bei gleichzeitiger Empfehlung medizinischer Nikotinersatzprodukte (wie etwa Kaugummi oder Pflaster) zur Raucherentwöhnung dient der Pharmaindustrie, ist aber sachlich nicht nachvollziehbar, ja irrational.

Im Unterschied zu nikotinhaltigen Arzneimitteln erlauben E-Zigaretten Rauchern ihre Rauchgewohnheit beizubehalten.

Im Unterschied zu nikotinhaltigen Arzneimitteln erlauben E-Zigaretten Rauchern ihre Rauchgewohnheit beizubehalten. Das gehört wesentlich zur Zigarettenabhängigkeit. Daher sind E-Zigaretten beim Rauchstopp signifikant wirksamer als medizinische Nikotinersatzprodukte.

Aus Sorge um mögliche Vergiftungen von Konsumenten hat die Europäische Union in ihrer Richtlinie über Tabakprodukte (TPD2) die Nikotinkonzentration von Liquids auf 20 Milligramm pro Milliliter begrenzt. Allerdings wurde die Giftigkeit von Nikotin lange überschätzt, sodass diese Sorge unbegründet ist. Die tiefe Limite in der Richtlinie beruht nicht auf sachlichen Überlegungen, sondern auf einem politischen Kompromiss. Dennoch orientiert sich auch die Schweiz daran.

Schade, dass die Schweiz der EU blind folgt.

Zu geringe Nikotinzufuhr ist aber ein häufiger Grund für Unzufriedenheit und Rückfälle von Umsteigern. Konsumenten sollten deshalb so wenig wie möglich dampfen müssen und dazu Liquids mit entsprechend hohen Nikotinkonzentrationen verwenden dürfen. Das ergäbe schnellere Fortschritte bei der Bekämpfung der Tabaksucht – einer der häufigsten Todesursachen in der Schweiz. Aber diese Möglichkeit wird durch die aus wissenschaftlicher Sicht sachlich unbegründete EU-Limite unnötig eingeschränkt. Schade, dass die Schweiz hier der EU blind folgt.