Der New Yorker Trump Tower

Mein Turm

Ich lasse den Blick über den Central Park schweifen. «Alles meins», denke ich mir.

Foto: Thomas Egli

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Meine Liebe gilt dem 60.-grössten Gebäude von New York. Ich würde es gern besitzen. Warum? Weil es so verdammt luxuriös ist. Ich stelle mir das so vor: Ich laufe über Marmor und dicke, rote Teppiche, greife nach goldenen Treppengeländern und wasche meine Hände im Wasser des Wasserfalls, der drei Stockwerke hinunterplätschert. Ich betrachte die kostbaren Möbel, die der Architekturkritiker der «New York Times» als «superior design» bezeichnet und damit sicher recht hatte. Denn teure Sachen sind ja tendenziell schöner als billige.

Ich laufe durch das Atrium, das mit einer Höhe von 100 Fuss so hoch ist wie sieben aufeinandergestapelte Elefanten. Hier standen bei der Eröffnung 1983 Statuen von griechischen Göttinnen, die dann aber mit einem Presslufthammer weggemacht wurden, damit man was Besseres aufstellen konnte. Während ich schlendere, rufe ich den Boutiquen-Besitzerinnen ein paar Nettigkeiten zu, ohne deswegen anzuhalten: «Mandy, how’s business?» Ich packe zum Spass einen japanischen Touristen beim Arm und sage: «Hey, my house costs 381 millions!» Manchmal besuche ich die seltsamen Gäste, die in meinem Tower wohnen. Den lackierten Fussballer Cristiano Ronaldo etwa, die Action-Birne Bruce Willis, den bunten Musical-Komponisten Andrew Lloyd Webber.

Mein prominentester Mieter ist natürlich Donald Trump, dem der Tower vorher gehört hat. Ich ertappe ihn, wie er in seinem Appartement die eigene TV-Show schaut. Ich sage, im freien Markt zeigten sich die wahren Qualitäten des Menschen, zudem sei der freie Markt die Lösung aller Probleme. Trump sagt nichts, schaut nur grimmig. Bevor ich ihn wieder allein lasse, lobe ich seine Frisur. Später gebe ich dem Sanitär die Anweisung, er soll in Trumps Wohnung für ein paar Tage das warme Wasser abstellen.

Am Abend nehme ich meinen privaten Lift, schüttle die Champagnerflasche während des Aufstiegs und löse den Korken just in jenem Moment, in dem sich die Tür endlich öffnet. Ich lasse den Blick über den Central Park schweifen. «Alles meins», denke ich mir. Das stimmt zwar nicht, aber ich habe dabei ein sehr, sehr gutes Gefühl.

Erstellt: 27.12.2015, 17:40 Uhr

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