Meins, deins, seins

Die ersten Firmen, die mit dem Prinzip der Sharing Economy Geld verdienen wollten, sind bereits wieder verschwunden. Das Modell hat trotzdem die Kraft, die Wirtschaft zu verändern.

Das Modell der Sharing Economy hat das Potenzial, die Wirtschaft zu verändern. Illustration: Patric Sandri

Das Modell der Sharing Economy hat das Potenzial, die Wirtschaft zu verändern. Illustration: Patric Sandri

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Es steht schon in der Bibel: «Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmet ihn und teilet ihn unter euch ...» (Lukas 22:17) Teilen als heiliges Prinzip. Teilen – das klingt grosszügig, nachhaltig, fair. Und der Begriff Sharing Economy weckt Erwartungen an eine Wirtschaftsformel für eine bessere Welt. Eine Welt, in der nicht mehr der Besitz im Vordergrund steht, sondern der Zugang zur Nutzung eines Gutes.

Die Realität hält mit diesem Anspruch nicht Schritt. Apps und Webseiten, die zur Sharing Economy gezählt werden, sind innerhalb weniger Jahre zum Umschlagplatz für Dienstleistungen mit Milliardenumsätzen herangewachsen. Allen voran Airbnb: «Miete einzigartige Unterkünfte von lokalen Gastgebern in mehr als 190 Ländern». Erwarteter Umsatz in diesem Jahr: 900 Millionen Dollar. 2020 sollen es sogar 10 Milliarden sein. Aktuell ermittelter Firmenwert: bis zu 24 Milliarden Dollar.

Oder Uber: «Bestell Dir ein Taxi, ein Privatauto oder eine Mitfahrgelegenheit von Deinem Mobiltelefon aus!» Errechneter Firmenwert: 50 Milliarden Dollar, ein Rekord für ein Unternehmen, das erst gerade noch als Start-up bezeichnet wurde. Laut Uber-Chef Travis Kalanick verdoppelt sich der Umsatz alle sechs Monate. Bei der letzten Finanzierungsrunde rechnete Investor und Start-up-Gründer Chris Myers in einem Beitrag des US-Magazins «Forbes» vor, dass Uber einen Nettoumsatz von 7,1 Milliarden Dollar erzielen müsse, um den Firmenwert von 50 Milliarden zu rechtfertigen. Das Geschäftsmodell des Fahrdienstanbieters, der angeblich Provisionen von 20 bis 30 Prozent des bezahlten Fahrpreises einstreicht, bezeichnete er als «sehr effizient». Sehr gemeinnützig tönt das nicht. Da weder Airbnb noch Uber derzeit an der Börse kotiert sind, ist nicht bekannt, wie viel sie mit ihren Dienstleistungen verdienen. Das Erfolgsgeheimnis solcher Firmen aus der Sharing Economy sind ihre Plattformen – also die Webseiten oder Smartphone-Apps –, auf denen sie die beiden Seiten eines Marktes zusammenbringen, die Anbieter und die Nutzer. Was sie dafür brauchen, ist eine gute Idee – respektive ein schlagendes Argument. Im Fall des Fahrdienstvermittlers Uber ist das nicht nur der Preis – der Dienst ist in der Regel deutlich günstiger als ein Taxi –, sondern auch die Bequemlichkeit: Für den Uber-Passagier läuft von der Bestellung bis zur bargeldlosen Bezahlung alles über das Smartphone ab.

Wer es erst einmal geschafft hat, genug Nutzer anzulocken, setzt einen sich selbst beschleunigenden Prozess in Gang – eine Art Spirale, die immer nur noch erfolgreicher macht. Der sogenannte Netzwerkeffekt – der Dienst mit den meisten Anbietern und Nutzern ist immer der attraktivste, weil die Auswahl die grösste ist – führt dazu, dass eine Art Monopol entsteht. Diese Macht nutzt der Betreiber der Plattform, um möglichst hohe Gebühren abzuschöpfen – vom ursprünglich gemeinnützigen Gedanken bleibt kaum etwas übrig.

Die Plattformen vereinfachen nicht nur die Transaktionen zwischen Anbietern und Nutzern. Sie unterstützen die Ausdehnung der Geschäftsmodelle auf weitere Länder. Es ist wie Copy/Paste – auch wenn sich die gesetzlichen Voraussetzungen in gewissen Ländern unterscheiden. Denn ausgerechnet im Internet gibt es keine Grenzen – und auch kaum nationale Regeln.

Klappt es mit Bohrmaschinen?

Aber nicht jede Idee, die nach diesen Prinzipien funktioniert, wird automatisch zum Erfolg. Die Sharing Economy ist ein hartes Pflaster. Mehrere Ideen und Geschäftsmodelle sind daran bereits zerschellt. Zum Beispiel Whyownit.com (Why own it) aus Deutschland. Die Plattform für das Teilen von Alltagsgegenständen ging im Februar offline. Er habe die Konzeption der App komplett unterschätzt, erklärt Gründer Philipp Glöckler sein Scheitern: «In meiner damaligen Überheblichkeit habe ich gedacht, dass ich das locker hinbekommen würde. Zudem sind wir davon ausgegangen, dass den Leuten unsere Idee genauso gut gefällt wie uns und sie sich gegenseitig davon erzählen würden.»

Ähnlich funktioniert die in der Schweiz angesiedelte Plattform Sharely. Mit dem Unterschied, dass das Ausleihen der Gegenstände etwas kostet. Das Angebot reicht von der obligaten Bohrmaschine (5 Franken pro Tag) bis hin zum Wok (selber Preis). Gut anderthalb Jahre nach dem Start zählt Sharely rund 2500 Nutzer. Um eine schwarze Null schreiben zu können, brauchte es 15'000. Gründer Andreas Amstutz hofft, dass es 2017 so weit ist.

Trendforscherin Karin Frick vom Gottlieb-Duttweiler-Institut ist hingegen skeptisch. Denn erstens findet man die nächste verfügbare Bohrmaschine selbst bei 15'000 Nutzern kaum gleich um die Ecke: «Und wer will dafür schon fünf Kilometer fahren?» Und zweitens funktioniere solche Nachbarschaftshilfe nicht über Geld. «Allenfalls mit einer Flasche Wein oder einem Glas selbst gemachter Konfitüre als Entschädigung. Geld macht das Beziehungsmoment kaputt.»

Amstutz lässt sich von solchen Aussagen nicht entmutigen. Als Nächstes will er für die Gegenstände, die auf Sharely zur Miete angeboten werden, eine Versicherung bereitstellen. Und hofft, dass damit mehr Nutzer kommen.

Auch wenn ein Verleihsystem für Bohrmaschinen nie zur grossen Geldmaschine wird: Es gibt genug erfolgreiche Beispiele des sogenannten Plattform­kapitalismus, wie ihn Uber und Airbnb geprägt haben. Man muss sich heute fragen, inwieweit solche Geschäftsmodelle die Arbeitswelt verändern und wie sie mit den bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und gesetzlichen Grundlagen vereinbar sind. Sind Uber-Fahrer Angestellte oder selbstständige Unternehmer? Und wieso ist diese Frage wichtig? Ab wann ist die Vermietung von Wohnraum via Airbnb gewerbsmässig? Und was heisst das für Hotels?

Etablierte Firmen steigen ein

Zwar laufen längst juristische Auseinandersetzungen und Debatten um zusätzliche Regulierungen – das Wachstum der Sharing Economy wird das langfristig aber nicht aufhalten. Davon ist Luc Zob­rist, der sich beim Beratungsunternehmen Deloitte mit der Sharing Economy befasst, überzeugt: «Dazu sind die sozialen, ökonomischen und technischen Vorteile für Nachfrager und Anbieter schlicht zu gross.» Und damit steht er nicht alleine da. Karin Frick vergleicht die Situation mit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert: «Damals waren die Arbeiter überhaupt nicht geschützt. Die rechtliche Anpassung läuft solchen Entwicklungen immer hinterher. Falsch wäre jetzt, alles zu Tode zu regulieren.» Dann gebe es keine Innovation.

Dafür wäre es wohl auch schon zu spät – die Welle lässt sich kaum mehr aufhalten. «2012 wurden weltweit 700 Millionen Dollar in Sharing-Economy-Start-ups investiert. 2013 waren es 1,5 Milliarden, 2014 bereits 6 Milliarden», rechnet Zobrist vor. «Und im laufenden Jahr ist dieses Volumen bereits jetzt übertroffen worden.»

Kommt hinzu, dass es längst nicht mehr nur Jungunternehmer und Risikokapitalgeber sind, die sich in diesem Bereich engagieren. Immer mehr etablierte Firmen klinken sich ein. Etwa der US-Detailhändler Walmart kürzlich mit Instacart, einem Uber-ähnlichen Transportdienstleister für die Zustellung von Einkäufen. Bei Amazon ist eine ähnliche Dienstleistung im Aufbau. Das ursprünglich als Online-Buchhandlung gestartete Internet-Warenhaus baut zudem unter dem Namen Home Services eine Handwerker-Plattform auf, über die alle möglichen Dienstleistungen für Haus und Garten vermittelt werden.

Auch in der Schweiz gibt es diverse Beispiele etablierter Unternehmen, die Sharing-Modelle integrieren: etwa die SBB und ihre Zusammenarbeit mit dem Parkplatzvermittler Parkit, den sie schliesslich ganz übernahmen. Oder ­Migros mit der Beteiligung an Sharoo, dem Carsharing zwischen Privaten. Oder Swisscom, die für den Support bei Privatkunden auf die Sharing-Plattform Mila setzt.

«In fünf Jahren wird die Sharing Economy integrierter Bestandteil der Wirtschaft sein», glaubt Karin Frick. Sie erwartet zudem neue, jetzt noch nicht vorstellbare Ansätze aus Ländern mit tieferem Wohlstandsniveau. «Dort ist der ökonomische Druck grösser und verlangt nach kreativeren Lösungen als in unseren gesättigten Breitengraden.» Was das für die Gesellschaft und ihre Regeln bedeutet, wird sich erst mit der Zeit zeigen.

Erstellt: 30.07.2015, 19:22 Uhr

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