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AHV-Initiative wird Coiffeuse nicht viel nützen

«Das flexible Rentenalter ist überfällig. Dennoch schiesst die Initiative «für ein flexibles AHV-Alter» über das Ziel hinaus, weil sie die demografische Entwicklung völlig ignoriert.»

Das flexible Rentenalter ist überfällig, denn die gegenwärtige Praxis ist alles andere als gerecht. Heute gehen Bankdirektoren, Chefbeamte und Dozentinnen in Frührente - also Akademiker und Kaderleute mit tollen Jobs, guter Gesundheit und üppiger Pensionskasse. Wer sich dagegen ein Leben lang abrackert, wenig verdient und die Gesundheit ruiniert, muss bis zum ordentlichen AHV-Alter ausharren. Und wer es nicht so lange schafft, wird arbeitslos, IV-Rentner oder ein Sozialfall. Für einen Sozialstaat ist das ein Armutszeugnis.

Nun unternimmt der Schweizerische Gewerkschaftsbund mit seiner Initiative «für ein flexibles Rentenalter» einen weiteren Versuch, dieses Manko zu beheben. Alle, die weniger als 120'000 Franken verdienen und die Erwerbsarbeit aufgeben, sollen künftig ab 62 Jahren eine ungekürzte AHV-Rente beziehen können. Das tönt verlockend. Und in Zeiten, da die Schweiz der UBS mit Milliarden unter die Arme greift, mögen die jährlich 1,5 Milliarden Franken für die Frührente noch ganz passabel scheinen. Zumal die Erhöhung des Rentenalters für Frauen auf 65 Jahre, von der die Gewerkschaften offensichtlich ausgehen, etwa 680 Millionen Franken in die AHV-Kasse spülen würde.

Dennoch schiesst die Initiative «für ein flexibles AHV-Alter» über das Ziel hinaus, weil sie die demografische Entwicklung völlig ignoriert. Während heute vier Erwerbstätige auf einen Rentner kommen, werden es bis ins Jahr 2035 noch zwei sein. Das heisst: Immer weniger Werktätige werden für immer mehr Rentner und Rentnerinnen aufkommen müssen. Es macht deshalb keinen Sinn, für einen Grossteil der Belegschaft Schweiz neue Anreize für die Frührente zu schaffen. In Deutschland, um nur ein Beispiel zu nennen, wird das Rentenalter bis ins Jahr 2030 schrittweise auf 67 Jahre erhöht. Nur wer mindestens 45 Beitragsjahre geleistet hat, kann sich ohne Einbussen vorzeitig pensionieren lassen.

Die Falschen profitieren

In der Schweiz wollen die generösen Gewerkschaften dagegen alle Männer und Frauen bis zu einem Monatslohn von 9180 Franken begünstigen. Ist so mehr soziale Gerechtigkeit möglich? Der Bundesrat geht davon aus, dass bei einem Ja zur Initiative 30 Prozent der 62-Jährigen, 50 Prozent der 63-Jährigen und 70 Prozent der 64-Jährigen vorzeitig in Pension gingen. Es fragt sich nur, ob die Richtigen profitieren. Wird sich die Pflegerin, der Lastwagenfahrer, die Coiffeuse oder der Lagerist den vorzeitigen Ruhestand künftig leisten können?

Kommt die AHV-Initiative durch, werden ihnen monatlich ein- oder zweihundert Franken mehr im Portemonnaie bleiben. Mit der AHV-Rente von vielleicht 1500 Franken und einer eher kleinen Pension wird das kaum reichen, um vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Hingegen werden der Berufsschullehrer, die Chefsekretärin oder der Lokomotivführer, die alle über eine anständige 2. Säule (Pensionskasse) verfügen, die angebotene Frührente kaum ausschlagen. Das heisst: Der Vorschlag der Gewerkschaften wird nicht die Wenigverdiener, sondern vor allem den Mittelstand begünstigen.

So oder so zwingt uns die Demografie zu einer anderen Alterspolitik. Die Männer werden im Jahr 2050 im Durchschnitt 85 Jahre alt, die Frauen 90. Und sie werden in der Mehrzahl gut gebildet und länger gesund sein. Es liegt daher nahe, dass zumindest die-jenigen, die gut qualifiziert und fit sind, länger arbeiten, um die AHV langfristig zu sichern. Auch die Arbeitswelt wird sich verändern. Bis ins Jahr 2050 wird der Anteil der über 50-jährigen Erwerbstätigen ein Drittel ausmachen.

Heute macht er ein Viertel aus. Und das wird die Betriebe stärker verändern, als wir uns das heute vorstellen können. Eine alternde Gesellschaft - darüber sind sich die Experten einig - kann nur bestehen, wenn sie auch das Potenzial der älteren Generation zu nutzen weiss. Das setzt allerdings eine andere Unternehmenskultur voraus. Nur wenn die Arbeitsbedingungen auch für die über 60-Jährigen stimmen, wird die Frührente an Anziehungskraft verlieren.

Aus der Mottenkiste

Natürlich ist es ärgerlich, dass der Nationalrat - geradezu borniert - im Rahmen der 11. AHV-Revision die Frührente für kleine Einkommen mit keinem Franken subventionieren wollte. So werden jetzt viele trotz Vorbehalten der Gewerkschaftsinitiative zustimmen und so dem Parlament einen Denkzettel verpassen. Eine zukunftsträchtige Lösung ist damit aber nicht gewonnen. Stattdessen müssten dringend andere Modelle für das flexible Rentenalter geprüft werden. Sei es ein Lebensarbeitszeitmodell, das alle belohnt, die früher ins Erwerbsleben einsteigen. Oder die Überbrückungsrente für kleine Einkommen, wie sie Sozialminister Pascal Couchepin ins Gespräch brachte. Alte Rezepte aus der Mottenkiste helfen nicht weiter.

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