Unser nationales Fernsehen unterhält wie ein Privatsender

«Ein Service-Public-Aspekt ist bei SF2 selbst mit der Lupe nicht zu finden - sogar der Minisender 3+ bietet mehr Eigenleistung.»

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Marcel Reich-Ranicki konnte mit seinem grotesk überrissenen Angriff aufs Fernsehprogramm nur deshalb so viel Resonanz auslösen, weil er auf eine offen schwärende Wunde zeigte. Ja, es lohnt sich, über die Qualität im Fernsehen zu diskutieren. Ja, diese Auseinandersetzung ist wieder einmal überfällig, und das nicht nur in Deutschland, wo es immerhin eine vielfältige tägliche Medienkritik gibt, sondern noch vermehrt in der Schweiz, wo dieses journalistische Genre von den Verlagsmanagern schon vor Jahren weggespart worden ist.

In Deutschland kämpfen zwei völlige verschiedene Systeme um Aufmerksamkeit: das öffentlich-rechtliche und das private. Nicht nur die Finanzierung dieser beiden Systeme ist unterschiedlich, sondern auch ihr Leistungsauftrag. Doch seit längerem ist eine Konvergenz zu beobachten. Um ihre entflohenen jüngeren Zuschauer unter 50 Jahren wieder einzufangen, bedienen sich ARD und ZDF bei den Ideen und Stars der Privaten. Trotzdem verbleiben noch rote Linien, die sie nicht überschreiten, um ihre öffentlich-rechtliche Identität nicht ganz zu kompromittieren.

Abspielkanal ausländischer Serien

In der Schweiz ist es anders. Da präsentiert sich die einzige echte nationale Fernsehfirma als Hybrid. Ohne private Konkurrenz programmiert SF in weiten Bereichen, wie es im Ausland die Privaten tun. SF 2 ist ein reiner Abspielkanal ausländischer Lizenzware. Die beinahe flächendeckend abgespulten US-Serien - von «Dr. House» über «Desperate Housewives» bis «Grey’s Anatomy» - laufen in Deutschland ausschliesslich bei RTL und Pro 7, nicht bei ARD oder ZDF. Dasselbe gilt für die Spielfilme, mit denen man den Senderaster auffüllt. Nachdem alle Versuche, an Wochentagen eigene Programme zu etablieren, kläglich gescheitert sind, zeigt man bei SF 2 zusätzlich nur noch abgefilmte Sportereignisse, die für teures Geld eingekauft oder produziert werden. Sogar der Schweizer Minisender 3+ liefert heute mehr Eigenleistungen. Auf einer internationalen Skala agiert SF 2 wie ein völlig ambitionsloser Billig-Privatsender, ohne jegliche intrinsische Programmqualität. Ein Service-public-Aspekt ist selbst mit der Lupe nicht zu finden, wenn man von den Sportsendungen absieht, die man hier parkiert hat.

Aber auch SF 1 ist ein Hybrid. Als ich als Chef von Sat 1 «Deal or No Deal» ins Programm aufnahm, zögerte ich einen Augenblick. Selbst für einen Privatsender ist das Konzept extrem banal, nicht einmal der Vorwand von Wissensvermittlung ist feststellbar. Ohne den geringsten Einsatz von Gehirnschmalz buhlen die Kandidaten um viel Geld. Allein mit einer Truppe leicht bekleideter Damen und vielen nackten Zahlen versucht man Spannung zu erzeugen. Ich war verblüfft, als kurz darauf das Schweizer Fernsehen diese Sendung einkaufte und seither in der absoluten Primetime programmiert. Kein deutscher öffentlich-rechtlicher Sender könnte sich Ähnliches erlauben. Sie holen sich ihre Unterhaltungssendungen auch nicht bei der Firma Endemol («Big Brother»). Diese beliefert international nur Privatstationen, das heisst mit einer Ausnahme: SF kauft bei Endemol immer dann eine zusätzliche Show ein, wenn wieder ein eigenes Format gefloppt ist. Weitere Konzepte ausländischer Privatsender werden möglichst originalgetreu kopiert («Music Star», «Die grössten Schweizer Hits»). So präsentiert sich SF im Unterhaltungsbereich über weite Strecken als Privatsender. Nur bei Samstagabend-Sendungen, die allein für ein völlig überaltertes Publikum konzipiert sind, spannt man mit den deutschen Öffentlich-Rechtlichen zusammen, den unbestrittenen Weltmeistern in diesem Genre.

Im Bereich der Information verhält sich SF anders. Das Angebot ist vielfältig und umfasst nicht nur quotenträchtige Inhalte. Das ist öffentlich-rechtliches Fernsehen, das ist Service public, und dies mit teilweise bemerkenswert hoher Qualität. Nur die aufsehenerregenden Erfolge fehlen bei den neuen Angeboten. Immer noch sind die uralten Schlachtrösser wie «Kassensturz» oder «Rundschau» die Quoten-Zugpferde, während «Eco» oder «Einstein» vor sich hindümpeln. Aber auch in diesem Bereich ist eine Verflachung zu beobachten. So hat etwa die «Rundschau» - bei der ich übrigens vor 40 Jahren meine ersten Filme abdrehte - die Auslandsberichterstattung massiv heruntergefahren. Deshalb war es vor allem ein clownesker Stephan Klapproth, der in «10 vor 10» über die US-Wahlen berichtete - und das ist für einen Gebührensender eindeutig zu wenig.

Kultur in der Randzone

Wie bei ARD und ZDF wird auch bei SF die Kultur immer mehr in Randzonen verbannt, wo sie kein wirklich zählbares Publikum finden kann. Auch damit verhält man sich wie ein Privatsender, der auf die Quote fixiert ist, und verrät die Raison d’être eines privilegierten Systems, das nicht auf die Profitmaximierung fixiert sein sollte. Auch ein grossartiger Opernabend auf zwei Kanälen kann diese Haltung nicht rechtfertigen. Erstens verbrennt man mehr als 1,5 Millionen Franken aufs Mal, und zweitens kann man mit einem solchen Event keine Nachhaltigkeit erzielen.

Eine Paradedisziplin eines Fernsehsenders sind die fiktionalen Angebote, Serien und TV-Filme. Im Vergleich zu den grossen deutschen Stationen - und zwar sowohl den privaten als auch den öffentlich-rechtlichen - liefert SF quantitativ sehr wenig, und dies vor allem aus Kostengründen. Dafür sind die Budgets einfach nicht vorhanden. Gerade bei Serien ist die Vorinvestition gewaltig, und dies bei unsicheren Erfolgsaussichten. Deshalb erstaunt, dass man zusätzlich unnötige Risiken eingeht. So war beim Auslaufen von «Lüthi und Blanc» kein Nachfolgeprodukt bereit. Und als mehr als ein Jahr später «Tag und Nacht» lanciert wurde, wählte man nicht den «gelernten Sendeplatz» am Sonntagabend, sondern entschied sich für den Freitag, wo die Serie auf geballte Ablehnung stösst. Die Kunst des Programmierens steht in einem kompetitiven Markt wie Deutschland im Zentrum des Fernsehmachens. Als Monopolist hat man wohl ein weniger geschärftes Bewusstsein für diesen Aspekt - und bezahlt dafür nun bitter. Denn bei einem Scheitern dieser Serie wird dieses Genre bei SF für längere Zeit nur noch durch Importwarte aus USA oder Deutschland te werden. Da aber Identität ein zentrales Beurteilungskriterium ist, wird dies SF an einem sensiblen Punkt schwächen.

Diese wenigen Beispiele zeigen, dass die Qualitätsdiskussionen in der Schweiz anders geführt werden müsste als in Deutschland. Aber notwendig ist sie auch bei uns, und dies wegen des verknappten Angebots mit noch grösserer Dringlichkeit. Wenn wir schon nur ein einziges echtes Fernsehen im Land haben, das wir zwangsmässig Monat für Monat alimentieren, dann sollten wir uns einbringen, um das bestmögliche Produkt einzufordern.

Erstellt: 10.11.2008, 14:58 Uhr

Kommentare

Blogs

Geldblog Ein Goldschatz für den Fall der Fälle
Mamablog Mein erstes Handy
Sweet Home Gut ist gut genug!

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...