Diesen Autoritäten glaubt keiner

Solange der Staat dem Cannabiskonsum vorbeugen will und gleichzeitig Werbung für weit gefährlichere Drogen erlaubt, macht er sich unglaubwürdig.

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Was sich auf dem Papier gut liest, scheitert auf der Strasse. Dass nämlich jugendliche Kiffer nicht mehr verzeigt werden, sondern bloss noch gebüsst. Mit diesem Vorschlag möchten die Gesundheitskommissionen im Parlament den Gegnern der Drogenrepression entgegenkommen. Das Bussenmodell wird jene Eltern beruhigen, denen die Entkriminalisierung Angst macht. Gleichzeitig bietet es eine minimale Lösung an, die den jahrelangen Streit um Hanf und Verbote nicht vollends ins Leere laufen lässt. Letzten Endes geht es für die Politiker darum, keine Wähler abzuschrecken und gleichzeitig den Eindruck zu vermitteln, etwas zu unternehmen.

Wozu diese Politik führt, zeigt sich in St. Gallen: Die angebotene Lösung produziert ein neues Problem. Dass jugendliche Kiffer nicht mehr angezeigt werden, ist bei solchen Bagatelldelikten richtig. Und es erleichtert die Arbeit einer überlasteten Polizei, die Wichtigeres zu tun hätte. Wie aber die Ostschweizer Erfahrung mit dem Bussenmodell belegt, bleiben dabei jene Jugendlichen unerkannt, die mit dem Kiffen nicht klarkommen. Das erschwert ihre Früherkennung und bewirkt somit das Gegenteil dessen, was eine gute Drogenpolitik bezweckt.

St. Galler Jugendanwälte verlangen bereits, jugendliche Konsumenten von Cannabis unter 18 Jahren seien wieder zu verzeigen. Das sei kein Rückfall, beteuern sie; was ist es denn sonst? Damit reinstalliert man gerade das, was das Parlament überwinden möchte.

Es hilft alles nichts: Prävention und Kriminalisierung lassen sich nicht vereinbaren. Eine ehrliche Suchtpolitik muss alle Suchtmittel rechtlich gleich behandeln. Sie soll sich an ihrer Gefährlichkeit orientieren statt an einer Verbotswillkür. Und sie muss den Handel mit weichen Drogen klar regeln und im Sinne des Jugendschutzes kontrollieren. Nur so kann der Staat den Jungen gegenüber glaubwürdig auftreten. Und nur so kommt er wirklich an jene heran, die nicht mehr klarkommen. Solange der Staat dem Cannabiskonsum vorbeugen will und gleichzeitig Werbung für weit gefährlichere Drogen erlaubt, macht er sich unglaubwürdig. Also wird er als Autorität nicht ernst genommen. Am wenigsten von jenen, um die er sich am meisten sorgt.

Erstellt: 27.08.2010, 21:59 Uhr

Jean-Martin Büttner.

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