Ein unerhörter Stupser

China ist stark und mächtig genug, dass es sich einen Stupser durch das Nobel-Komitee gefallen lassen muss.

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Das norwegische Nobelpreiskomitee hat einmal mehr seine Narrenfreiheit genutzt, den mahnenden Zeigefinger gehoben und eine politische Botschaft abgesetzt. Der Friedensnobelpreis sollte wieder einmal Unfrieden stiften. Die Reaktion Chinas zeigt: Die Provokation ist gelungen, die Proteste sind heftig. Peking wertet die weltweite Blossstellung als Affront: Chinas Machthabern ist nichts peinlicher, als das Gesicht zu verlieren. Jetzt wurde ihnen vor aller Welt die Maske abgezogen. Das Regime als autoritär entlarvt, weil es Menschenrechte und Demokratie unterdrückt.

Natürlich ist die Preisverleihung durch das Komitee auch wohlfeil. Letztlich muss die private Organisation die chinesischen Sanktionen nicht fürchten. Es ist vielleicht sogar ungerecht, dass ausgerechnet Liu Xiaobo als erster Chinese in der Volksrepublik überhaupt einen Nobelpreis erhält. Als hätte das Land in der Vergangenheit in anderen Bereichen nicht Gewaltiges geleistet. Und gewiss ist diese Preisverleihung auch für all jene Länder – inklusive der Schweiz – zugleich entlarvend und beschämend, die aus Rücksicht auf Freihandelsabkommen und gute Geschäfte die Menschenrechte in Peking jeweils nur verstohlen, in ritualisierten Menschenrechtsdialogen oder hinter schallgedämpften Türen ansprechen.

Und doch ist der Preis als wichtiges Signal zu begrüssen. Er stört die chinesische Machtelite, die immer selbstbewusster auftritt. China ist in der Finanz- und Weltwirtschaftskrise noch stärker geworden – die übrige Welt vom chinesischen Erfolg noch abhängiger. Das weiss Peking auszuspielen: Im gegenwärtigen Währungsstreit droht es dem Westen, nicht zu viel zu verlangen; denn das könnte Chinas Wirtschaft aus dem Tritt bringen, was für die Welt verheerend wäre. So argumentiert Peking auch, wenn es um innere Reformen geht. Es stimmt, dass in den letzten Jahren grosse Fortschritte bei den persönlichen und wirtschaftlichen Freiheiten gemacht wurden. Was aber die politischen Rechte angeht, warnt Peking jeweils vor einer sozialen Destabilisierung des Riesenreichs. Doch China ist inzwischen stark und mächtig genug, dass es sich einen als so unerhört empfundenen Stupser wie jenen durch das Nobel-Komitee gefallen lassen muss.

Erstellt: 08.10.2010, 22:30 Uhr

Luciano Ferrari

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