Hoffen auf Burkhalters Medizin

Wenn sich die Wettbewerbsbedingungen nicht ändern, ist ein Gesundheitssystem mit sich konkurrenzierenden Krankenkassen wohl eine Fehlkonstruktion.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Und wieder steigen die Krankenkassenprämien massiv. Wieder macht sich Wut breit: über die Versicherer, die nur auf ihren eigenen Profit schauen; über die Pharmabranche, die bei Medikamenten schamlos absahnt; über die Politiker, die Massnahmen zur Kostenreduktion im Parteiengezänk untergehen lassen.

Man mache sich aber keine Illusionen. Das gute Gesundheitssystem – die Schweiz hat eines der besten der Welt – hat eben seinen Preis. Und je älter die Menschen werden, desto mehr chronisch Kranke gibt es. Zugleich garantiert die obligatorische Grundversicherung nach wie vor, dass auch wenig Begüterte von hohen Leistungen profitieren. All dies geht beim Ärger über die Prämienschübe gerne vergessen.

Und es gibt Hoffnung. Mit Didier Burkhalter ist ein Bundesrat am Werk, der sich mit grosser Ernsthaftigkeit ins komplexe Gesundheitsdossier gekniet hat und nach Selbstdarsteller Couchepin konsensorientiert arbeitet. Noch muss er die Prämientricks seines Vorgängers ausbaden. Dass das Parlament gestern Couchepins Paket zur Eindämmung der Gesundheitskosten versenkte, geht ebenfalls nicht auf seine Kappe.

Zwei Reformvorhaben sind zentral. Zum einen soll der Risikoausgleich zwischen den Kassen weiter verbessert werden. Die Anreize müssen so gesetzt sein, dass die Versicherer nicht mehr nach gesunden Kunden jagen, sondern die beste Versorgung der Kranken anstreben. Nur so macht der Wettbewerb unter den Kassen Sinn. Bei der Vergütung der Leistungen dürfen sie sich ja nicht unterscheiden. Profilieren können sie sich dagegen, indem sie qualitativ hochstehende Ärztenetzwerke anbieten. Burkhalter hat bei diesem Projekt, bei dem viel Geld gespart werden kann, im Parlament einen ersten Durchbruch geschafft. Allerdings ist das Kompromisswerk fragil – die Linke droht mit dem Referendum.

Das Parlament hat es nun in der Hand: Lässt es Reformdoktor Burkhalter ins Leere laufen und produziert es erneut einen Scherbenhaufen, steigen die Chancen einer Einheitskasse. Denn wenn sich die Wettbewerbsbedingungen nicht ändern, ist ein Gesundheitssystem mit sich konkurrenzierenden Krankenkassen wohl eine Fehlkonstruktion.

Erstellt: 01.10.2010, 23:15 Uhr

Antonio Cortesi

Umfrage

Teilen Sie die Meinung des Autoren?

Ja

 
66.1%

Nein

 
33.9%

59 Stimmen


Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...