Nach dem Spiel ist vor dem Lärm

Die amtlich verordnete Verbannung aller TV-Geräte in die Gaststuben ist nichts als kleinlich

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Das Zitat hing im WM-Stadion von Kapstadt: «In Zürich gibt es nicht viel Rhythmus, es ist langweilig, langweilig, langweilig.» Es wurde Fifa-Boss Sepp Blatter zugeschrieben, der freilich heftig dementierte. Nun scheint aber die Stadtpolizei dem anonymen Autor recht zu geben: Sie will während der WM Beizer büssen, die in ihren Gartenwirtschaften Fussballspiele zeigen. Der Lärm sei das Problem. Aber richtig laut, das wissen die Bewohner in den Kreisen 4 und 5, wird es bei Fussball-Grossereignissen erst nach dem Abpfiff. Dann nämlich, wenn Horden von Fans auf der Langstrasse feiern und hupend durch die Stadt kurven. Und das kann für Sportmuffel nervtötender sein als 90 Minuten Dauergetröte (Vuvuzela) und Dauergequassel (Wyler) am TV.

Ohnehin geht die Stadt von einer falschen Annahme aus: Nie ist es in einer Gartenbeiz nämlich ruhiger als während einer Fussballübertragung. Gebannt schauen die Gäste auf den Bildschirm, ihre Nervosität hat höchstens Einfluss auf den Alkoholpegel, auf keinen Fall auf den Schallpegel. Man kaut Nägel und klammert sich an die Bierflasche. Nur trifft ein Stürmer ins Tor, zerreisst Gejohle für wenige Sekunden die Stille. Und da vom 11. Juni bis 11. Juli eben nicht Hand-, sondern Fussball gespielt wird, sind diese Momente statistisch gesehen an einer Hand abzählbar.

Feiern, nicht Fiebern müsste verboten werden

Die Nachtruhe beginnt in Zürich um 22 Uhr. Danach dürfen Drittpersonen gemäss Polizeiverordnung in ihrer Nachtruhe nicht gestört werden. Kommt es zu keiner Verlängerung, dauert ein Abendspiel in Südafrika bis zirka 22.15 Uhr. Wollte die Stadt also tatsächlich das Recht schlafender Quartierbewohner auf Ruhe verteidigen, müsste sie das Feiern danach verbieten, nicht das Fiebern vor dem Fernseher davor.

Dass nicht jedes Boulevardcafé unbewilligt eine Grossleinwand aufstellen darf, ist sinnvoll. Wird das Public Viewing zum kommerziellen Anlass, braucht es Regeln. Kleinlich ist aber die amtlich verordnete Verbannung aller TV-Geräte in die Gaststuben. Stellt ein Wirt im Freien eine Flimmerkiste auf, hat das die Zürcher Stadtpolizei einen Monat lang nicht zu kümmern. Es wäre die beste Replik auf die Provokation von Kapstadt.

Erstellt: 26.05.2010, 23:55 Uhr

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Peter Aeschlimann.

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