Pensionskassen als Selbstbedienungsläden

Das teuerste innerschweizerische Kapitel der globalen Finanzkrise steht uns noch bevor: das Debakel bei den Pensionskassen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwischen 80 und 100 Milliarden Franken Verluste werden die schweizerischen BVG-Einrichtungen per Ende Jahr aufweisen. Hunderte Kassen werden eine namhafte Kapitalunterdeckung melden müssen. Viele der Lohnprozente zahlenden Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden in den nächsten Jahren zur Kasse gebeten. Viele dieser Wertberichtigungen sind blosse Buchverluste, etwa bei Aktien, die sich in den nächsten Jahren wohl wieder korrigieren.

Doch ein geschätzter zweistelliger Milliardenbetrag besteht aus echten Verlusten im Versichertenvermögen. Sie stammen vorwiegend aus Anlagen in Hedge-Funds und strukturierten Produkten (deren Summe Ende 2007 bereits 40 Milliarden in den Kassenvermögen ausmachte) sowie aus verlustreichen Absolute-Return-Fonds der Grossbanken und der Collateralized Debt Obligations (CDO), die beide schon mit ihrem Namen einen Etikettenschwindel darstellten.

Gewichtige Umlagerungen

Es ist ein Witz der Geschichte, dass ausgerechnet am 19. September 2008 - mitten in der Finanzkrise - die Anlagerichtlinien für die Pensionskassen gelockert worden sind. Mit der Änderung der wichtigen Pensionskassen-Verordnung (BVV2, mit Inkraftsetzung am 1. Januar 2009 und Vollzug bis Ende 2010) hat der Bundesrat ausgerechnet die Anlagen in Hedge-Funds und strukturierte (sprich spekulative) Produkte auf 15 Prozent erhöht und gleichzeitig die Anlagen in Liegenschaften von 55 auf 30 Prozent und jene in Hypothekardarlehen von 75 auf 50 Prozent gesenkt. Das bedeutet im Extremfall, dass Pensionskassen ihre sicheren Anlagen in Liegenschaften oder Hypothekardarlehen auf weniger sichere wie Aktien und strukturierte Produkte umlagern müssen - angesichts der Erfahrungen mit der Finanzmarktkrise eine ökonomische Schandtat.

Diese Deregulierung führt zu Anlageformen mit mehr Risiken, mehr Spekulation und weniger Bonität. Denn die Hypothekardarlehen und Kapitalanlagen in Liegenschaften haben sich seit mehr als einem Jahrzehnt als sicherer und im Langfristvergleich ertragreicher erwiesen als Aktien oder sogenannt alternative Anlagen wie Hedge-Funds.

Der Entscheid im Hinterzimmer

Profiteure der geplanten Verschiebung des Anlagemusters sind die Grossbanken, die Hedge-Funds und die Anlageberatungsfirmen. Formeller Antragsteller der Lockerung im Bundesrat war zwar Bundespräsident Pascal Couchepin. Es gab vorgängig weder eine Vernehmlassung noch eine Orientierung der parlamentarischen Kommissionen. Treibende Kraft dahinter war aber ein ominöses Gremium, das sich «Ausschuss Anlagefragen» nennt und aus Mitgliedern der BVG-Kommission und externen Vertretern des Finanzplatzes besteht.

In diesem elfköpfigen Ausschuss wurde die neue Anlagestrategie ausgeheckt und in der BVG-Kommission buchstäblich durchgedrückt. Fragt man heute Kommissionsmitglieder, die nicht im Ausschuss sind, wollen sie beim Entscheid unisono ein «schlechtes Gefühl» bei der Sache gehabt und eine «fachliche Überforderung» gespürt haben.

Der elfköpfige «Ausschuss Anlagefragen» wurde von der Finanzszene dominiert. Er bestand aus fünf Vertretern von Banken und Versicherungen (UBS, Pictet, CS, Swiss Re, Axa-Winterthur) sowie zwei Vertretern von Anlageberatern (PPCmetrics, KPMG). Die Vertreter des Staates (zwei) und der Sozialpartner (je einer) waren in der Minderheit.

Präsidiert wurde der «Ausschuss Anlagefragen» von Dominique Ammann von der Anlageberatungsfirma PPCmetrics, die im Pensionskassengeschäft mitmischt. Ammann und seine Firma profitieren direkt von den neuen Anlagerichtlinien. Denn die Veränderung im Anlagemix und die Übertragung von mehr Verantwortung auf die Stiftungsorgane der Pensionskassen erfordert nach Ansicht unabhängiger Experten einen enormen zusätzlichen Bedarf an externer Beratung.

Profiteure sind die Banken und Beratungsfirmen

Genau dies macht sich die Beratungsfirma des Ausschusspräsidenten zu Nutze: Auf ihrer Website wirbt PPCmetrics unter dem Titel «Revision Anlagevorschriften BVV2» mit grossen Lettern: «Die PPCmetrics unterstützt Sie bei der Einhaltung der neuen BVV2-Anlagevorschriften». Was nicht steht: Solche Pensionskassen-Beratungen kosten erfahrungsgemäss 400 Franken pro Stunde. Unabhängig von PPCmetrics gilt, dass Berater nicht deklarieren müssen, was sie an Provisionen und Kickbacks von den Banken erhalten.

Was lässt sich nach diesem Deregulierungscoup noch tun? Die nationalrätliche Kommission SGK, die erst kürzlich auf dieses Fait-accompli aufmerksam wurde, hat Anfang November vom Bundesrat einen Bericht verlangt. Die ständerätliche Kommission hat bald eine ähnliche Gelegenheit. Die Strategie müsste sein: die BVV2-Revision auf den 1. Januar 2009 nicht in Kraft setzen, das Parlament einschalten, eine breite Vernehmlassung durchführen und danach - wenn nötig - eine abgestützte Revision durchführen.

Unsere 600 Milliarden Franken Pensionskassenvermögen sind durch ein gesetzlich verordnetes Zwangssparen zusammengekommen. Deshalb ist es eine öffentliche Pflicht, den Pensionskassen mit ihren paritätischen, meist unprofessionellen Miliz-Stiftungsräten enge Grenzen im Sinne einer konservativen Anlagestrategie zu setzen. Die Pensionskassenvermögen sind die langfristigsten Anlagen überhaupt; sie haben in strukturierten und spekulativen Produkten, in ungesicherten Dollaranlagen und in aktiv verwalteten Anlagefonds nichts zu suchen. Ausser den Banken und Anlageberatern profitiert niemand davon. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2008, 09:31 Uhr

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Die Welt in Bildern

Zusammen Pferde stehlen?: Diese drei Isländer stecken ihre Köpfe auf der Pferdekoppel im deutschen Wehrheim zusammen. (16. Januar 2018)
(Bild: AP Photo/Michael Probst) Mehr...