Poker ist eine Kunst, kein Glück

«Wer profitiert von dem Urteil? Die Schweizer Casinos, die gegen die Freigabe von Poker klagten.»

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Poker ist ein komplexes Spiel. «Es braucht einen Abend, um die Regeln zu lernen, aber ein Leben, um es richtig zu spielen», heisst es. Man kann als Pokerspieler viele Fehler machen. Aber es gibt einen schrecklichen Fehler, der garantiert zum Ruin führt: zu glauben, dass dieses Spiel vor allem mit Glück zu tun hat.

Genau diesen Fehler macht nun das Bundesgericht. Es taxierte Texas Hold–em, die populärste und komplexeste Pokervariante, als Glücksspiel statt als Geschicklichkeitsspiel – und verbot öffentliche Turniere. Damit widerspricht das Bundesgericht nicht nur den Experten der Spielbankenkommission und der Vorinstanz des Bundesverwaltungsgerichts, sondern beendet auch den Schweizer Pokerboom. Weit über 100 Kleinunternehmen hatten in letzter Zeit Zehntausende Franken in Pokerlokale, Websites und Turnierorganisationen investiert.

Für die Entscheidung des Bundesgerichts fehlen triftige Gründe. Hauptargument ist, dass eine Pokerpartie durch Karten entschieden wird, also Glück. Tatsächlich stimmt, dass an einem Abend der letzte Anfänger den Pokerweltmeister schlagen kann. Einfach durch Wahnsinnskarten.

Aber nicht an zehn und schon gar nicht an hundert Abenden. Denn auf lange Sicht bekommen alle die gleichen Karten. Glück und Pech heben sich auf. Bleibt: das Können. Und Poker bei Texas-Hold–em-Poker braucht eine Menge Können: die Einschätzung von Gegnern, Nerven, Geduld, Disziplin und eine Menge Studium – vor allem der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Es gibt Tausende von Pokerbüchern – von den Faustregeln für Anfänger bis zum hochmathematischen für Berufsspieler. Mark Twain log kaum, als er schrieb: «Zu lernen, wie man mit zwei Paaren spielt, ist so viel wert wie eine Hochschulbildung und auch ungefähr so teuer.»

Profi-Poker etwa ist ein Hochleistungssport. Aktuelle Fachlektüre gehört ebenso dazu wie Fitnesstraining und das tägliche, mehrstündige Analysieren des Spiels vom Vortag, um die eigenen Fehler zu finden. Hätte das Bundesgericht mit seiner Analyse – Poker ist Glück – recht, wären diese Exerzitien sinnlos. Nur: Wie erklärt sich das Gericht dann, dass über Jahre dieselben Spieler gewinnen, zwar nicht jeden Abend, aber meistens? Schlicht Glück? Ein Teufelspakt?

Auch unter Normalspielern, so haben Studien ergeben, gewinnen jene, die zuvor ein paar Lektionen genommen haben. Und eine Untersuchung von 103 Millionen Online-Pokerpartien ergab, dass nur in 15 Prozent der Fälle die Spieler mit dem besten Startblatt siegten – der Rest wurde von geschickteren Spielern hinausgeblufft.

Das Bundesgericht sprach ebenfalls von möglicher Kriminalität: Manipulation und Geldwäscherei. Das ist lächerlich. Bisher erlaubt waren nur Turniere mit Einsätzen von 10 bis 500 Franken. Das kleinste Turnier – mit 6 Spielern – dauert meist über eine Stunde. Ein mittelgrosses Turnier mit 77 Teilnehmern gern eine halbe Nacht. Hier zu tricksen oder Geld zu waschen, wäre zu aufwendig und unpraktisch.

Dann erwähnte das Gericht die Gefahr von Ruin durch Spielsucht. Dabei ist bei Pokerturnieren das Verlustrisiko begrenzt: auf die Teilnahmegebühr. Wer ausscheidet, muss auf das nächste Turnier warten. Was oft dauert. Überhaupt ist Poker nicht das Spiel der Süchtigen. Sie bevorzugen schnelle, mechanische Glücksspiele: Würfel, Wetten, Automaten, Roulette.

Und selbst wenn es so wäre – Poker mit körperlich anwesenden Menschen trägt nur einen verschwindend kleinen Teil an den Umsätzen bei: Mit keinem Wort erwähnt das Bundesgericht den Online-Poker, wo um das wirkliche Geld gespielt wird. Das ist eine Milliardenindustrie, verglichen damit ist das verbotene Turnierpoker Kleingewerbe.

Wer profitiert von dem Urteil? Die Schweizer Casinos, die gegen die Freigabe von Poker klagten. Turniere dürfen nun nur noch von ihnen durchgeführt werden. Der Witz dabei: Für die Casinos ist Poker selbst kein Geschäft. Der Personalaufwand ist gross, die Margen sind minimal. Das Business besteht darin, die Pokerspieler zu den echten Glücksspielen zu locken: zu Würfeln, Blackjack, Roulette und den hirntötenden Automaten.

Kurz: Das Bundesgericht hat nicht nur ein gerade entstandenes Kleingewerbe zerstört und vielen Leuten ein Vergnügen genommen. Sondern auch das Glücksspiel gestärkt. Und das aus purer Inkompetenz.

Erstellt: 02.06.2010, 23:07 Uhr

Constantin Seibt.

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