Schirrmacher trifft Sarrazin

Die Debatte um Thilo Sarrazins Buch kommt auf den Punkt.

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Suchte man nach einem Lehrbeispiel eines gut geführten Interviews, man könnte seit gestern dieses hier verwenden: Frank Schirrmacher, Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», traf Thilo Sarrazin. Daraus wurde ein zweiseitiges Gespräch im Feuilleton.

Der FAZ-Herausgeber ist in einem Punkt vorbildlich. Er bohrt dort hartnäckig in die Tiefe, wo Sarrazins Befürchtung um den Niedergang der deutschen Hochkultur erbbiologisch begründet wird, im viel diskutierten achten Kapitel seines Buches. Es ist jenes Kapitel, von dem Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit sagt, man hätte Sarrazins provokative Aussagen stets ernst genommen, sei nun aber erschrocken, welche ideologische Grundlage seinem Denken zugrunde liege. Es geht um die Eugenik, die «wissenschaftlich» untermauerte Vorstellung , dass es gefährlich wird, wenn sich Dumme aus einem fremden Kulturkreis rascher fortpflanzen als Intelligente aus dem eigenen Kulturkreis. Sie führt letztlich zur Haltung des Sozialingenieurs, der dafür besorgt ist, dass unliebsame Fortpflanzungswillige mit schlechtem Erbgut an der Fortpflanzung gehindert werden und Fortpflanzungsunwillige aus dem eigenen Kulturkreis mit gutem Erbgut dazu ermuntert. Das hat in der unfreiwilligen Version historisch zu beispielloser Brutalität geführt. Schirrmacher meint zu Recht, man dürfe von Eugenik ebenso wenig reden, ohne den Nationalsozialismus zu erwähnen, wie von der Atomspaltung, ohne Hiroshima zu nennen.

Sarrazin zeigt sich auf Schirrmachers Tiefenbohrung hin sehr belesen, den Beweis für seine Thesen kann er freilich nicht erbringen. Kein Wunder, die Ideologie basiert bekanntermassen weniger auf Wissenschaftlichkeit denn auf der Angst im kollektiven Unbewussten einer Leitkultur, die mit dem Fremden nicht umgehen kann. So hat Sarrazin auf sein Buch hin, das in kurzer Zeit bereits 1,1 Millionen Mal gedruckt wurde, von nationalistischer Seite breite Zustimmung erhalten. Schön immerhin, dass er im Laufe des Gesprächs einräumt, dass ihn die Intensität der positiven Emotionen zu seinem Buch inzwischen etwas beunruhigt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2010, 21:27 Uhr

Res Strehle

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