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Die Güterbranche wartet nicht auf Bellinzona

«Die Tessiner Bähnler lenken vom wahren Problem ab: der mangelnden Konkurrenzfähigkeit des Werks in Bellinzona.»

Nun spielen sie wieder mit dem Feuer, die Bähnler aus dem Industriewerk Bellinzona. Zwar haben sie ihre für heute angekündigte Protestaktion in Bern kurzfristig abgeblasen. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass sich die Tonlage verschärft. Auch wenn Arbeiterführer Gianni Frizzo und seine Kollegen das Wort Streik tunlichst meiden - faktisch hatten sie eine Arbeitsniederlegung angekündigt und den SBB zwischen den Zeilen mit einer weiteren Eskalation gedroht. Das Vokabular erinnerte stark an die Zeit vor dem Streikausbruch im März dieses Jahres.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Als die Proteste im Frühjahr losgingen, war die Wut der Bähnler über das Hüst und Hott von SBB Cargo mehr als verständlich. Dank ihrem Beharrungsvermögen und der Unterstützung des ganzen Kantons erreichten sie anschliessend mehr, als sich etliche von ihnen zu Beginn wohl erträumt hatten: Die SBB haben die Restrukturierungspläne zurückgezogen, und am runden Tisch wird seither um die Zukunft des Industriewerks gerungen.

Mitten in diesem schwierigen Prozess setzen Frizzo und Co. nun das bisher Erreichte wieder aufs Spiel. Den geplanten Transfer des Industriewerks von der Cargo zur Sektion Personenverkehr benutzen sie als Vorwand für Garantieforderungen, die ihnen kein Betrieb jemals wird erfüllen können. Damit lenken sie vom Kern des runden Tisches und vom wahren Problem der Officine ab: der mangelnden Konkurrenzfähigkeit des Werks. RAlpin, der Betreiber der rollenden Landstrasse, hat den Wagenunterhalt aus wirtschaftlichen Gründen bereits aus Bellinzona abgezogen. Und bei der Hupac dürfte mehr politischer Druck als betriebswirtschaftliches Rechnen dazu geführt haben, dass zumindest die Hälfte des Rollmaterials weiterhin in Bellinzona gewartet wird.

Was die Arbeiter nicht sehen oder nicht sehen wollen: Während sie über Garantien und ihren Angestelltenstatus diskutieren, verändert sich die Branche in hohem Tempo. Mindestens drei für die Zukunft des IW wichtige Entwicklungen spielen sich ab:

Das Auftragsvolumen der SBB wird schrumpfen, weil die Zahl der Lokomotiven sinkt und der technische Fortschritt die Güterwagen weniger unterhaltsintensiv macht. Will das Werk nicht als Bundesbetrieb zugrunde schrumpfen, braucht es neue Kunden.

Der Fall Hupac zeigt, wie das Unterhaltsgeschäft zunehmend europaweit organisiert wird. Die privaten Güterbahnen spielen eine immer wichtigere Rolle. Sie sind nicht auf Bellinzona angewiesen, zumal wenn sich die dortige Belegschaft mit einer eigentlichen «Beamtenmentalität» jeglicher Liberalisierung widersetzt.

Die beiden Schweizer Güterwaggonbauer Cattaneo und Meyer treiben ihr Projekt für ein eigenes Unterhaltszentrum an der Gotthardroute voran. «Wir können nicht ewig auf Bellinzona warten», sagten die Cattaneo-Chefs, als ein geplantes Joint Venture mit den SBB am Widerstand der Streikenden gescheitert war.

Das Industriewerk Bellinzona hat - wenn auch mit Mühe und Not - einen Teil des Hupac-Auftrags behalten können. SBB Cargo hat Bellinzona die Unterhaltsaufträge auf lange Frist zugesichert. Abgemacht ist auch, dass die SBB rund 10 Millionen ins Industriewerk investieren werden. Das garantiert ihm noch nicht alle Arbeitsplätze im heutigen Umfang. Aber es ist eine solide Basis. Und bis zum nächsten runden Tisch vom 13. März 2009 wollen die SBB Szenarien für den Unterhalt ihres Rollmaterials nach 2010 vorlegen.

Statt wieder eine Eskalation zu riskieren, sollten die Tessiner Bähnler sich darauf konzentrieren, ihre Effizienz zu steigern und sich im wachsenden Geschäft des Güterverkehrs am Gotthard als kompetente und zuverlässige Partner zu profilieren. Bedeutet die kurzfristige Absage der Protestaktion, dass das zumindest ein Teil der Belegschaft in Bellinzona auch so sieht? Die nächsten Wochen werden es zeigen.

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