Zum Hauptinhalt springen

Gastkommentar zur PandemieMenschenleben in Franken umzurechnen, ist legitim

Wirtschaftliche Überlegungen haben ihren Platz in der Pandemie-Bekämpfung. Ärzte und Richter müssen bei Entscheiden über Leben und Tod oft Kosten-Nutzen-Rechnungen anstellen.

Was darf die Rettung eines Menschenlebens kosten? Die Wirtschaftlichkeit medizinischer Massnahmen muss mit berücksichtigt werden.
Was darf die Rettung eines Menschenlebens kosten? Die Wirtschaftlichkeit medizinischer Massnahmen muss mit berücksichtigt werden.
Foto: Robin Utrecht (Getty)

Am 24. April schrieb Sandro Benini im «Tages-Anzeiger» und im «Bund» über «Denkfehler der Lockdown-Gegner», es sei «problematisch», ökonomische Schäden gegen den Verlust an Menschenleben «aufzurechnen». Ähnlich äusserte sich Ökonomin Monika Bütler in der «NZZ am Sonntag» zwei Tage später: Das Aufwiegen von «Menschenleben gegen Wirtschaftsleistung» sei «heikel».

Heikel ist das in der Tat. Nur: Mediziner, Krankenkassen, Gerichte müssen genau diese Fragen – sprich: Kosten-Nutzen-Erwägungen im Zusammenhang mit Leben und Tod – praktisch täglich beantworten. Soll oder darf ein teures Medikament verabreicht werden, wenn der medizinische Nutzen gering ist? Wann ist ein Spitex-Einsatz noch wirtschaftlich?

Gesetz und Rechtsprechung stellen bei medizinischen Behandlungen stets Kosten-Nutzen-Überlegungen an.

Das Bundesgericht, dem ich 11 Jahre lang angehörte, behandelt regelmässig solche Fälle. Bei einer 70-jährigen Frau etwa, die an einer seltenen Krankheit litt, verneinte das oberste Gericht den therapeutischen Nutzen eines Medikaments, das jährlich 500’000 Franken kostet. Die Begründung: Es bestehe ein Missverhältnis zwischen Kosten und Nutzen (BGE 136 V 395).

In einem anderen Fall war über die Wirtschaftlichkeit eines allnächtlichen Spitex-Einsatzes zu befinden. Eine 24-jährige Frau, die an einer angeborenen Atemstörung litt, wäre ohne diese Hilfe erstickt. Das Bundesgericht verpflichtete die Krankenkasse zur Vergütung der jährlichen Kosten von rund 200’000 Franken (BGE 142 V 144).

Was ist aus diesen Urteilen zu schliessen? Gesetz und Rechtsprechung stellen bei medizinischen Behandlungen stets Kosten-Nutzen-Überlegungen an. Das Krankenversicherungsgesetz schreibt nämlich vor, dass drei Kriterien – Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit – gleichberechtigt zu prüfen seien. Eine Kostenobergrenze sieht das Gesetz nicht vor. Dies entspricht in der Schweiz dem demokratisch legitimierten Willen.

Wenn also auf der Ebene der einzelnen Patienten ökonomische Leitplanken bestehen, ist es auch geboten, einen Massstab auf gesamtgesellschaftlicher Ebene anzulegen.

Wenn also auf der Ebene der einzelnen Patienten ökonomische Leitplanken bestehen, ist es auch geboten, einen Massstab auf gesamtgesellschaftlicher Ebene anzulegen. Konkret: Wie hoch darf der Preis für die Stilllegung der Wirtschaft sein, um die aktuelle Pandemie zu bekämpfen?

Hellhörig hat mich der Bericht des Hamburger Pathologen Klaus Püschel über Obduktionen gemacht: Bei 61 von 65 untersuchten Verstorbenen soll er Vorerkrankungen festgestellt haben. Alexander Tzankov, Leiter des Fachbereichs Autopsie am Uni-Spital Basel, soll dazu gesagt haben: «All diese Patienten hätten ohne Covid-19 vielleicht länger gelebt, vielleicht eine Stunde, einen Tag, eine Woche oder ein ganzes Jahr.»

Covid-19-Infektionen treffen in grossem Ausmass Menschen mit einer Vorerkrankung und unter diesen Menschen im hohen Alter. Der Bericht des Bundesamtes für Gesundheit zur epidemiologischen Lage spricht von 29’264 infizierten Personen (Stand 28.4.2020). Davon seien 1380 Personen – Altersmedian: 84 Jahre – «im Zusammenhang mit einer laborbestätigten Covid-19-Erkrankung» gestorben. Auch das Bundesamt erwähnt, dass 97 Prozent der Verstorbenen (und 87 Prozent der Hospitalisierten) Vorerkrankungen aufwiesen.

Bei einer zögerlichen Aufhebung des verordneten wirtschaftlichen Stillstandes bestünde je länger, desto stärker ein Missverhältnis zwischen Nutzen und Kosten der Schutzmassnahmen.

Aufschlussreich wäre da die Antwort auf die Frage: Welche Personen sind am Coronavirus gestorben und welche mit Coronavirus? Zu welchem Preis also erkaufen wir uns bei der Corona-Krise eine nicht bezifferbare Lebensverlängerung?

Wenn es so ist, dass viele Todesfälle wegen oder mitbedingt durch Vorerkrankungen eintraten, relativiert sich die Gefährlichkeit von Covid-19. Wenn es so ist, dass die allermeisten der infizierten Personen eher leichte Krankheitsverläufe aufweisen, relativiert sich die Gefährlichkeit auch aus diesem Grund.

Mit anderen Worten: Bei einer zögerlichen Aufhebung des verordneten wirtschaftlichen Stillstandes – der anfänglich seine Berechtigung hatte – bestünde je länger, desto stärker ein Missverhältnis zwischen Nutzen und Kosten der Schutzmassnahmen.

183 Kommentare
    David Webb

    Dass es soweit gekommen ist dass Menschenleben in CHF umzurechenen sind , ist zum grössten Teil die Folge der Sparpolitik der letzten Jahren. Hätte die Schweizer Kantone tatsächlich in Notvorräte (wie von dem eigenen Pandemieplan vorgesehen) von Schutzmasken investiert, hätten wir Masken statt Lockdown als Schutzmassnahme . Wir hätten grosszügig desinfizieren können wenn wir den Notvorrat an Alkohol nicht aufgelöst hätte. Wir hätten einen noch leistungsfähigeres Spitalwesen mit besser geschützten Personal. Statt in diesen relative Kleinigkeiten zu investieren, haben sich die Kantone einen Steuersenkungs Wettbewerb geleistet . Mit der Folge dass wir jetzt als einzige Möglichkeit das Virus einzudämmen die massive teueren Lockdown hatten.

    Und wenn der Bund den Rettungsplan besser auf die Leuten die wirklich Hilfe brauchen abgestimmt hätte z.B die Mieterinnen von Geschäftslokale wäre auch viel Druck die Massnahmen zu lockern weg.