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Bleibt der Formel-1-Rekordmann?Mercedes will verlängern, doch Hamilton zögert

Mehrere Aussagen des Serienweltmeister lassen über seine Zukunftspläne spekulieren. Sie hängen auch davon ab, ob ihm die Absichten seines Chefs Toto Wolff gefallen.

14 Titel konnte er mit Mercedes schon feiern: Lewis Hamilton.
14 Titel konnte er mit Mercedes schon feiern: Lewis Hamilton.
Foto: Getty Images

Weihnachten. Acht Wochen sind es noch bis dahin, vier Rennen müssen vorher noch gefahren werden, im Jahr der Pandemie zieht sich die Saison der Formel 1 so lang hin, dass in England schon das erste Lametta an den Wohnzimmertannen hängt, wenn in Abu Dhabi die letzte schwarz-weiss karierte Flagge geschwenkt wird. Lewis Hamilton hat am Sonntag trotzdem schon an Weihnachten gedacht. An die grosse Feier, die der Mercedes-Rennstall dann mal wieder abhalten wird am Firmensitz in Brackley in der Grafschaft Northamptonshire, nördlich von London. Woanders kommen nur die Drei Heiligen Könige, in Brackley auch noch die Pokale.

Es sei so «cool» auf der Weihnachtsfeier, wenn dann die ganze Belegschaft zusammenkomme, um mal wieder die nächste gewonnene Konstrukteursweltmeisterschaft zu feiern, hat Hamilton erzählt. Tatsächlich kennen sie es ja gar nicht mehr anders bei Mercedes: 14 Titel werden sie am Heiligabend gesammelt haben in den vergangenen sieben Jahren. Sieben für das Team, sieben für die Fahrer. Diese coole Atmosphäre an Weihnachten, der Erfolg als Team, sagt Hamilton, «selbst wenn ich heute aufhören würde, wäre das etwas, das ich für den Rest meines Lebens mit dieser grossen Gruppe von Menschen teilen könnte».

Weihnachten? Aufhören? Karriereende? Bei Mercedes?

Gab's ja schon mal. Bald vier Jahre ist es her, dass der frisch gekürte Weltmeister Nico Rosberg kurz vor Heiligabend dem Team davonlief, um sich auszuruhen auf dem Erreichten und sich vorzubereiten auf seine Auftritte als Investor in der Höhle der Löwen auf dem TV-Sender Vox.

Rosbergs Flucht als Befreiung

Für Hamilton war Rosbergs Flucht eine Befreiung. Für Teamchef Toto Wolff eine Herausforderung. Er traf sich mit Hamilton in der Küche seines Hauses in Oxford, dort erlebten sie «unseren Moment», wie Wolff dieser Zeitung erzählte: «Da hat sich unser Verhältnis von Skepsis in Vertrauen gewandelt. Durch ein Gespräch.»

Rennt einer wie Hamilton vor Weihnachten fort? Hamilton sei damals im Zwiespalt gewesen, ob er der Truppe, die das beste Auto baute, vertrauen könne. «Er hat den Eindruck gehabt», sagte Wolff, «dass wir Rosberg favorisiert hätten.» Hamilton blieb. Was dann folgte, werden acht der bald schon 14 Pokale sein, die er gemeinsam mit Toto Wolff gewonnen haben wird. Er muss nur noch einmal vor seinem handzahmen Teamkollegen Valtteri Bottas ins Ziel rauschen, dann ist er siebenmaliger Weltmeister, genau wie Michael Schumacher.

Die Pokalscheffler bei Mercedes: Toto Wolff und Lewis Hamilton in Imola.
Die Pokalscheffler bei Mercedes: Toto Wolff und Lewis Hamilton in Imola.
Foto: Mark Thompson (Getty Images)

Und dann? Rennt einer wie Hamilton vor Weihnachten fort? Verlässt das nach wie vor beste Auto, anstatt es noch mindestens ein weiteres Jahr um den Planeten zu steuern, 23 Mal ins Ziel zu bringen, um dann dies hier zu werden: ein achtmaliger Weltmeister – der beste Rennfahrer der Geschichte? «Ich weiss nicht mal, ob ich nächstes Jahr hier bin. Dafür gibt es keine Garantie», hat Hamilton gesagt am Sonntag nach seinem Sieg in Imola. Huch!

Andererseits: Es hat wohl schon Sportler gegeben, die mit besseren Blättern gepokert haben als dieser Lewis Hamilton im Jahr 2020. Jenem Jahr der Seuche für die Menschheit und dem des Triumphs für den Formel-1-Rennstall Mercedes, der nun offiziell der erfolgreichste Serien-Weltmeister der Geschichte ist.

Wolff kennt Hamiltons Karten ziemlich genau. Er hat angekündigt, mit seinem schnellsten Angestellten erst dann über seinen neuen Vertrag zu verhandeln, wenn auch der Fahrer-Pokal auf dem Weg in die Vitrine in Brackley ist. «Lewis und ich, wir sind noch nicht fertig», sagte Wolff am Sonntagabend: «Ich habe das Gefühl, dass wir die Nadel noch ein bisschen weiter bewegen können.»

Es ist ja nicht so, als lebe Mercedes in sklavischer Abhängigkeit von Hamilton. Die Nadel weiterbewegen kann notfalls auch Bottas. Da das Reglement im kommenden Jahr dasselbe sein wird wie derzeit, ist der Mercedes höchstwahrscheinlich weiter unbesiegbar. Und auch Hamilton schwächte später am Abend sein eigenes Blatt, als er eine Botschaft in sein Handy tippte, um sie der Welt im Internet zur Verfügung zu stellen: «Lasst uns weiter gemeinsam Geschichte schreiben.»

Wolff und Hamilton warten auf ihren nächsten gemeinsamen Moment. In diesem wird es nicht zwingend nur um die Höhe von Hamiltons Gehalt gehen, auch wenn britische Boulevardmedien bereits über Gehaltsvorstellungen jenseits von 130 Millionen Euro für die nächsten drei Jahre berichten. Hamiltons und Wolffs Karrieren sind spätestens seit ihrem Rendezvous vor dem Kühlschrank untrennbar miteinander verwoben. Von einer «Symbiose» spricht Wolff inzwischen.

Und dem Vernehmen nach will der Rennfahrer zunächst mal ganz gerne erfahren, was sein Chef mit seinem eigenen Leben in Zukunft anstellen will. Und zwar ganz genau. Wolff sagt: «Meine Rolle könnte sich in Zukunft ändern, und es ist etwas, wonach er gefragt hat. Und ich denke, nichts ist jemals sicher.» Nicht nur Hamilton fragt sich: Wer führt den Rennstall in die Zukunft?

Ganz verschwinden wird Wolff nicht

Zwei Dinge sind absehbar: Zumindest in der kommenden Saison wird Wolff, der seit 2013 auch 30 Prozent der Anteile am Team hält, noch dessen Chef sein. Und gänzlich von der Bühne verschwinden will er danach auch nicht. «Meine Situation ist ein bisschen anders, weil ich Miteigentümer bin, also werde ich es nie aufgeben, weil es genau das ist, was ich gerne mache», sagte Wolff in Imola. Möglich also, dass er Teamaufsichtsrat wird wie einst Niki Lauda, der mit zehn Prozent am Rennstall beteiligt war.

Seinen Nachfolger als Teamchef muss Wolff in der nächsten Saison sorgfältig aufbauen. Damit er vorbereitet ist auf die Regelnovelle 2022, die der Formel 1 gänzlich neue Autos bringen wird. Neue Regeln bringen den unterlegenen Konkurrenten die Chance, mit dem bestehenden Kräfteverhältnis zu brechen. 2022 ist der früheste denkbare Zeitpunkt, an dem der silberne Stern sinken könnte.

Auf die Frage, ob er schon einen Nachfolger im Sinn habe, antwortete Wolff: «Ich habe eine Idee, aber ich kann es noch nicht verraten.» Hamilton wird den Namen als einer der Ersten erfahren. Notfalls in Wolffs Küche in Oxford.

4 Kommentare
    Peter Saladin

    Mercedes streicht tausende von Stellen und gibt gleichzeitig Millionen für dieses Formel 1 Theater aus, das ist unethisch.