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AboAbschied von Alu und Plastik
Migros greift Nespresso mit «Kapselkaffee ohne Kapseln» an

Sie werden unter dem Markennamen Coffee B angeboten: die Kaffeekugeln und die Maschine der Migros.
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Nespresso – what else? Mit diesem Spruch wirbt der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern Nestlé für seinen Kapselkaffee.

Nun greift die grösste Schweizer Arbeitgeberin, die Migros, Nespresso frontal an. Und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern europaweit und womöglich bald auch in den USA.

Der Grossverteiler verspricht nichts weniger als die «grösste Produktinnovation in der Geschichte der Migros». Diese wird am 6. September vom Chef Fabrice Zumbrunnen am Migros-Hauptsitz in Zürich persönlich vorgestellt.

Die Zeitungen von CH Media waren auf der richtigen Spur, als sie berichteten, dass die Migros unter der Marke Coffee B eine «Kaffee-Revolution» präsentieren werden. Demnach habe die Migros ein neues, nachhaltiges Kaffeesystem entwickelt, mit biologisch abbaubaren Kaffeeportionen, also ohne Aluminium- oder Plastikhülle, wie man es von Nespresso-Kapseln und deren Kopien kennt.

Kaffeekugeln, die aussehen wie Lindor-Kugeln

Nun kennt die SonntagsZeitung die Details: Die Migros läutet nichts weniger als den Abschied von den Kaffeekapseln ein. Forscherinnen und Forscher des Migros-Tochterunternehmens Delica haben in den vergangenen fünf Jahren am Standort Birsfelden BL Kugeln aus gepresstem Kaffeepulver entwickelt, die aus der Ferne wie Lindor-Kugeln aussehen. Diese liegen unverpackt in einer Kartonschachtel und werden von Hand in eine ebenfalls von der Migros entwickelte elektronische Coffee-B-Maschine gelegt.

Das ist nicht unhygienisch, denn der in Kugelform gepresste Kaffee ist von einer unsichtbaren Hülle umgeben. Sie besteht aus Polysacchariden – das sind Kohlenhydrate, die zum Beispiel in Getreiden, Kartoffeln oder Nadel- und Laubbäumen vorkommen. Die Hülle, eine Art dünne Haut, löst sich bei der Zubereitung des Kaffees nicht auf, ist aber zusammen mit dem verbrauchten Kaffeepulver zu hundert Prozent kompostierbar. Das geht aus den von Delica beim Europäischen Patentamt eingereichten Patentschriften hervor.

Damit hat die Migros eine Lösung für zwei Probleme gefunden: Herkömmliche Kaffeekapseln aus Alu oder Plastik verbrauchen bei der Produktion grosse Mengen an Energie. Und sie verursachen riesige Mengen Abfall. Sie müssen entsorgt oder separat gesammelt und der Wiederverwertung zugeführt werden.

Coffee B passt also besser in die Zeit der Abfallvermeidung als Nespresso oder andere Kapselsysteme. Mit ihrer Erfindung greift die Migros folglich nicht nur Nespresso an, sondern alle Anbieter von Kaffeekapseln – auch die eigenen.

Geheime Informationen dringen an die Öffentlichkeit

An sich sollte die Erfindung streng geheim bleiben. Doch am Freitag hat Delica sie an einem Mitarbeiterfest in Basel den mindestens 200 Anwesenden vorgestellt. Und der französische Blog «Web Grande Conso», der auf Konsumgüter und den Detailhandel spezialisiert ist, hat am 30. August ein Bild veröffentlicht, das die Kaffeekugeln und die Maschine von Coffee B zeigt.

Darauf ist zu sehen, dass die Migros das neue Produkt unter dem Werbespruch «le systemè à capsule sans capsule» anbietet – das Kapselsystem ohne Kapsel. Gemäss dem Blog wird die Erfindung bereits seit einigen Wochen in französischen Geschäften vorgestellt.

Das ist verwunderlich, denn in der Migros-Zentrale in Zürich macht man ein grosses Geheimnis um die «Kaffee-Revolution». Vorerst ist diese in acht Rezepturen zu haben, die alle auf dem Migros-Kaffeesortiment Café Royal fussen. Sie sollen gleich schmecken wie diese.

Verkauf in grossen europäischen Ländern und den USA geplant

Vorsichtshalber hat die Migros in ihren Patentschriften nicht nur für ihre Kaffeekugeln ein Patent angemeldet, sondern für weitere Anwendungen wie Tee, Kakao, Trinkschokolade, Milchpulver, Instantkaffee und Trockensuppe sowie Kombinationen davon.

Es kann also gut sein, dass sie – falls der Start gelingt – bald auch Tee- oder Cappuccino-Kugeln anbietet. Eingereicht hat die Patentschriften eine der grössten Patentanwaltskanzleien der Schweiz, Hepp Wenger Ryffel aus Wil SG.

Verkauft werden die Coffee-B-Kugeln und -Maschinen anfänglich in jeder Migros-Filiale. Dort wird es eine eigene Verkaufsecke geben. Die Maschinen werden auch in Haushaltsgeräte- und Elektronikgeschäften zu haben sein.

Über die Schweiz hinaus ist ein internationaler Vertrieb geplant. Am Mitarbeiteranlass in Basel wurden Deutschland, Frankreich und die Niederlande genannt. Und laut einer Quelle sogar der potenziell grösste Markt, die USA. Offenbar ist die Migros in Verhandlungen mit Partnern, darunter Supermarktketten.

Wie ein Blick ins Internet zeigt, hat sich der Detailhandelsriese die Domainnamen für Coffee B in weiteren Ländern gesichert, darunter Grossbritannien, Italien, Österreich, Belgien und die USA.

Schweiz ist schon jetzt einer der grössten Kaffee-Exporteure

Gelingt der Migros ihre «Kaffee-Revolution», wird die Schweiz noch wichtiger als Kaffeeland. Dank Nespresso gehört sie schon jetzt zu den weltgrössten Exporteuren von verarbeitetem Kaffee. Denn das Nestlé-Tochterunternehmen stellt hundert Prozent seiner Kaffeekapseln in der Schweiz her, an den drei Standorten Avenches VD, Romont FR und Orbe VD.

Vom Boom bei Nespresso profitieren mehrere Schweizer Zulieferer. So stellt das Urner Industrieunternehmen Dätwyler seit 2006 milliardenfach Aluminiumkapseln und die dazugehörigen Dichtungen her. Vor zwei Jahren haben Dätwyler und Nespresso ihre strategische Partnerschaft verlängert und einen neuen Mehrjahresvertrag bis 2030 unterzeichnet. Der zweite Lieferant von Nespresso-Kapseln ist die Firma Alupak mit Sitz in Bern.

Gespannt sein darf man, ob und wie stark es der Migros gelingt, Nespresso Marktanteile abzujagen. Dem Vernehmen nach ist man am Nestlé-Hauptsitz in Vevey nervös. Im schlimmsten Fall heisst es aus Sicht von Nestlé bald nicht mehr: Nespresso – what else? Sondern: Coffee B – what else?

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App