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Konflikt in ÄthiopienMilitär marschiert in Regionalhauptstadt ein

Äthiopiens Armee erobert die Stadt in der abtrünnigen Region Tigray. Das könnte jedoch nur ein vorübergehender Erfolg sein.

Regierungstruppen machen sich auf den Weg nach Norden, um gegen die Widerständler in der Region Tigray zu kämpfen.
Regierungstruppen machen sich auf den Weg nach Norden, um gegen die Widerständler in der Region Tigray zu kämpfen.
Foto: Tiksa Negeri (Reuters) 

«Ich freue mich, mitteilen zu können, dass wir die militärischen Operationen in der Region Tigray beendet haben», teilte Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed am Samstagabend mit. «Wir werden uns nun darauf konzentrieren, die Region wieder aufzubauen und humanitäre Hilfe zu leisten.» Es ist ein erstaunlicher Erfolg für Abiy. Etwas mehr als drei Wochen nach dem Beginn der Militäraktionen im Norden Äthiopiens konnte die Bundesarmee am Samstagabend Mekelle einnehmen, die Hauptstadt der abtrünnigen Region Tigray.

Da Telefon- und Internetverbindungen in der Krisenregion gekappt sind, gab es keine überprüfbaren Informationen über Todesopfer und Schäden in der Stadt. Einige Anwohner hatten am frühen Morgen über Satellitentelefone davon berichtet, dass die Stadt mit schwerer Artillerie beschossen werde, was die Regierung jedoch bestritt.

Äthiopiens Premier möchte den Vielvölkerstaat Äthiopien einen und die Macht der Region Tigray schwächen.
Äthiopiens Premier möchte den Vielvölkerstaat Äthiopien einen und die Macht der Region Tigray schwächen.
Foto: Michel Euler (Reuters) 

Abiy hatte in den vergangenen Wochen die Offensive trotz massiver internationaler Proteste fortgesetzt und sie damit begründet, dass zuvor jegliche Schlichtungsversuche an der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) gescheitert seien. Die TPLF war jahrzehntelang die dominante Kraft in der äthiopischen Politik. Mit dem Amtsantritt Abiys 2018 verloren viele ihrer Vertreter ihre führenden Positionen in Politik und Wirtschaft. Der Konflikt eskalierte weiter, als die Region im September Regionalwahlen abhielt, obwohl diese wegen des Coronavirus abgesagt worden waren. Anfang November sollen schliesslich TPLF-Milizen einen Stützpunkt der Bundesarmee angegriffen und dabei Waffen erbeutet haben.

Der TPLF-Führer Debretsion Gebremichael meldete sich am Samstag bei der Nachrichtenagentur Reuters und kündigte an, den Kampf fortzusetzen. «Wir kämpfen um unser Recht auf Selbstbestimmung», sagte er, und zwar so lange, «wie sie in unserem Land sind».

Guerilla-Kampf droht

Beobachter befürchten, dass die Einnahme von Mekelle nur ein vorübergehender Erfolg ist, sich die TPLF in die gebirgige Hochebene zurückziehen und dort einen Guerilla-Kampf gegen die Bundesarmee führen wird. Am Samstag schoss sie sechs Raketen auf Asmara, die Hauptstadt des Nachbarlandes Eritrea, dem die TPLF vorwirft, mit Abiy zu kooperieren. «Das ist nur der Beginn eines weiteren Aufstands in Tigray, der dieses Mal nicht um regionale Autonomie geführt wird, sondern um komplette Unabhängigkeit», sagt Alemayehu Weldemariam von der Universität Texas, der selbst aus Tigray stammt.

Äthiopiens Verfassung von 1995 gibt den verschiedenen Volksgruppen und zehn Regionen des Landes grosse Autonomie. Der Ministerpräsident sieht den «ethnischen Föderalismus» aber als Ursache für viele Verteilungskonflikte und möchte eine gesamtäthiopische Identität schaffen und die Autonomie der Regionen beschneiden. Die ist für viele Völker aber eine historische Errungenschaft. Die TPLF wurde 1975 von einer Handvoll Freiheitskämpfer gegründet und wuchs über die Jahre auf viele Zehntausend Mitglieder an, die 17 Jahre lang gegen das kommunistische Regime in der Hauptstadt Addis Abeba kämpften und es schliesslich stürzten.

Jetzt wohnen sie in schönen Apartements statt in Höhlen.

Viele der ehemaligen TPFL-Freiheitskämpfer wurden auf ihren Posten selbst zu Unterdrückern, sind für schwere Menschenrechtsverletzungen und ausufernde Korruption verantwortlich. Inzwischen besteht die Führung der TPLF aus ergrauten ehemaligen Kämpfern, die schon jahrzehntelang in schönen Apartments leben, nicht mehr in Höhlen in den Bergen.