AboMissbrauch in der Kirche20’000 Franken Entschädigung für eine Vergewaltigung – ist das genug?
Dutzende weitere Opfer haben sich seit der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie bei den Anlaufstellen gemeldet. Jetzt kommen Forderungen nach höheren Genugtuungszahlungen auf.

Ununterbrochen hat das Telefon von Vreni Peterer in den letzten Tagen geläutet. Die Präsidentin der Interessengemeinschaft für Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld (Miku) sagt: «Jetzt haben viele den Mut gefunden und sich getraut, zu sagen: ‹Wir sind noch so viele mehr. Und wir wollen nicht mehr schweigen.›»
Die meisten Opfer sind heute Senioren. «Manche haben 60 oder 70 Jahre lang nichts gesagt, aber jetzt, da sie sehen, dass sie längst nicht die Einzigen sind, wollen sie reden», sagt Peterer. So wie jener 72-Jährige, der sagte: «Nun werde ich tatsächlich ernst genommen. Und ich weiss, wo ich mich hinwenden kann und mir auch zugehört wird.»
Nicht nur bei der Miku haben sich neue Opfer gemeldet, sondern auch bei kantonalen Opferberatungsstellen und kirchlichen Anlaufstellen der Fachgremien der Bistümer. So teilt beispielsweise das Bistum Basel mit: Seit dem 12. September seien mehrheitlich Meldungen, die den Zeitraum 1955 bis 1977 betreffen, eingegangen. Aber nicht nur. Vereinzelt beziehen sie sich auch auf die Jahre 2000 bis 2019 und wären daher noch nicht verjährt.
«Das hat der Bericht ausgelöst: Vertuschen geht nicht mehr.»
Und was tut das Bistum nun? Wurden die beschuldigten Personen bereits dispensiert? Angezeigt? Die Meldungen würden nun entgegengenommen und man setze sich dafür ein, «dass der mutmassliche sexuelle Übergriff geklärt wird», sagt Sprecherin Barbara Melzl. Zusammen mit Fachpersonen würden straf-, personal- und kirchenrechtliche Massnahmen koordiniert. Melzl sagt: «Alles, was der Aufarbeitung und der Prävention dient, unterstützt das Bistum Basel aktiv.»
Bei der Anlaufstelle des Bistums St. Gallen haben sich ebenfalls gut ein Dutzend neue Opfer gemeldet. Man gehe davon aus, dass neue Fälle heute alle ans Licht und vor Gericht kämen – sofern Betroffene sich meldeten. «Das hat der Bericht ausgelöst: Vertuschen geht nicht mehr», schreibt das Bistum.
Auslöser für die Welle von Opfermeldungen war ein Bericht der Universität Zürich, der systematischen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche aufdeckte – von problematischen Grenzüberschreitungen bis hin zu schwersten Missbräuchen. Insgesamt wurden 1002 Fälle, 510 Beschuldigte und 921 Betroffene identifiziert. Dabei handle es sich «zweifelsfrei nur um die Spitze des Eisbergs», hiess es.
Auch Peterer von der Miku geht davon aus, dass noch Hunderte eine Stimme finden werden. Die heute 62-Jährige weiss, wie schwer es ist, über das Erlebte zu sprechen, und dass es manchmal Jahre, sogar Jahrzehnte braucht, um den Missbrauch in Worte zu fassen. Sie wurde selber als Mädchen vom Dorfpfarrer vergewaltigt.
Für Betatschen gibt es 5000, für Vergewaltigung 20’000 Franken
Vreni Peterer bleibt skeptisch, ob sich die Kirchenoberen tatsächlich wandeln und lückenlos aufklären und aufräumen werden: «Wir müssen den Druck hochhalten, dass sie gar nicht anders können.» Sie will Opfer weiter dazu ermutigen, das Schweigen zu brechen und vor allem für das Erlebte Entschädigung zu fordern. Auch wenn die Taten längst verjährt sind, können sie seit 2016 über eine staatlich anerkannte Opferhilfestelle einen Antrag auf Genugtuung stellen.
20’000 Franken gibt es maximal in der Schweiz – ist das genug? Deutschland hat unlängst den Betrag angepasst und spricht bis über 100’000 Franken pro Opfer aus. Peterer sagt: «Kein Betrag wiegt das Leid auf, das uns die katholische Kirche angetan hat.» Aber, und das sage sie auch anderen Betroffenen: Jeder Betrag, der bezahlt werde, sei ein Schuldeingeständnis, und das könne heilend sein.

Dennoch steht für Peterer fest: Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Schweiz knausrig. Vor allem, weil längst nicht alle 20’000 Franken erhalten. Je nach Trauma-Ausmass auf das Leben und Schweregrad des Missbrauchs gibt es Abstufungen. «Aber wer hat schon das Recht, zu sagen: Für Betatschen gibt es 5000 Franken und für Vergewaltigung 20’000 Franken?», fragt Peterer.
Sie fordert deshalb, dass allen Opfern der Höchstbetrag bezahlt wird und darüber hinaus die Kirche für sämtliche Therapiekosten aufkommt, die häufig nötig sind, weil die Opfer ein Leben lang psychisch und physisch unter den Übergriffen leiden. «Ich sehe es bei mir. Ein Jahr Therapie hat finanziell sämtliche Entschädigungen aufgefressen.»
Unterstützung für ihr Anliegen bekommt Peterer von Liliane Gross. Sie ist Präsidentin der Kommission «Genugtuung» und sagt: «Es wäre richtig, bei der Zusprache eines Genugtuungsbeitrags individueller zu schauen, welche ungedeckten Kosten, beispielsweise für Ärzte und Therapien, beim Opfer wegen des Missbrauchs angefallen sind, und diese auch zu übernehmen.» Zumal die Schweiz im europäischen Vergleich betreffend Entschädigungszahlungen ganz allgemein einen der letzten Plätze belege.
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