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«Mit 2800 Franken können Sie einem Kind das Leben retten»

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Warum soll ausgerechnet die Stadt Zürich Geld für effektiven Altruismus aufwenden?

Die Stadt Zürich ist eine der einflussreichsten Gemeinden der Schweiz und würde sich daher ideal als Trägerin einer Pionierrolle eignen. Sicher wäre auch eine nationale Initiative wünschenswert. Aber noch haben wir nicht die Mittel, um dafür die nötigen Unterschriften sammeln zu können. In Zürich gibt es bereits ein aktives Sammelteam, ausserdem kommt uns das links-grüne Milieu der Stadt entgegen. Wir rechnen uns realistische Chancen aus, dass die Initiative angenommen und umgesetzt wird.

Werden Sie von Parteien unterstützt?

Wir werden von grünen und sozialdemokratischen Gemeinderäten unterstützt und erwarten eine breite Unterstützung durch andere Parteien und Organisationen. Auch liberale Stimmen wie die Operation Libero dürfte unser wissenschaftlicher Ansatz durchaus ansprechen.

Wo soll das Geld eingespart beziehungsweise hereingeholt werden?

Letztlich muss die Stadt selbst entscheiden, ob sie umschichten oder die Steuern erhöhen will. Wichtig ist: Entwicklungszusammenarbeit ist in der Bevölkerung breit akzeptiert, wie Umfragen der ETH oder des GFS Bern zeigen. Zwei Drittel der Bevölkerung wollen, dass die Schweiz mehr Entwicklungszusammenarbeit leistet. Viele wissen nicht, dass die Schweiz in diesem Bereich heute im europäischen Vergleich nicht sehr spendabel ist. Sie gibt nur 0,5 Prozent ihres Bruttonationaleinkommens für Entwicklungszusammenarbeit aus, Schweden dagegen 1,1 Prozent. Dabei ist die Schweiz das drittreichste Land Europas; sie sollte ihre humanitäre Tradition entsprechend fortführen.

Effektive Altruisten helfen vor allem in Entwicklungsländern, spenden etwa für die Malariahilfe. Viele Schweizer Spender möchten aber lieber hilfsbedürftigen Schweizern helfen.

In einem Entwicklungsland können wir mit demselben Geldbetrag über tausendmal mehr bewirken als in einem Land wie der Schweiz, das über ein solides Sozialsystem verfügt und in dem es keine extreme Armut gibt. Jedes Menschenleben ist gleich viel wert, deshalb sollten wir vermehrt dort helfen, wo wir mit denselben Ressourcen am meisten bewirken können. Trotzdem wollen wir keine Umverteilung zulasten der Hilfe in der Schweiz, sondern einen Ausbau der Entwicklungszusammenarbeit, basierend auf hochwertiger wissenschaftlicher Forschung zur Kosteneffektivität. Bei der Frage, wie die neuen Gelder ausgegeben werden sollen, peilen wir einen vernünftigen Mittelweg an.

Was heisst das?

Studien zeigen: Mit 2800 Franken können Sie einem Kind in einem Entwicklungsland das Leben retten, mit 100 Franken können Sie ihm ein zusätzliches gesundes Lebensjahr ermöglichen. Viele dieser Hilfswerke sind im Ausland domiziliert, aber wir möchten, dass die Stadt weiterhin Zürcher Hilfswerke unterstützt. Und es gibt hier durchaus effektiv arbeitende Organisationen: die kleine NGO Tamtam etwa, die sich gegen Malaria einsetzt, oder das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen (Heks), deren Projekt kürzlich den Impact Award von ETH und Deza gewonnen hat.

Wie finden Sie heraus, ob Hilfswerke effektiv arbeiten?

Mittlerweile erscheinen jährlich Hunderte grössere internationale Studien, die sich mit der Effektivität von Hilfsprojekten beschäftigen. Organisationen wie der unabhängige Hilfswerk-Evaluator Give Well leiten aus diesen Forschungsergebnissen konkrete Empfehlungen ab. Und auch hierzulande wächst die Sensibilität: So unterstützt der Bund vermehrt die diesbezügliche wissenschaftliche Forschung, und die ETH zeichnete letztes Jahr erstmals effektive Hilfsprojekte mit ihrem Impact Award aus. Das statistische Material, das wir bei der Auswahl effektiver Hilfswerke beiziehen können, dürfte bis zu einer allfälligen Umsetzung unserer Initiative in drei, vier Jahren also noch einmal deutlich solider sein als heute.

Der effektive Altruismus möchte das private Spendeverhalten ändern. Besteht bei Ihrem Vorstoss nicht die Gefahr, dass die ethische Verantwortung an den Staat ausgelagert wird?

Der Staat ist als Geldgeber der Privatperson tendenziell überlegen, weil er über weit mehr Ressourcen verfügt, um effektive Hilfsprojekte herauszufiltern. Private dagegen lassen sich oft von Broschüren und emotionalen Bildern beeindrucken. Auch glauben viele fälschlicherweise, eine Hilfsorganisation mit einem kleinen administrativen Aufwand sei automatisch eine gute Hilfsorganisation. Ausserdem muss sich der effektive Altruismus in Zukunft ohnehin von einer privaten zu einer vermehrt politischen Bewegung wandeln. Der Hebeleffekt, der bei einer Beeinflussung der Milliarden an staatlicher Entwicklungszusammenarbeit erzielt werden kann, ist viel zu gross, als dass wir ihn ignorieren könnten.

Wie viel spenden Sie?

Ich spende die Hälfte meines Lohns an Hilfswerke, die etwa die Organisation Give Well empfiehlt.

Sie haben Ihr Medizinstudium nach Erlangung des Bachelortitels abgebrochen, um die Stiftung für Effektiven Altruismus zu gründen. Wäre es nicht effektiver gewesen, sich in einem medizinischen Bereich zu spezialisieren, viel Geld zu verdienen und dieses nützlich zu spenden?

Das habe ich mir überlegt. Ich habe mich dann aber dafür entschieden, stattdessen hauptberuflich die Bewegung des Effektiven Altruismus im deutschsprachigen Raum voranzutreiben. Mein Entscheid hat sich tatsächlich gelohnt, ist er doch wohl bereits jetzt effektiver als die Wahl eines lukrativen Medizinberufs. Seit der Gründung Ende 2013 ist unsere Organisation stetig gewachsen, mittlerweile betreiben wir mit 20 Mitarbeitenden Büros in Basel und Berlin und haben bereits Millionenbeträge für effektive Hilfswerke gesammelt.