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Soundtrack zu CoronaUnbekümmert durch die Krise

Das Beste der Achtziger, der Neunziger und das Coolste von heute: Die kosovarische Sängerin Dua Lipa hat das Album zum Durchhalten aufgenommen.

Keine Experimente, dafür katastrophensicherer Sound: Dua Lipa.
Keine Experimente, dafür katastrophensicherer Sound: Dua Lipa.
AP

Dass die Popsängerin Dua Lipa schon etwas von Covid-19 ahnte, als sie im vergangenen Jahr mit einer Armada hochprofilierter Hit-Komponisten und Pop-Superproduzenten ihr neues Album «Future Nostalgia» aufnahm, ist ausgeschlossen. Die 24-jährige Londonerin mit Kosovo-albanischen Wurzeln kann also den enthaltenen Hit «Physical» nicht auf die aktuelle Situation zugeschnitten haben – auf das Gebot des sozialen, oder besser: des physischen Distanzhaltens.

Aber beim Hören von «Physical» kann man kaum anders, als genau das anzunehmen. Sie singt da vom Verlangen nach körperlicher Nähe, das sich, wie so oft im Pop, vom Verlangen nach Schönheit und Fitness nicht trennen lässt. «Wer muss denn schon ins Bett gehen, wenn ich dich an meiner Seite hab?», lautet eine Strophe, eine andere: «Halt mich noch etwas fester, komm schon, festhalten, sag mir, wann du so weit bist!» Die Musik dazu klingt wie die Highspeed-Aerobic-Mucke, wie sie in den Achtzigern in Muckibuden lief. Im Video tanzt Dua Lipa ausgelassen mit einer Reihe von sexy Leuten ohne Sicherheitsabstand.

Durch den Virus-Filter

Zeigt sich Pop hier mal wieder als große Sehnsuchts- und Eskapismus-Maschine, von der man sich gerne davon vorsingen lässt, was man gerade schmerzlich vermisst? Hört die Welt gerade viel Dua Lipa, weil sie auf keinen Fall vergessen will, wie kribbelnd und heiß und eng umschlungen das Leben wieder sein soll, sobald Corona vorbei ist? Die Charts jedenfalls sprechen dafür: Der Song stand in den vergangenen Wochen auf Platz 1 in Kroatien, Israel und den USA, er war in Belgien, Griechenland, Ungarn, Mexiko, Libanon und vielen weiteren Ländern in den Top Ten und in Deutschland immerhin auf Platz 18.

Auch der Disco-Funk-Knaller «Don’t Start Now» ist ein Hit zur Zeit, der sich problemlos durch den Virus-Filter hören lässt: «Wenn du nicht mit ansehen willst, wie ich mit jemand anderem tanze, dann fang jetzt besser nicht damit an!», singt Lipa mit dieser Stimme, die vielleicht nicht ganz zum Singen geboren wurde, es dann aber sehr gut gelernt hat. Die Single handelt schon wieder vom Ausgelassensein und Sich-nahe-Kommen – gewürzt ist sie diesmal noch mit ein wenig Eifersucht, unter der aber nicht Dua Lipa leidet. Eifersüchtig ist hier nämlich ein anderer. Jemand, der offenbar zu lange mit der Ernsthaftigkeit seiner Gefühle Dua Lipa gegenüber gehadert hat, und jetzt hat sie demonstrativ keine Lust mehr. «Don’t Start Now» steht, gesungen mit Nein-Nein-Zeigefinger zu aufpeitschendem Klatschen, gerade auch in den Charts vieler Länder sehr weit oben.

Keine Experimente

Derweil ist den Corona-Nachrichten zu entnehmen, dass sehr viele Menschen gerade Nachrichten von ihren Ex-Partnern bekommen, und der Guardian rät unter der Überschrift «Don’t text your ex» dringend davon ab, während der Selbstisolation auf die Idee zu kommen, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für den Versuch, die Ex-Freundin oder den Ex-Freund zurückzugewinnen. Dua Lipa weiß: Fang jetzt nicht damit an! Sie selbst ist eine freundliche, nahezu skandal- und komplett krisenfreie junge Sängerin, die frisch an die Sache herangeht – im Gegensatz vielleicht zu Madonna, Lady Gaga, Rihanna, Taylor Swift und anderen Superstars, die schon etwas länger dabei sind und alle ihre Zusammenbrüche und ihr zeitweiliges Hadern mit der eigenen Karriere und dem Pop-System öffentlich durchgearbeitet haben.

Vielleicht macht genau diese Unbekümmertheit einen Teil des Phänomens Dua Lipa aus. Das Beste der Achtziger und das Beste der Neunziger mit dem Coolsten von heute zusammengerührt. Synthie-Pop, Disco-Beats, Techno-Sounds, vielleicht auch ein Hauch einer Ahnung von Trap, und dazu jede Menge digital aufgebohrte Bässe. Was es nicht gibt, sind Experimente. Aber das Grundbedürfnis gerade ist ja Sicherheit. Das Songwriting und die Produktion des Albums vermitteln Sicherheit durch und durch. Die Songs machen den Eindruck, als seien sie durch sämtliche zur Verfügung stehenden Hit-Rechenmodelle gejagt worden und hätten dann die Bewertung «katastrophensicher» bekommen.

Steigende Aktienkurse

Der Titelsong zum Beispiel wurde von Jeff Bhasker mitgeschrieben und produziert, einem Mann, der schon für Kanye West, Bruno Mars, Beyoncé, Harry Styles, Lana Del Rey und viele andere Superstars gearbeitet hat. Mit Bhaskers Songs wird an der Börse gehandelt. Ende vergangenen Jahres wurde bekannt, dass Bhasker die Rechte an seinem Back-Katalog der vergangenen 15 Jahre, insgesamt 436 Songs, darunter viele Nummer-eins-Hits, für einen nicht genannten Millionenbetrag an das britische Investment- und Management-Unternehmen Hipgnosis Songs Fund verkauft hat.

Dieses hat seinen Sitz ganz steuerfreundlich auf der Kanalinsel Guernsey und handelt an der Londoner Börse mit der Annahme, dass Hit-Songs Vermögenswerte darstellen, deren Wertsteigerung sich ganz unabhängig von wirtschaftlichen Zyklen und Krisen langfristig voraussagen lässt.

Die Börse scheint es zu bestätigen: In der vergangenen Woche verkündete Hipgnosis Songs Fund stolz, dass die Aktie des Unternehmens inzwischen höher gehandelt werde als vor Beginn der Corona-Krise. Merck Mercuriadis, der Gründer von Hipgnosis Songs Fund, sagte zu der Plattform Music Business Worldwide: «Wenn man feiert, ist der Soundtrack dazu Musik; wenn man Herausforderungen durchlebt – so wie wir es gerade alle tun –, dann steht man sie mit Musik durch.» In der aktuellen Krise scheint es für sehr viele die von Dua Lipa zu sein.