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Bisher 7000 Fälle in AfrikaMit dem «Virus der Weissen» wollen sie nichts zu tun haben

Viele Afrikaner werfen den Europäern vor, das Coronavirus in ihre Länder einzuschleppen. Zwei französische Wissenschaftler schüren die Wut mit rassistischen Gedankenspielen.

Noch hat Afrika wenig Fälle, doch die Angst ist gross: Frauen warten in Maputo, Moçambique, auf einen Bus.
Noch hat Afrika wenig Fälle, doch die Angst ist gross: Frauen warten in Maputo, Moçambique, auf einen Bus.
Foto: Ricardo Franco / EPA/Keystone

Er werde nun «provozieren», sagt Jean-Paul Mira in einem direkt übertragenen Gespräch auf dem französischen Fernsehsender LCI. Mira ist Chefarzt am Pariser Cochin-Spital, er spricht mit Camille Locht, Forschungsdirektor des staatlichen Inserm-Instituts, das für das Gesundheitsministerium zu einem Impfstoff gegen Covid-19 forscht.

Der Arzt Mira fragt den Forscher Locht, ob man Studien zu einem Impfstoff nicht in Afrika machen sollte, «wo es keine Masken, keine Behandlungsmöglichkeiten und keine Wiederbelebungsmassnahmen gibt». Und weiter: «So wie es auch bei einigen Studien zu Aids gemacht wurde. Bei Prostituierten kann man experimentieren, weil man weiss, dass sie besonders exponiert sind und sich nicht schützen.» Der Forscher antwortet: «Sie haben recht, wir überlegen, eine parallele Studie in Afrika durchzuführen.»

Hat mit der Idee, Impfstoffe zuerst in Afrika zu testen, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst: Der Arzt Jean-Paul Mira.
Hat mit der Idee, Impfstoffe zuerst in Afrika zu testen, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst: Der Arzt Jean-Paul Mira.
Foto: PD

Die Reaktionen auf das Video, das seit Donnerstagabend knapp 30’000-mal geteilt worden ist, zeigen die Wut, die manche Menschen auf dem afrikanischen Kontinent auf diejenigen haben, die das Virus dort einschleppten: weisse Europäer. Lange blieben die Staaten Afrikas verschont, seit Mitte März häufen sich die Fälle der von aussen eingeschleppten Krankheit. In Mali etwa waren die ersten Infizierten zwei Menschen, die sich in Frankreich angesteckt hatten, auch in anderen Ländern kam das Virus aus Europa.

Die Wissenschaftlerin, die den Videomitschnitt veröffentlichte, kommentierte ihn mit einem Verweis auf die koloniale Vergangenheit: «Es ist das Jahr 2020 in Frankreich, und wir betrachten immer noch Menschen aus Afrika als Versuchskaninchen.» Kurz nach dem Interview liefen die Kommentatoren Sturm. Das Inserm erklärte, die Aussagen ihres Forschers würden aus dem Kontext gerissen und «abwegig interpretiert».

«Wir sind keine Versuchskaninchen»

Dass nun zwei Wissenschaftler aus Frankreich – einer ehemaligen Kolonialmacht – vorschlagen, ein Mittel zunächst irgendwo in Afrika zu testen, ruft vor allem dort Empörung hervor. «Afrika ist kein Testgelände», schreibt ein Twitter-Nutzer. «Wir sind keine Versuchskaninchen.» Während allein in den USA rund 250’000 Infizierte gemeldet sind, sind es in ganz Afrika nur rund 7000. «Und doch wollen sie mit dem Impfstoff in Afrika experimentieren», schrieb jemand. «Ich habe gesehen, wie brutal die Europäer und Amerikaner zu unserem Volk waren. Es überrascht niemanden von uns, dass die Weissen dies tun wollen.»

Dass sich die Angst vor Ansteckungen auch in verbalen Übergriffen entlädt, erleben derzeit viele Europäer in Afrika. Freiwillige, die vor Ort in Spitälern arbeiten, berichten, dass die Menschen nicht mehr zur Behandlung kommen, aus Angst vor dem «Virus der Weissen». Der Ausländerhass zielt nun auf eine gesellschaftliche Gruppe ab, die als wohlhabend und privilegiert gilt. Eusebius McKaiser, schwarzer Autor aus Südafrika, weist in der Zeitung «Mail & Guardian» darauf hin, dass viele nun «Schadenfreude» empfänden. Einige Afrikaner glaubten, dass der Norden nun seine gerechte Strafe für den Kolonialismus und den Rassismus erhalte, meint McKaiser.

Einige sagen, der Norden erhalte seine Strafe für Kolonialismus und Rassismus.

Doch der Zorn richtet sich nicht nur gegen Menschen mit vermeintlich europäischem Aussehen: China pflegt mit vielen Staaten Afrikas seit Jahren intensive Beziehungen. Eine wichtige Säule chinesischen Einflusses sind Bildungspartnerschaften: Junge Afrikaner können mit Stipendien an chinesischen Universitäten studieren und umgekehrt. Dieser Austausch birgt Spannungen, die sich gerade jetzt entladen.

Teilweise hatten afrikanische Regierungen diese Ressentiments auch provoziert: Im Februar, als sich das Virus in China bereits ausbreitete, erhielten die meisten afrikanischen Airlines ihre Flüge von und nach China aufrecht. Viele Maschinen, die in Nairobi landeten, waren voll mit chinesischen Geschäftsreisenden. Sie sollten sich nach ihrer Ankunft lediglich in «freiwillige Selbstquarantäne» begeben, was manche wohl nicht allzu ernst nahmen.

Das Recht, «zu steinigen und zu vertreiben»

Ein kenianischer Abgeordneter schrieb Ende Februar bei Facebook, seine Wähler hätten das Recht, Chinesen «zu steinigen und zu vertreiben», wenn diese sich nicht an die Quarantäne hielten. Nachdem der Beitrag rasant verbreitet worden war, entschärfte er ihn. Die Koppelung des Virus an eine ethnische Zugehörigkeit hat auch in Europa und den USA dazu geführt, dass Menschen asiatischer Abstammung zum Ziel von Rassismus werden: US-Präsident Donald Trump bezeichnete das Coronavirus immer wieder als «chinesisches Virus».

34 Kommentare
    Chr. Beck

    ... und da wirft man uns, welche Hunderttausende Afrikaner, die etliche Krankheiten nach Europa brachten, Rassismus vor, wenn wir z.B. gegen den Nichtintegrationswillen dieser Leute etwas sagen. Die Afrikaner sind keinen Deut besser. Das jedoch nicht erst seit Corona.