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Vaterschaftsurlaub im Ländervergleich Nicht nur die Schweiz schneidet bei der Papi-Zeit schlecht ab

Die Schweiz gilt familienpolitisch als rückständig. Das stimmt nur teilweise. Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Vergleich mit dem Ausland.

Ein Vater bereitet an seinem freien Tag zu Hause Brei für seine sechs Monate alte Tochter zu, fotografiert am 19. Mai 2020 in Zürich.
Ein Vater bereitet an seinem freien Tag zu Hause Brei für seine sechs Monate alte Tochter zu, fotografiert am 19. Mai 2020 in Zürich.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Bevölkerung ist in der Schweiz nicht konservativer – Bremser ist die direkte Demokratie

Die Familienpolitik der Schweiz gilt im Vergleich mit anderen europäischen Ländern als rückständig. Der bezahlte Mutterschaftsurlaub wurde Jahrzehnte später als in den Nachbarländern eingeführt, und auch beim Vaterschaftsurlaub sind viele entwickelte Länder weiter als die Schweiz. Das hängt zu einem grossen Teil mit der direkten Demokratie zusammen, insbesondere mit der Möglichkeit des Referendums und dem ausgeprägten Föderalismus, der den ländlichen, konservativen Kantonen mit dem Ständemehr eine Art Vetorecht gibt.

Was in anderen Ländern per Regierungs- oder Parlamentsbeschluss eingeführt wird, kommt in der Schweiz oft an die Urne. So wurde der Mutterschaftsurlaub zweimal vom Volk abgelehnt, bevor das Volk 2004 in einem dritten Anlauf Ja sagte. 2013 wurde der Verfassungs-Familienartikel an der Urne abgelehnt, der die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs verlangt hätte. Allerdings: Das Volk sagte knapp Ja, der Artikel scheiterte am Ständemehr.

Die für diesen Artikel befragten Expertinnen Isabelle Stadelmann, Michelle Beyeler und Anja Wyden Guelpa nennen als Antwort auf die Frage, warum eine fortschrittliche Familienpolitik in der Schweiz so schwierig sei, unter anderem die direkte Demokratie. Die Schweizerinnen und Schweizer sind nicht viel konservativer als andere europäische Länder. Doch die ländlichen, konservativen Gebiete haben mehr Gewicht, und direktdemokratische Instrumente verlangsamen den Prozess.

Anja Wyden Guelpa, Präsidentin der eidgenössischen Kommission für Familienfragen, weist ausserdem darauf hin, dass manche Länder nach dem Krieg eine Politik der Geburtenförderung betrieben hätten, was die teilweise frühen und grosszügigen Leistungen für Eltern erkläre. Die Schweiz hatte das nicht nötig. Und dank Wohlstand konnten es sich viele Familien leisten, dass die Frau zu Hause bleibt, was lange ein Statussymbol war.

Nicht nur die Schweiz schneidet beim Vaterschaftsurlaub schlecht ab

Einige OECD-Ländern haben 4 oder 2 Tage reservierten Väter-Urlaub, manche auch nur einen Tag oder gar keinen. Null reservierte Väter-Tage gibt es in den USA, in Kanada, Neuseeland, Israel, Costa Rica und in der Slowakei. Einen Tag haben Väter in Malta, zwei Tage haben sie in Griechenland und in den Niederlanden, vier Tage in Italien. Die Schweiz hat heute keinen gesetzlich geregelten Vaterschaftsurlaub. Laut Obligationenrecht kann ein Vater bei der Geburt seines Kindes «im Rahmen der üblichen freien Tage» einen Anspruch geltend machen, was in der Praxis ein bis zwei freie Tage bedeutet. Manche Firmen oder Verwaltungseinheiten geben freiwillig mehr. Die Schweiz gehört damit zu den konservativeren Ländern. Doch sie ist damit nicht allein unter den OECD-Staaten.

Wenn man die Vergütung anschaut, sieht es wieder anders aus

Falls der Vaterschaftsurlaub an der Urne durchkommt, vollbringt die Schweiz im Vergleich mit anderen OECD-Staaten keine Heldentat. Doch weit abgeschlagen ist sie auch nicht. Der schweizerische Vaterschaftsurlaub wäre zu 80 Prozent vergütet, bis zu einem Jahreseinkommen von 88’200 Franken. Viele Firmen bezahlen freiwillig den vollen Lohn. In vielen OECD-Staaten ist die Vergütungsquote tiefer. Frankreich beispielsweise hat 28 Wochen reservierte Väterzeit, sie ist aber nur zu 19,2 Prozent vergütet. In Grossbritannien beträgt der Vaterschaftsurlaub zwei Wochen, die Vergütungsquote im Schnitt ebenfalls 19,2 Prozent. In Holland haben Väter lediglich zwei – dafür voll bezahlte – Tage Urlaub. Rein monetär wäre die Schweiz mit Vaterschaftsurlaub ähnlich grosszügig wie andere europäische Länder. Manche von ihnen haben allerdings über die Vaterzeit hinaus einen frei aufteilbaren Elternurlaub. Dieser wird zum grössten Teil von den Müttern bezogen, doch er steht den Vätern offen.

Auch die Religion hat einen Einfluss auf den Elternurlaub

Isabelle Stadelmann, Professorin für vergleichende Politik an der Universität Bern, hat untersucht, inwieweit die Religion die Familienpolitik eines Landes beeinflusst. Selbst innerhalb des Protestantismus spielen unterschiedlich ausgeprägte Strömungen eine Rolle, so das Fazit. In lutherisch-protestantisch geprägten Staaten wie Skandinavien haben Staat und Kirche sozialpolitisch früh zusammengearbeitet. Die Ausgaben für Mutterschaftspausen und Kinderbetreuung sind in solchen Staaten generell höher.

In Ländern des reformierten Protestantismus, von dem auch die meisten reformierten Gebiete der Schweiz geprägt sind, hat sich die Kirche stärker gegen staatliche Eingriffe gewehrt, die Familienpolitik ist demzufolge anti-etatistisch. In diesen Ländern sind die familienpolitischen Ausgaben substanziell tiefer. Katholisch geprägte Länder wiederum finden sich in der Mitte. Bei ihnen ist die traditionelle Familie mit der kinderbetreuenden Mutter stark verankert. Die Ausgaben für Mutterschaft sind deshalb höher, hingegen jene für ausserfamiliäre Kinderbetreuung tiefer.

Die schweizerische Familienpolitik passe gut ins Bild eines Landes, das von katholischen wie auch von reformierten Kräften geprägt ist, sagt Isabelle Stadelmann. Die Familienpolitik der Schweiz ist anti-etatistisch – und wenn Ausgaben getätigt werden, dann dienen sie in der Regel der Verfestigung traditioneller Strukturen.

Warum eine zu lange Mutterpause kontraproduktiv ist

Bei der Dauer des Mutterschaftsurlaubs ist die Schweiz mit 14 Wochen weit abgeschlagen gegenüber Ländern wie Bulgarien (110 Wochen), Estland (166), Rumänien (108), der Slowakei (164) oder Ungarn mit 160 Wochen. Doch bei der Mutterpause gilt nicht «je länger, desto besser». Laut Anja Wyden Guelpa ist ein Mutterschaftsurlaub, der länger als 64 Wochen dauert, also alles, was über ein Jahr und vier Monate hinausgeht, kontraproduktiv im Sinne der Gleichstellung.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass ein überlanger Mutterschaftsurlaub den beruflichen Wiedereinstieg erschwert und die Chancen auf ein gleichberechtigtes partnerschaftliches Modell von Familien- und Erwerbsarbeit erschwert. Ein Mutterschaftsurlaub von mehreren Jahren ist also nicht erstrebenswert.

Michelle Beyeler, Dozentin für Sozialpolitik an der Berner Fachhochschule, weist ausserdem daraufhin, dass der Lohnersatz während des Urlaubs eine grosse Rolle spielt. Ist die Pause schlecht bezahlt (in der Slowakei sind 164 Wochen Mutterschaft mit durchschnittlich 32 Prozent Lohnersatz vergütet, in Ungarn bekommen die Mütter im Schnitt 42 Prozent während der 160-wöchigen Pause), dann werde damit die ungleiche Rollenteilung zementiert, Mütter würden dann eher in die Haus- und Familienarbeit gedrängt und Väter in die volle Erwerbstätigkeit.

Väter reagieren auf Anreize

In Deutschland mussten Arbeitgeber den Müttern jahrelang die Stelle freihalten. Von diesem Modell ist der nördliche Nachbar weggekommen. Heute gibt es in Deutschland einen frei aufteilbaren Elternurlaub von insgesamt 36 Monaten. Damit ihn nicht nur Mütter beziehen, wurde 2007 mit der Einführung der Elternzeit einen Anreiz für Väter geschaffen: Beide Elternteile müssen je mindestens zwei Monate beziehen, sonst verfallen zwei Monate bezahlte Elternzeit. Durch diesen Anreiz beziehen deutsche Väter deutlich mehr Elternzeit, und Untersuchungen zeigen, dass dieses Engagement in der Familie nachhaltig ist. Auch Jahre später engagieren sich Väter, die den Urlaub bezogen haben, mehr als andere in Haus und Familie. Fazit: Frei aufteilbar funktioniert nur bedingtmit Anreizen.