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Mit Frauen zu handeln, ist lukrativer als das Drogengeschäft

Krimi der Woche: «Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt» ist ein realistischer Thriller über Menschenhandel.

Jorge Zepeda Patterson gilt als einer der einflussreichsten politischen Analysten Mexikos. Das merkt man auch seinem Krimi an – knallharte Fakten, nüchtern erzählt.
Jorge Zepeda Patterson gilt als einer der einflussreichsten politischen Analysten Mexikos. Das merkt man auch seinem Krimi an – knallharte Fakten, nüchtern erzählt.
Blanca Charolets

Der erste Satz

Er war nicht der erste Mann, der in Milenas Armen starb, aber zum ersten Mal war es ein natürlicher Tod.

Das Buch

Seit zehn Jahren steckt Milena in den Fängen skrupelloser Menschenhändler. Mit 16 wollte die schöne Blondine mit den endlos langen Beinen aus ihrem tristen Kaff in Kroatien ausbrechen. Doch der Bekannte einer Freundin, der vorgab, ihr einen Job in einer Kneipe in Berlin zu besorgen, verkaufte sie an die russisch-ukrainische Mafia, die in Südspanien Bordelle betreibt. Ihre Fluchtversuche scheiterten kläglich und wurden hart bestraft. Doch jetzt, in Mexiko-Stadt unter dem Schutz des Verlegers einer einflussreichen Zeitung, dessen Geliebte sie ist, sieht sie erstmals eine Chance auf ein freies Leben. Doch der plötzliche Tod des Beschützers ändert die Situation dramatisch. Milenas alte «Besitzer» jagen sie. Und vor allem sind sie auf der Suche nach ihrem schwarzen Notizbuch.

«Kilo um Kilo, mit Frauen zu handeln, ist lukrativer als das Drogengeschäft: Die Ware ist leichter einzuführen und lässt sich gleich mehrmals und an viele Kunden verkaufen anstatt nur einmal.» Der Menschenhandel als weltweites Milliardengeschäft ist das zentrale Thema in «Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt», dem zweiten Roman des renommierten mexikanischen Polit-Journalisten Jorge Zepeda Patterson. Das Bild, das er von Mexiko zeichnet, ist düster. Gezeigt wird ein Staat, der durch und durch korrupt ist und von kriminellen Elementen gesteuert wird; die lästige «Bürokratiekultur» in Mexiko-Stadt ist da kaum mehr als Folklore.

Da Milena nicht nur ausserordentlich attraktiv ist, sondern auch sprachbegabt und belesen, wurde sie in Spanien wie danach in Mexiko vor allem in der gehobenen Gesellschaft eingesetzt. Und nicht nur die Mafiosi, sondern auch ehemalige Kunden fürchten nun die Aufzeichnungen der jungen Frau. Eine ganze Reihe von Menschen setzt sich dafür ein, Milena vor ihren Verfolgern zu schützen und sie in Sicherheit zu bringen. Doch die Motive dafür sind teils nur eigennützig, etwa beim Inhaber einer Sicherheitsfirma, der damit nicht nur eine seit langem erfolglos angebetete Freundin beeindrucken will, sondern vor allem die Chance sieht, mit Milenas Informationen seine Macht auszubauen.

Raffiniert aufgebaut und komplex ist dieser Plot. Zepeda Patterson beschreibt teils vielleicht etwas gar ausführlich – der Roman kommt auf über 500 Seiten –, aber zumeist in einem ziemlich nüchternen, journalistischen Stil. Da und dort wünscht man sich die Erzählung vielleicht etwas literarischer. Dass Zepeda Patterson auf knallharte Fakten setzt und nicht auf voyeuristische Beschreibungen, macht den Thriller aber besonders realistisch. Und politisch.

Die Wertung

Der Autor

Jorge Zepeda Patterson, geboren 1952 in Mazatlán im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universidad de Guadalajara in Mexiko und promovierte in Politikwissenschaften an der Sorbonne in Paris. Bei der Zeitung «El País» in Madrid bildete er sich zum Journalisten aus. In Mexiko war er als Journalist, Chefredaktor und Gründer verschiedener Medien tätig. 2011 gründete er das führende mexikanische Online-Informations-Magazin sinembargo.mx , das er bis heute als Generaldirektor leitet. Er schreibt zudem eine Kolumne in der spanischen Tageszeitung «El País». Er gilt als einer der einflussreichsten politischen Analysten Mexikos. Nach mehreren Sachbüchern veröffentlichte er 2013 seinen ersten Roman «Los Corruptores». Wie im jetzt auf Deutsch erschienenen zweiten Roman «Milena o el fémur más bello del Mundo» (2014; Deutsch: «Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt») und dem Nachfolger «Los usurpadores» (2016) dreht sich die Geschichte um eine kleine Gruppe von gut Vierzigjährigen, genannt «die Blauen», die seit der gemeinsamen Schulzeit befreundet sind. Eine Verfilmung dieser Trilogie ist in Vorbereitung. Für «Milena» wurde Jorge Zepeda Patterson als erster mexikanischer Autor mit dem Premio Planeta ausgezeichnet, einem bedeutenden Preis für spanischsprachige Literatur.

Jorge Zepeda Patterson: «Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt» (Original: «Milena o el fémur más bello del Mundo», Planeta, Mexiko-Stadt/Madrid 2014). Aus dem Spanischen von Nadine Mutz. Elster, Zürich 2019. 527 S., ca. 30 Fr.

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