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Grimm und das Kinder-Theater heuteMit Marx und Zuckerwatte

Eine Galeristin will aus Gretel und Hänsel Züri-Gschnätzlets machen. Gruselig und sehr komisch zeigt sich das Märchen im Theater Neumarkt.

Mit Elch und Schleckzeug erklären sie die Welt: Annina Machaz und Nils Amadeus Lange.
Mit Elch und Schleckzeug erklären sie die Welt: Annina Machaz und Nils Amadeus Lange.
Foto: Boris Müller

Wir alle haben traumatische Erlebnisse mit Kindertheater. Nils Amadeus Lange sah mal ein sehr schreckliches «Heidi». Und aus der Vorstellung von «Der Wolf und die sieben jungen Geisslein» ist Annina Machaz schreiend davongerannt. Nun machen Lange und Machaz ihr eigenes Theater, sie inszenieren für das Theater Neumarkt ein Grimm-Märchen. Für alle Menschen ab 5, steht auf dem Programm. Das heisst: Auch wir können hier etwas lernen.

Da stehen die beiden Kinder verloren im Wald. Ihre Eltern haben sie ausgesetzt, das Essen reichte eben nicht für alle. Also müssen Hänsel und Gretel selber ihren Weg suchen, wo eigentlich kein Weg ist. So beginnt das Märchen von den Grimm-Brüdern, erzählt wird uns die Geschichte seit vielen, vielen Jahren. Wir alle kennen das Lied «Knusper, knusper, knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen!». Ist doch harmlos, nicht?

Nun tönt das Lied sehr anders. Nach Angst, Mut, Zusammenhalt. Und das ist gut so.

«Gretel und Hänsel» heisst die Version. Zwei Schauspielerinnen geben diese Figuren. «Die Geschlechteridentität der Kinder ist gar nicht so wichtig», sagen Machaz und Lange. Wichtig ist: Kinder lassen sich nicht im Stich, sie helfen sich gegenseitig. So kommen sie überall hin und auch wieder zurück, mit ein bisschen Hilfe von Tieren.

Die böse Galeristin

Auf der Probe flattert ein Mann als weisser Vogel über die Bühne. Allein wie er flattert, das ist schon mal sehr komisch. Die Natur spielt in diesem Theater überhaupt eine wichtige Rolle. Da gibt es Bäume, die sprechen können, und der Elch erklärt den Kapitalismus. Ja, liebe Kinder und Erwachsene, hört hier gut zu. Denn Thema des Stücks ist die grosse Not, die über die Menschen gekommen ist. Und wie man wieder herauskommt.

Eine Hexe gibt es in dieser Version nicht. Die Frau, die die Kinder im Wald in ihr Haus einlädt, ist eine reiche Galeristin, Typ Zürichberg. Sie hat eine ganz böse Zunge. Und noch bösere Pläne. Für den Bau ihres Museums will sie alle Bäume köpfen und zur Vorspeise aus Gretel und Hänsel Züri-Gschnätzlets machen.

Das tönt jetzt richtig gruselig. Und sieht auch manchmal gruselig aus. Man muss aber nicht Angst haben. Erstens: Es kommt alles gut, Gretel stösst die Galeristen-Hexe in ihren Hightech-Umluft-Ofen und befreit Hänsel aus der Käfighaltung. Zweitens steht für Kinder, die sich fürchten, eine Angst-Schreddermaschine bereit. Könnten wir Erwachsenen manchmal auch ganz gut brauchen.

So haben alle Spass an dieser Vorstellung. «Wir erzählen die Geschichte, wie sie ist», sagen Annina Machaz und Nils Amadeus Lange. Es bleibt immer noch viel Raum für Spielereien. Da regnet es von der Decke Popcorn und Zuckerwatte – manchmal kommt auch so etwas wie Schleim herunter. Das Publikum kann über solche megatollen Effekte staunen. Und so zauberhaft wie das Märchen ist auch die Musik.

Im Einsatz steht auch eine Elektromaus, die auf der Bühne herumpfurrt und am Ende so etwas wie die moralische Instanz in diesem Stück ist. Sie sagt, was wir Menschen fürs Zusammenleben brauchen: Liebe, Mut und Respekt vor der Natur. Ist eigentlich ganz einfach.

Am Schluss bekommen alle ein Tütchen mit Samen. Sie können damit die Stadt aufforsten.

Premiere So 15.11., 16 Uhr, Theater Neumarkt, Neumarkt 5, bis 25.11. neumarkttheater.ch