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GastkommentarMit mehr Ökologie gegen die nächste Pandemie

Die rasant abnehmende Artenvielfalt und unser ökologischer Fussabdruck gehören zu den Treibern künftiger Pandemien. 126 Schweizer Forscher fordern die Politik auf, hier anzusetzen.


Raubbau kann auch zu Pandemien führen: Brandrodung für künftige Maniok-Monokulturen im brasilianischen Regenwald.

Raubbau kann auch zu Pandemien führen: Brandrodung für künftige Maniok-Monokulturen im brasilianischen Regenwald.
Foto: Antoine Lorgnier (Biosphoto)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahm Anfang 2018 eine «Krankheit X» in die Liste der Infektionskrankheiten auf, die potenziell eine Gefahr von internationaler Dimension darstellen können. Zudem forderte sie die Regierungen dazu auf, alles zu tun, um Prozesse, die Massenepidemien begünstigen, schon im Vorfeld zu unterbinden.

Einige Pandemien hatten wir bereits vor Covid-19 erlebt. Dass weitere zu erwarten sind, ist so gut wie sicher. Die damit verbundenen gesundheitlichen, medizinischen, sozialen und ökonomischen Probleme sind, wie wir alle im Moment feststellen können, gewaltig. Aber sie sind nicht die einzigen, die gelöst werden müssen.

Die Covid-19-Epidemie fällt in die Gruppe der Zoonosen: Infektionskrankheiten, die zwischen Wildtieren, Haustieren und Menschen übertragen werden. Die überwiegende Mehrheit von Viren ist für Menschen harmlos, aber schon ein kleiner Prozentsatz infektiöser Arten reicht aus, um eine phänomenale Reserve an aggressiven Krankheitsverbreitern zu bilden.

Seit Jahren sind wir mit HIV, Ebola, Dengue, Zika, Chikungunya, Lassa-Fieber, Sars, H5N1, H1N1 sowie anderen neuen Krankheiten konfrontiert. Ihre Zahl scheint in den letzten 50 Jahren stetig zuzunehmen. Darum kommt es immer häufiger zu Epidemien. Es leben immer weniger Wildtiere auf der Erde. Sie machen nur noch 5 Prozent der Biomasse aller Landsäugetiere aus.

Deshalb könnte man denken, dass die Bedrohung, die von der Übertragung eines Virus von wild lebenden Säugetieren auf Menschen ausgeht, abnimmt. Das Gegenteil ist aber der Fall. Denn unser Fussabdruck auf dem gesamten Planeten ist problematisch geworden. Das zeigt eindrücklich der globale Bericht der zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen (IPBES).

Die starke Fragmentierung und Zersiedelung der Naturlandschaften und die besorgniserregende Verarmung der biologischen Vielfalt haben zur Folge, dass die Nahrungsketten in der Natur so stark gestört werden, dass Wildtiere vielerorts notgedrungen auf Ressourcen ausweichen, die aus menschlichen Aktivitäten entstehen.

Dadurch aber erhöht sich das Risiko der Übertragung von Krankheitserregern von Wildtieren auf Menschen, entweder direkt oder über ihre Haus- und Nutztiere. Viren profitieren von diesen neuerlich viel häufigeren Kontakten mit den neuen potenziellen Wirten. Jene, die überspringen, profitieren von der globalen Vernetzung unserer Aktivitäten, wie wir es beim Virus Sars-Cov-2 jetzt sehen.

Pandemien sind nur ein Aspekt des globalen Wandels. Nicht weniger besorgniserregend ist das massenhafte Artensterben, ausgelöst durch die Veränderung der natürlichen Umwelt, die Übernutzung natürlicher Ressourcen, die Verschmutzung von Luft, Wasser und Böden und die durch Treibhausgasemissionen verursachten Klimastörungen.

Die Menschheit ist heute mit den Folgen ihrer eigenen Aktivitäten konfrontiert. Wie das IPCC für das Klima, so verfügt das IPBES über umfassendes Faktenwissen bezüglich der Herausforderungen bei der Erhaltung der Biodiversität und der Ökosysteme. Die resultierenden Schlussfolgerungen müssen sich alle gesellschaftlichen Akteure, insbesondere auch die gewählten Politikerinnen und Politiker, aneignen, wollen sie nationale und supranationale Politiken initiieren, die diesen Herausforderungen gewachsen sind.

Wir vier sprechen im Namen von total 126 Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus der Schweiz, die unsere Politikerinnen und Politiker auffordern, unverzüglich auf die Faktoren einzuwirken, die kommenden dramatischen Pandemien letztlich zugrunde liegen.

Als wichtigen Schritt in die Richtung des benötigten Kurswechsels empfehlen wir, innovative Massnahmen zu ergreifen, um entschlossener als bisher dem Klimawandel entgegenzuwirken, die Biodiversität, die Tropenwälder und andere natürliche Lebensräume an Land wie im Wasser zu schützen und eine respektvollere Landnutzung zu fördern sowie eine Wirtschaft, die es erlaubt, unseren ökologischen Fussabdruck signifikant zu reduzieren.