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Deutsche «Corona-Rebellen»Mit Molotow-Cocktails gegen die Pandemie-Politik

Die Proteste werden kleiner, aber gewalttätiger: Deutsche Virologen, Politiker und Journalisten werden mit dem Tod bedroht. Bereits kam es zu ersten Brandanschlägen.

Ein Wachmann verhinderte Schlimmeres: Ein Gebäude des Robert-Koch-Instituts in Berlin-Schöneberg, nachdem mehrere Unbekannte das Haus  mit Brandsätzen angegriffen hatten.
Ein Wachmann verhinderte Schlimmeres: Ein Gebäude des Robert-Koch-Instituts in Berlin-Schöneberg, nachdem mehrere Unbekannte das Haus mit Brandsätzen angegriffen hatten.
Foto: Clemens Bilan (EPA/Keystone)

Das berühmte Robert-Koch-Institut in Berlin ist in der Corona-Pandemie die Instanz, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Deutschland bündelt. Es erstaunt deswegen wenig, dass es in besonderer Weise Proteste und Wut militanter Gegner der staatlichen Seuchenpolitik auf sich zieht.

Vor gut einer Woche warfen mitten in der Nacht mehrere Unbekannte Molotow-Cocktails auf eines der Gebäude des Instituts im Süden Berlins. Ein Wachmann konnte die Flammen löschen, bevor sie grösseren Schaden anrichteten. Die Täter entkamen unerkannt. Vor einigen Tagen folgten Angriffe aus dem Cyberspace. Die Behörden registrierten zwei sogenannte Überlastungsangriffe auf die Instituts-Server. Als Folge davon waren einige Stunden lang keine aktuellen Daten zur Ausbreitung der Seuche mehr verfügbar.

Bekennerschreiben fordert Neuwahlen

Am selben Tag, als Brandsätze auf das Robert-Koch-Institut flogen, knallte es auch vor einem Gebäude in Berlin-Mitte, in dem die Leibniz-Gemeinschaft residiert, eine bekannte wissenschaftliche Gesellschaft. Unbekannte hatten eine aus Brandbeschleuniger, Akkus und Spraydosen selbst gebaute Sprengvorrichtung platziert, die aber ausser des Knalls und einer Stichflamme keinen Schaden anrichtete.

Am Tatort fand sich ein Bekennerschreiben. Nach Informationen des «Spiegels» forderten die Urheber darin ein sofortiges Ende der Corona-Beschränkungen, den Rücktritt der deutschen Regierung und Neuwahlen. Komme es nicht dazu, würden weitere Aktionen folgen. Die Leibniz-Gemeinschaft warnte letzte Woche zusammen mit anderen grossen deutschen Forschungsgesellschaften vor einer unkontrollierten Verbreitung des Virus und forderte entsprechende Eindämmungsmassnahmen.

Im Internet angekündigt

Auffällig an den Taten war nicht nur deren zeitliche Nähe, sondern dass diese von militanten Gegnern der staatlichen Corona-Politik zuvor im Internet recht unverhohlen angekündigt worden waren. Um nicht erneut zu spät zu kommen, nahm die Polizei am letzten Wochenende in Köln einen Youtuber fest, der im Internet seinerseits einen «Riesen-Rumms» angekündigt hatte.

Auch im Falle der Täter, die vor einem Monat 70 Kunstwerke in mehreren Berliner Museen mit einer öligen Flüssigkeit beschädigt hatten, prüft der Staatsschutz einen Zusammenhang mit den Corona-Protesten.

«Das sind Vorgänge,
die gehen in Richtung Terrorismus.»

Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen

Der bekannte Vegankoch und Verschwörungsideologe Attila Hildmann hatte zuvor die These verbreitet, dass sich im Pergamon-Museum der «Thron des Satans» befinde und dieses das Zentrum der «globalen Satanisten-Szene und Corona-Verbrecher» sei. Seit dem Ölanschlag sind Hildmanns Nachrichten verschwunden. Den Brandanschlag auf das Koch-Institut vermeldete er auf seinem Telegram-Kanal mit drei lachenden Smileys.

Während die Corona-Demonstrationen in Deutschland in den letzten Wochen markant abgeflaut sind, ist gleichzeitig die Gewaltbereitschaft erheblich gestiegen – eine Entwicklung, die Experten von anderen extremistischen Protesten vertraut ist.

Virologe in Sträflingskleidung: Ein Demonstrant in Berlin, der sich als «Patriot» und als Anhänger der «QAnon»-Theorie bezeichnet, will den Virenforscher Christian Drosten hinter Gitter sehen.
Virologe in Sträflingskleidung: Ein Demonstrant in Berlin, der sich als «Patriot» und als Anhänger der «QAnon»-Theorie bezeichnet, will den Virenforscher Christian Drosten hinter Gitter sehen.
Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Auch Politiker zeigen sich alarmiert: «Demonstranten tragen grosse Fotos mit Frau Merkel und Herrn Drosten in KZ-Kleidung, skandieren, dass man die Kanzlerin an die Laterne knüpfen müsse», sagte der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow dem Berliner «Tagesspiegel»: «Das sind Vorgänge, die gehen in Richtung Terrorismus. Das ist eine Gefährdung der inneren Verhältnisse in unserem Land.»

Auch Innenministerium und Verfassungsschutz sind besorgt. Hohe Sicherheitskreise erwarten weitere Gewalttaten, die sich unter Umständen nicht mehr nur gegen Polizisten und Gebäude richten könnten, sondern auch gegen bekannte Persönlichkeiten.

Im Visier: Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (rechts) zusammen mit dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler.
Im Visier: Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (rechts) zusammen mit dem Präsidenten des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler.
Foto: Tobias Schwarz (Reuters)

Der Virologe Christian Drosten sowie die Gesundheitspolitiker Jens Spahn oder Karl Lauterbach erhalten bereits seit Wochen Morddrohungen, ebenso Journalisten, die über Corona-Proteste berichten. Letzte Woche hängten Unbekannte in Nordrhein-Westfalen eine Puppe an einem Strick von einer Brücke, vor der Brust das Schild «Covid-Presse». Besonders exponierte Persönlichkeiten erhalten schon länger Personenschutz.

Von wem die jüngsten Gewalttaten ausgehen, ist laut Auskunft der Polizei schwer zu sagen. Die Szene der «Corona-Rebellen» ist stark gemischt, auch Reichsbürger und Rechtsextremisten, denen Gewaltanwendung nicht fernliegt, haben sich ihr angeschlossen. Eine wichtige Motivation bietet der auch von der AfD verbreitete Glaube, Deutschland sei in der Seuche zu einer «Corona-Diktatur» verkommen. Gewalthandlungen, sagen Experten, würden so zu legitimen Widerstandsakten gegen einen illegitimen Staat verklärt.

5 Kommentare
    F. Limberger

    Wenn der Staatsschutz in allen anderen Fällen nur auch so „besorgt“ wäre...

    Klar ist, dass Gewalt noch nie zu einem nachhaltig erstrebenswerten Ziel geführt hat. Und sie schadet dem Diskurs und den durchaus stichhaltigen Gegenargumenten.

    Wie man allerdings auf KZ-Kleidung kommt, erschliesst sich mir nicht ganz. Es handelt sich um Sträflingskleidung, die in jedem Fastnachtsladen gekauft werden kann.

    Und einer Puppe, die mit Presse beschriftet ist und an einem Strick aufgehängt ist, könnte man sogar einen künstlerischen Wert unterstellen. Sie ist ein Zeichen dafür, dass offenbar viele Menschen die Schnauze voll davon haben, wie schlecht Medien geworden sind, wenn es um Recherche und wirklich gehaltvolle Artikel geht. Diese Entwicklung startete lange vor Corona.