Zum Hauptinhalt springen

Notstand im PflegeheimMit Plastiksäcken und Skibrillen gegen das Corona-Virus

In Altersheimen steigt die Zahl der Infizierten und Toten rasant. Es fehlt an Schutzmaterial. Die Pflegenden fürchten, dass sie so das Virus in die Gesellschaft tragen.

Mit diesem Plastiksack arbeitet eine Pflegefachperson in der Westschweiz.
Mit diesem Plastiksack arbeitet eine Pflegefachperson in der Westschweiz.
Foto: PD

Im Altersheim Oasis gelten rigorose Hygienevorschriften, Besuche sind verboten. Und trotzdem fand Covid-19 einen Weg. «Das Virus ist da. Es ist möglicherweise überall», sagt Hervé Billaud, Direktor der Einrichtung im waadtländischen Moudon VD, am Freitag. «Wir haben bis jetzt sechs Todesfälle.» Auch neun Mitarbeiter hätten sich infiziert, nun müssen Zivilschützer einspringen. «Und erst am Freitag haben wir Schutzkittel erhalten», sagt Billaud.

Es sind dramatische Szenen, die sich im Oasis abspielen. Doch solche drohen jetzt auch vielen anderen Institutionen für Betagte. Recherchen zeigen, wie sich das Virus rasant in Seniorenheimen ausbreitet. Im Kanton Genf meldeten vergangene Woche bereits 22 von 54 Einrichtungen infizierte alte Menschen. Im Kanton Neuenburg hatten zwölf Institutionen positive Fälle, in Freiburg sieben.

Auch in der Deutschschweiz verschärft sich die Lage. Zehn der rund 50 Institutionen in Graubünden beherbergten vergangene Woche infizierte Senioren, in Basel-Stadt waren sieben von 42 Pflegeheimen betroffen. Und im Kanton Bern haben sich allein in einer Einrichtung 20 der 67 Bewohner sowie neun Angestellte angesteckt. Fast verschont blieben bisher der Aargau mit drei oder Zug mit zwei betroffenen Heimen.

Die Hälfte aller Corona-Todesfälle im Heim

Der öffentliche Fokus lag in den letzten Wochen auf den Spitälern, wo Patienten auf den Intensivstationen um ihr Leben kämpfen. Der grosse Ansturm blieb dort bisher aber eher aus. Auch deshalb, weil viele Corona-Patienten bereits im Altersheim versterben. Im Kanton Waadt forderte Covid-19 bis Freitag insgesamt 105 Menschenleben – 48 davon in einem Altersheim. Auch im Wallis lag die Quote fast bei 50 Prozent, in Neuenburg gar bei über 70 Prozent. Die städtischen Zürcher Pflegezentren verzeichneten bisher nur neun Todesfälle bei infizierten Personen. Eigentlich liegt es bei den Senioren, ob sie bei akuten Symptomen in ein Spital möchten oder nicht. Sollten die Betten in den Kliniken aber knapp werden, wird es zu einer Triage kommen. Man wird also bestimmen müssen, wer für eine Behandlung Vorrang bekommt. Diese schwierige Entscheidung liege dann beim behandelnden Arzt, sagt Rudolf Hauri, Präsident der Kantonsärzte (lesen Sie dazu das Interview).

«Viele haben das Thema nicht ernst genommen und darum jetzt zu wenig Masken und Schutzkleidung auf Lager.»

Simone Bertogg, Präsidentin Langzeit Schweiz

Dass sich ausgerechnet so viele Pflegeheimbewohner infizieren, liegt unter anderem an der schlechten Versorgung mit Schutzmaterial. Gemäss dem Pandemieplan des Bundes hätten Heime zwar Hygienemasken für drei Monate im Normalbetrieb plus einen zusätzlichen Notvorrat von 14 Masken pro Bett einlagern sollen. Simone Bertogg, Präsidentin des Pflegeverbands Langzeit Schweiz, sagt jedoch: «Viele haben das Thema in der Vergangenheit nicht ernst genommen und darum jetzt zu wenig Masken und Schutzkleidung auf Lager.»

«Wir hatten keine einzige Maske im Lager»

Leidtragende sind die Pflegerinnen und Pflegersowie die alten Leute, die nun einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. «Als es in der Schweiz losging, die Schulen und Läden zugingen, hatten wir bei uns keine einzige Maske im Lager», sagt die Angestellte eines Betriebs im Kanton Zürich. «Es hiess dann, wir sollen, wenn möglich, zwei Meter Abstand halten. Aber das geht nicht, wenn wir alte Menschen pflegen sollen.»

Die Mitarbeitenden eines Berner Altersheims erhielten letzte Woche per Post je fünf einfache Hygienemasken. Sie wurden aufgefordert, nur eine pro Tag zu verwenden und sie dann zu Hause zu trocknen. «Wenn alle Masken gebraucht wurden, beginnt man wieder mit der ersten», steht in der Weisung, die der SonntagsZeitung vorliegt.

Weisung eines Heims, die Masken wiederholt zu verwenden.
Weisung eines Heims, die Masken wiederholt zu verwenden.
Foto: PD

Noch prekärer ist es in einigen Freiburger Institutionen. Dort bekamen die Pflegenden laut Emmanuel Michielan, Generalsekretär der Freiburger Altersheime, eine einzige Maske, die sie mit Namen beschriften, am Abend zu Hause waschen und am nächsten Tag wieder tragen sollten. Ein klarer Verstoss gegen die Richtlinien des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Diese besagen: «Einweg-Hygienemasken dürfen nicht wiederverwendet werden. Werfen Sie die Maske nach der Verwendung sofort weg.»

Doch selbst der Präsident der Kantonsärzte, Rudolf Hauri, gibt zu, dass diese Vorgabe nicht eingehalten werden kann. «Tatsächlich mussten wir den Heimen sagen, dass sie die Masken öfter benutzen sollen, als das ursprünglich vorgesehen war», sagt er. Grössere Lieferungen dürften die Situation laut Hauri langsam entspannen.

Abfallsäcke, weil die Schutzkleidung fehlt

Es mangelt aber nicht nur an Masken. Im Kanton Freiburg behilft sich das Personal zum Teil mit Skibrillen, weil es zu wenig Schutzbrillen gibt, im Kanton Zürich mit Brillen aus dem Baumarkt. Und weil Covid-19-Patienten stark husten, müsste das Pflegepersonal dringend Schutzanzüge tragen. Doch diese sind vor allem in der Romandie knapp. «Wir verwenden deshalb Abfallsäcke», sagt ein Pfleger im Kanton Waadt. Oder Nachthemden, die eigentlich für die Bewohner gedacht seien. Man hänge jeweils ein Exemplar an die Tür eines Zimmers eines Kranken und jede Pflegerin benutze dieses, wenn sie das Krankenzimmer betrete.

Dadurch steckt sich auch immer mehr Personal an, das nun so wichtig wäre im Kampf gegen das Virus. Die Zürcher Pflegefachfrau Nadine Deringer etwa darf nicht mehr arbeiten ihr Test auf Covid-19 fiel positiv aus. Nun sitzt sie in Quarantäne. «Mittlerweile sind vier von unseren 30 Angestellten infiziert, weitere warten auf das Resultat», sagt sie. Die Situation in ihrem Heim für Palliativpflege sei beängstigend. «Wir befürchten, dass es bald an Personal fehlt, um ein würdevolles Sterben zu ermöglichen.»

Andere Pflegende sorgen sich, dass sie Covid-19 ausserhalb des Heimes verbreiten. «Wir haben Angst, dass wir das Virus nach Hause tragen und unsere Kinder infizieren», sagt eine Waadtländer Pflegefachfrau.

«Wir befürchten, dass es bald an Personal fehlt, um ein würdevolles Sterben zu ermöglichen.»

Nadine Deringer, Pflegefachfrau aus Zürich

Die Gefahr einer weiteren Übertragung bestehe tatsächlich, sagt Professor Jan Fehr, Infektionsexperte an der Universität Zürich. «Wir sind deshalb der Meinung, dass breiter getestet werden sollte. Auch angesichts der Tatsache, dass momentan die Kapazitäten vieler Teststellen und Laboratorien nicht ausgeschöpft sind.» Spitäler würden nun beginnen, alle Patienten und auch das Personal auf das Virus zu prüfen. «Das ist eine sinnvolle Massnahme, und sie könnte auch auf Heime ausgeweitet werden», sagt Fehr.

Kantone sollen jetzt jeden Bewohner testen

Angesichts der grossen Ansteckungsrisiken klingen die offiziellen Empfehlungen des BAG an die Altersheime aber eher riskant: Selbst Gesundheitsfachpersonen, die ungeschützten Kontakt mit einem bestätigten Corona-Fall hatten, sollen weiterarbeiten, solange sie bei sich selbst keine Symptome feststellen. Und dies, obwohl bekannt ist, dass Infizierte auch schon vor ersten Symptomen ansteckend sein können.

«Wir merken im Moment eine grosse Verunsicherung bei den Angestellten», sagt Samuel Burri von der Gewerkschaft Unia. Diese will noch am Sonntag eine Stellungnahme veröffentlichen, in der sie Bund und Kantone auffordert, Altersheimen bei der Versorgung mit Schutzmaterial Priorität einzuräumen. Dieses fehle «an allen Ecken und Enden», heisst es im Schreiben.

Curaviva, der Branchenverband der Heime, hat deshalb bei den Kantonsapothekern einen Appell lanciert, dass alle Heime mit Schutzmaterial versorgt werden müssten, sagt Curaviva-Direktor Daniel Höchli. «Bei den Masken zeichnet sich eine Entspannung ab, bei den Brillen und Schutzanzügen bleiben Engpässe», sagt er. Am Donnerstag hat das BAG zudem empfohlen, dass Heimbewohner mit Symptomen fortan getestet werden sollen. «Nun müssen die Kantone das umsetzen», fordert Höchli.

Es gibt aber auch Heime, in denen die Lage trotz Corona-Erkrankten weniger angespannt ist. Sie haben beim ersten Fall mit rigorosen Massnahmen wie speziellen Isolationsabteilungen und Schleusen reagiert. Im Betagtenzentrum Emmenfeld im Kanton Luzern haben sich zum Beispiel acht Senioren angesteckt. Heimleiterin Nadja Rohrer sagt: «Wir mussten alle 36 Bewohnerinnen und Bewohner in der betroffenen Abteilung in ihren Zimmern isolieren. Eine besondere Herausforderung ist dies bei Personen mit einer demenziellen Erkrankung.» Das Pflege- und Betreuungspersonal sei aufgestockt worden. «Im Moment gehen wir davon aus, den Ausbruch eingedämmt zu haben. Den letzten positiven Test haben wir vor einer Woche erhalten», sagt Rohrer.