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Unentschieden in der Nations LeagueDie Schweizer leiden – und überzeugen

Die Schweiz ist dank Yann Sommer gegen Spanien nahe am Coup. Das 1:1 reicht wenigstens, um am Dienstag den Abstieg in der Nations League zu vermeiden.

Mit seinen zwei gehaltenen Elfmetern war Torhüter Yann Sommer der Mann des Abends bei den Schweizern.
Mit seinen zwei gehaltenen Elfmetern war Torhüter Yann Sommer der Mann des Abends bei den Schweizern.
Foto: Marc Schumacher/Freshfocus

Der 16. Juni 2010 war ein besonderer Tag in der Schweizer Folklore. Damals gelang der Schweiz bei der WM in Südafrika mit dem 1:0 gegen den späteren Weltmeister ein Coup. Lange rannte sie danach einem vergleichbaren Sieg hinterher - bis sie einmal Europameister Portugal besiegte und dann Belgien als Nummer 1 der Welt.

Dann kommt dieser Samstag, dieses Geisterspiel im Basler St.-Jakob-Park. Es ist das fünfte Spiel der Schweizer in der Nations League, eines, das sie unbedingt positiv gestalten müssen, um den Abstieg aus Liga A abzuwenden. Das gelingt ihnen auch, sie erkämpfen sich ein 1:1. Und weil die Ukraine gleichzeitig in Deutschland verliert, haben sie am Dienstag alles in eigener Hand: Ein 1:0 gegen die Ukraine genügt ihnen bereits, um den Klassenerhalt zu schaffen.

Es ist ein Spiel mit vielen Geschichten, so ganz anders noch als am Mittwoch, als die Schweiz bei Belgien B testete und verlor. Es ist eine Schweiz, die auf ganz anderem Niveau arbeitet und bis in die 89. Minute auf dem Weg zum Sieg ist.

Remo Freuler ist der Schütze des vermeintlichen Siegtores und damit ein Mann des Spiels. Und da kommt Yann Sommer, der Goalie. Bislang ist es nicht sein bester Herbst, nicht im Nationalteam, nicht bei Mönchengladbach. Immer wieder hat er sich ein paar Patzer geleistet - ausgerechnet er, der sonst die Zuverlässigkeit in Person darstellt.

Ramos, der Unsichere

Die 57. Minute läuft, ein Kopfball von Sergio Ramos prallt an den Arm von Ricardo Rodriguez. Ramos läuft zum Elfmeter an, schiesst nicht sehr präzis und scheitert an Sommer. Der Goalie ist das Bollwerk einer Schweizer Mannschaft, die unter Dauerdruck steht.

In der 80. Minute ist er nochmals gefordert, diesmal verschuldet Nico Elvedi mit einem Foul an Morata einen Elfmeter. Elvedi sieht dafür die gelb-rote Karte. Wieder läuft Ramos an, der bärtige Haudegen in seinem 177. Einsatz für Spanien. Er will den Ball lupfen und scheitert kläglich, sein Versuch ist eine Rückgabe, die Sommer problemlos aufnimmt. Die Schweiz scheint endgültig auf dem Weg zum Coup.

Scheint. Edimilson Fernandes steht schlecht, Reguilon flankt, und Gerardo Moreno schliesst einen formidablen Angriff mit einem Direktschuss ab. Spanien hat den Ausgleich, den es in der zweiten Hälfte verdient hat. Der Schweiz entgeht ein stolzer Sieg, wenigstens ändert das nichts für das Spiel am Dienstag gegen die Ukraine.

Eine bemerkenswerte Halbzeit

Vor fünf Wochen bestritten die Schweizer das Hinspiel in Spanien. Damals wagte Gerardo Seoane eine Prognose. Wobei, was heisst wagen? Der Trainer der Young Boys, einer mit spanischem Blut, sagte es im Brustton der Überzeugung: Die Schweiz könne das Rückspiel daheim gewinnen.

Dieser Samstag beweist, dass Seoane ein Mann vom Fach ist, 1:0 liegt die Schweiz nach der ersten Halbzeit vorne. Es ist ein stolzes Zwischenergebnis und die Konsequenz einer bemerkenswerten Leistung der Schweizer.

Bei einzelnen statistischen Werten liegen sie zwar deutlich zurück: beim Ballbesitz mit 37:63 Prozent, bei den Pässen mit 164:398. Aber wo es am meisten zählt, führen sie. Breel Embolo löst, angespielt von Sommer, aus der eigenen Platzhälfte den Angriff aus, via Xherdan Shaqiri und Edimilson kommt der Ball zurück zu Embolo. Inzwischen ist er am rechten Flügel aufgetaucht, wo er viel Platz hat, um auf den spanischen Strafraum loszurennen. Embolo behält die Übersicht und legt den Ball für Freuler auf. Ob Freuler den Ball nun genauso treffen will, wie er ihn trifft, ist unklar. Jedenfalls schlenzt er ihn mit dem linken Fuss herrlich in die entfernte Ecke.

Der positive Test von Silvan Widmer

Die 26. Minute ist der Höhepunkt aus Sicht der Schweizer, die ein anderes Gesicht zeigen als noch in Belgien. Das kann auch nicht erstaunen, weil Vladimir Petkovic die bestmögliche Aufstellung gewählt hat. Nur Silvan Widmer fehlt, er hat am Nachmittag des Spieltages einen Corona-Schnelltest nicht bestanden. Statt Widmer deckt Edimilson die rechte Seite ab.

Elvedi, Akanji und Rodriguez bilden vor Sommer die Dreierkette, und es ist eine stabile Kette, die schnörkellos ihre Arbeit versieht. Sie kann viel vom eigenen Tor fernhalten. Dass es nicht gleich alles ist, liegt an der spielerischen Qualität des Gegners. Ferran Torres hat eine gute Chance, Sommer zeigt bei einer Flanke von Oyarzabal für einmal zittrige Hände, Fabian Ruiz prüft Sommer, und als die Nachspielzeit läuft, schiesst Ferran Torres aus drei Metern hoch drüber.

Danach ist es noch ein weiter Weg bis zum möglichen Sieg. Haris Seferovic bietet sich die grosse Chance zum 2:0, nachdem Spaniens Goalie Unai Simon weit ausserhalb des Strafraums neben den Ball tritt. Seferovic bringt es fertig, an Ramos zu scheitern, der auf der Torlinie klären kann.

Wenig später folgt der erste Elfmeter, «ein Bruch» im Spiel sei das gewesen, denkt Sommer. Fortan dominiert Spanien das Geschehen, die Schweizer sind defensiv schwer gefordert. Sie können sie kaum noch einmal lösen. Am Ende bringt es Granit Xhaka auf den Punkt: «Wir haben leiden müssen.»

2 Kommentare
    Rolf Müller

    Lieber Thomas Schifferle, ich sehe das nicht ganz so positiv. Das Resultat, wieder ein Unentschieden, wieder nur ein Tor, wieder kurz vor Schluss den Ausgleich kassiert, Seferovic wieder eine Grosschance vermasselt. Das alles sind leider nicht einmalige Ausrutscher. Shaqiri gestern bestenfalls Durchschnitt und dann kommt halt nicht wirklich viel von ihm. Es mag für den Klassenerhalt in der Nations League gerade so reichen, für eine gute EM aber sicher nicht.