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Moderna-Chef Stéphane BancelMonsieur Knallhart

Der Franzose Stéphane Bancel ist Chef von Moderna, dem US-Biotechunternehmen, das kurz vor der Zulassung eines Impfstoffs gegen Corona steht. Porträt eines nicht unumstrittenen Managers.

Stéphane Bancel, Chef von Moderna Therapeutics Inc., vor dem Firmensitz in Cambridge im US-Staat Massachusetts.
Stéphane Bancel, Chef von Moderna Therapeutics Inc., vor dem Firmensitz in Cambridge im US-Staat Massachusetts.
Foto: Adam Glanzman (Bloomberg, Getty Images)

Das Covid-19-Virus vernichtet Existenzen und stürzt die Weltwirtschaft in eine neue Krise. Doch der Franzose Stéphane Bancel sah darin die Chance seines Lebens – und ergriff sie.

Der Chef des US-Biotechunternehmens Moderna weilte mit seiner Familie Anfang Jahr in Frankreich im weihnachtlichen Heimaturlaub, als er von einem neuartigen Virus las, das sich in China ausbreitete. Noch aus den Ferien kontaktierte er die Impfstoffexperten der US-Gesundheitsbehörde National Institute of Health, um ihnen eine Kooperation vorzuschlagen. Zurück im Büro verkündete er seinen Mitarbeitern, dass sie einen Impfstoff gegen das neue Virus in der Rekordzeit von 60 Tagen entwickeln sollen – sie schafften es in 42.

Viele Fragen sind noch offen

Bancels Wagemut zahlte sich bis jetzt aus: Moderna ist neben dem Duo Biontech/Pfizer am weitesten in der Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus. Am Montag hatte Moderna die ersten Zwischenergebnisse der Phase-3-Tests publiziert, demnach hat das Vakzin mRNA-1273 eine Wirksamkeit von 94,5 Prozent.

Noch sind viele Fragen offen, zum Beispiel, wie lange der Impfschutz hält. Doch die Hoffnung auf den Durchbruch hat Modernas Bewertung auf rund 39 Milliarden Dollar explodieren lassen. Dabei hat das 2010 an der US-Ostküste gegründete Unternehmen bis heute kein einziges Produkt am Markt und seit seiner Gründung Milliarden verbrannt.

Die Geschichte Modernas ist eng mit der Person des 47-jährigen Chefs Bancel verbunden. Der Mann ist weder Mediziner noch Biologe, sondern studierter Ingenieur. In der sonst eher akademisch angehauchten Branche gilt Bancel als harter Antreiber und guter Verkäufer des Unternehmens. Beides sorgt immer wieder für Kritik.

So soll Bancel einzelne Mitarbeiter auch schon mal vor versammelter Mannschaft zusammenstauchen. Moderna habe eine «anspruchsvolle Kultur» beschrieb es der Chef selbst einmal gegenüber dem «Wall Street Journal».

Zellen als Wirkstofffabrik

2011 stösst er zum Start-up und übernimmt dessen Leitung. Dafür gibt er einen sicheren Job als Chef des französischen Diagnostikunternehmens Biomérieux auf. Bancel will der Technologie, die Moderna entwickelt, zum Durchbruch verhelfen: Wirkstoffe auf Basis von Boten-RNA (englisch: messenger RNA, kurz mRNA) zu entwickeln. Diese Gen-Schnipsel sagen einer menschlichen Zelle, was sie tun soll: im Fall des Corona-Impfstoffs also Abwehrzellen bilden.

Während andere Biotechunternehmen nur einige wenige Wirkstoffe entwickeln, setzt Bancel darauf, dass Moderna mit der mRNA-Technologie den Schlüssel zu einer ganzen Wirkstoffplattform hält. So weist die Pipeline insgesamt zwölf Wirkstoffkandidaten aus ganz verschiedenen Feldern aus: Neben sechs Impfstoffen arbeitet Moderna an fünf Krebsmitteln und vier Medikamenten gegen seltene Krankheiten wie eine erbliche Stoffwechselstörung.

Trotz Skepsis gegenüber diesem neuen Ansatz gelang es Bancel im Jahr 2013, den britischen Pharmariesen AstraZeneca als Partner zu gewinnen. Das Unternehmen zahlte 240 Millionen Dollar, um sich die Rechte an einigen von Modernas Forschungsergebnissen zu sichern. Im Dezember 2018 ging Moderna an die Börse und sammelte über 600 Millionen Dollar ein.

Kritik an der Kommunikation

Im Umgang mit den Märkten wird oft Modernas Kommunikation kritisiert. So verkündete Moderna am 18. Mai die ersten, vielversprechenden Ergebnisse aus der Phase 1 des Impfstoffs. Die Aktie schoss um 20 Prozent nach oben. Am gleichen Tag kündigte das Unternehmen eine Kapitalerhöhung an und sammelte über eine Milliarde Dollar ein.

Kritik gibt es auch daran, dass wichtige Ergebnisse als Pressemeldung, nicht aber als wissenschaftliche Veröffentlichung erfolgen – wie am letzten Montag. Moderna verspricht, die vollen Daten nachzureichen, sobald sie vorliegen.

Auch das Topmanagement nutzte den Börsenhype: Bancel selbst verkaufte für rund 54 Millionen Dollar Aktien. «Alles rechtens», rechtfertigt sich Moderna, die Verkäufe folgten einem festgelegten Plan.

Schafft Moderna die Impfstoffzulassung, dürfte das in den Hintergrund treten. Aber eben nur dann.

3 Kommentare
    Markus Waser

    Mister Knallhart - das tönt ominös. Wird er den Impfstoff trotz evtl. mangelhafter Qualität

    oder abgekürzter Testzeit "knallhart" auf den Markt bringt ??