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Trump bleibt uneinsichtig«Mr. President, manche Leute sagen, dass Sie die Realität leugnen»

Am Feiertag Thanksgiving beharrte der US-Präsident erneut darauf, dass die Wahlen gefälscht seien. Er räumte aber erstmals ein, das Weisse Haus zu verlassen.

Donald Trump beantwortete am Schluss der Pressekonferenz an Thanksgiving nicht die Frage, ob er die Realität leugne.
Donald Trump beantwortete am Schluss der Pressekonferenz an Thanksgiving nicht die Frage, ob er die Realität leugne.
Foto: Erin Schaff (Epa) 

Ganz am Ende, der Präsident war schon auf dem Weg nach draussen, rief eine Reporterin ihm noch zwei Fragen hinterher. Genau genommen waren es eher zwei als Fragen formulierte Feststellungen. «Sir, ist das nicht die Sprache eines Diktators?», rief die Journalistin. Und: «Mr. President, manche Leute sagen, dass Sie die Realität leugnen.» Donald Trump antwortete nicht. Er hatte es eilig, vielleicht wartete irgendwo im Weissen Haus der Truthahnbraten auf ihn.

Am Donnerstag war Thanksgiving Day in den USA. Normalerweise treffen sich an diesem Tag die Familien, man isst zusammen den besagten Truthahn, lacht miteinander oder streitet sich. Von ihrem Präsidenten erwarten die Amerikaner, dass er an diesem Tag in einer Kaserne steht und Braten, Kartoffelbrei und Sosse an Soldaten verteilt. Donald Trump hingegen verbrachte den Vormittag auf dem Golfplatz. Und am Nachmittag beharrte er erneut mindestens eine halbe Stunde lang vor Bürgern darauf, dass in Wahrheit er die Wahl gewonnen habe, nicht Joe Biden.

Am 14. Dezember werden die Wahlmänner Joe Biden zum 46. Präsidenten der USA bestimmen.

Das ist inzwischen keine ganz taufrische Lüge mehr. Trump erzählt sie seit dem Wahltag, auch wenn sie seitdem nicht wahrer, sondern immer löchriger geworden ist. Aber genau das ist das Problem: Den Präsidenten kümmert der Wahrheitsgehalt dessen, was er sagt, überhaupt nicht. In der Realität haben die meisten jener Bundesstaaten, in denen die Wahl entschieden wurde, Bidens Sieg längst amtlich bestätigt. Trumps Klagen gegen die Ergebnisse wurden abgewiesen. Nach derzeitigem Stand wird das Electoral College am 14. Dezember den 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen: Joe Biden.

Donald Trump wiederholte wie eine hängen gebliebene Schallplatte, dass es «enorme Unstimmigkeiten» gebe.
Donald Trump wiederholte wie eine hängen gebliebene Schallplatte, dass es «enorme Unstimmigkeiten» gebe.
Foto: Erin Schaff (Epa) 

In dem Universum, in dem sich Donald Trump aufhält, ist hingegen alles noch offen. Jeden Tag würden neue Betrügereien entdeckt, sagte der Noch-Präsident am Donnerstag. Es war das erste Mal seit längerem, dass Trump sich in einer Pressekonferenz zum Wahlausgang äusserte. Er sass dabei hinter einem etwas zu zierlichen Tischchen und klang wie eine hängen gebliebene Schallplatte. Es gebe «enorme Unstimmigkeiten», in Michigan, Georgia und Pennsylvania. Und dann gebe es auch noch enorme Unstimmigkeiten in Georgia, enorme Unstimmigkeiten in Michigan, und auch in Pennsylvania kämen enorme Unstimmigkeiten ans Licht.

Ausserdem hätten die Republikaner in Arizona ihm vor der Wahl gesagt, dass er gewinnen würde. Und schauen Sie sich mal Michigan und Georgia an, lauter enorme Unstimmigkeiten. Wegen all dieser enormen Unstimmigkeiten wolle er auch nicht davon reden, dass er in Georgia, Michigan und Pennsylvania verloren habe. «Joe Biden hat nie und nimmer 80 Millionen Stimmen bekommen», sagte Trump. «Diese Wahl war gefälscht, ich habe gewonnen.»

Dass Donald Trump die Realität leugnet, heisst allerdings nicht, dass er nicht wüsste, wie sie aussieht. Natürlich werde er das Weisse Haus verlassen, wenn das Electoral College Biden gewählt habe, räumte er am Donnerstag ein. Das war kein Zugeständnis, denn in diesem Fall bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als zu gehen. Aber es war ein Hinweis darauf, dass er weiss, wie die Sache enden wird, auch wenn er seinen Anhängern etwas anderes erzählt. Ob er bei Bidens Vereidigung dabei sein wird, liess er offen.

Wir führen Krieg gegen das Virus und nicht gegeneinander.»

Joe Biden, designierter Präsident

Dass man es als Präsident auch anders machen kann, zeigte Joe Biden. Er wandte sich am Tag vor Thanksgiving in einer kurzen Rede an die Nation. Der Mittwoch war ein brutaler Tag für Amerika, das Land meldete 2313 Corona-Tote binnen 24 Stunden, der vierthöchste Tageswert seit Beginn der Pandemie. Und die Kurve zeigt immer noch steil nach oben. «Wir stehen vor einem langen, harten Winter», sagte Biden. «Seit fast einem Jahr kämpfen wir gegen das Virus. Es hat uns Schmerz, Verlust und Enttäuschung gebracht. Es hat uns gespalten, wütend gemacht und gegeneinander aufgehetzt. Aber wir müssen daran denken – wir führen Krieg gegen das Virus, nicht gegeneinander.»

Haltet durch, gebt nicht auf.»

Joe Biden, designierter Präsident

Ausserdem, so Biden, gebe es Grund zur Hoffnung. Die Amerikaner müssten nur noch ein paar Monate durchhalten, dann stünden die neuen Impfstoffe zur Verfügung, die seine Regierung so rasch wie möglich verteilen werde. «Es gibt echte Hoffnung, greifbare Hoffnung», sagte Biden. «Haltet durch, gebt nicht auf.»

Donald Trump redete nicht über Hoffnung. Er war neidisch: «Lasst nicht zu, dass Biden das Lob für den Impfstoff einheimst. Das haben wir gemacht.» Mit «wir» meinte er «ich». Wie immer.