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Gespräch über QuarantäneMütter wissen immer Rat …

... auch in Zeiten von Corona. Deshalb hat unsere Autorin bei ihrer Mutter nachgefragt. Diese kennt Ausganssperren.

Die Läden leer, auf den Strassen Panzer und Soldaten, von abends bis morgens das Haus nicht verlassen. Das hat die Mutter der Autorin bereits erlebt. (Symbolbild)
Die Läden leer, auf den Strassen Panzer und Soldaten, von abends bis morgens das Haus nicht verlassen. Das hat die Mutter der Autorin bereits erlebt. (Symbolbild)
Foto: iStock

Es sind ungewöhnliche Zeiten. Die meisten Geschäfte sind zu, Partys abgesagt, wir sollen unsere sozialen Kontakte reduzieren, am besten gleich ganz zu Hause bleiben. Deshalb dachte ich mir, ist es nicht verkehrt, Rat bei meiner Mutter zu holen. Mütter haben meistens einen Rat, zu eigentlich allem.

«Ich erlebe das nun schon zum vierten Mal, das mit dem Zuhausebleiben», sagt sie am Telefon. Das erste Mal, sei während ihrer Kindheit gewesen. Sie könne sich leider nicht mehr erinnern, ob es eine grassierende Grippe oder ein schwerer Winter gewesen sei. Das zweite Mal aber habe es am schweren Winter gelegen. Sechs Tage lang kein Vor und Zurück, alles zugeschneit und eingefroren. Minus 30 Grad. «Zu hamstern gab es nichts. Wir hatten Lebensmittelmarken» – polnischer Sozialismus. Die Regale in jenem Winter einfach noch etwas leerer als sonst, trotzdem habe es mehr oder weniger das Gleiche wie immer gegeben: «Hering, Sauerkraut, Randen, saure Gurken, Schmalz, Brot, Milch.»

Chopin statt Information

«Das dritte Mal war, als in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde, 1981.» Die Bevölkerung musste sich innerhalb von 24 Stunden zum Wohnort begeben und dort bleiben. Meine Mutter durfte nicht mehr zur Uni, am Abend verhängte man Ausgangssperren. Es sei schlimm gewesen mit den Soldaten und den Panzern. «Aber ich habe das Gefühl, irgendwie hatte man nicht so viel Angst wie jetzt.»

Vielleicht, weil der Ausnahmezustand nicht die ganze Welt betroffen habe. Vielleicht, weil sie damals keinen adäquaten Zugang zu Informationen gehabt hätten. «Wir wussten ja gar nicht, dass die Russen an der Grenze stehen.» Nur was man nicht mehr durfte, wussten sie. Dazwischen wurde Chopin am Radio gespielt.

Auch damals blieben die Regale noch leerer als sonst. Und wieder musste man stundenlang in der Schlange stehen, um seine Marken einzutauschen, nachdem man hatte anstehen müssen, um die Marken überhaupt zu erhalten. «Wie immer. Hering, Sauerkraut, Randen, saure Gurken, Schmalz, Brot, Milch.»

Leben ohne Telefon

«Was habt ihr denn damals gemacht, so ohne Internet?» «Wir hatten nicht mal ein Telefon.» Irgendwie sei die Zeit umgegangen. Mehrere Wochen. Sie musste auf Prüfungen lernen. Sozusagen ein Glücksfall. Alle anderen hätten, nebst der vielen Zeit beim Anstehen, Zeit damit verbracht, sich darüber unterhalten, wie lange sie wo für was hätten anstehen müssen.

Als das Kriegsrecht nicht mehr galt und die Uni wieder offen war, musste sie eine Erklärung unterzeichnen, dass sie sich – trotz weiterhin vorhandener Engpässe für Lebensmittel – nicht politisch engagieren wird beziehungsweise oppositionell.

«Verstehst du, dass jetzt alle Leute Hamstereinkäufe machen?», frage ich. «Nein, das verstehe ich nicht.» Vielleicht sei der jetzige Zustand eine Gelegenheit, sich zu besinnen und zur Vernunft zu kommen. Darüber nachzudenken, was uns wirklich wichtig sei und wie weit wir uns teilweise davon entfernt hätten. Darüber nachzudenken, welche Menschen wir wann und weshalb für ihre Arbeit respektierten, in einer Welt, in der wir doch eigentlich weniger boshaft, ungeduldig und kleinmütig sein könnten. Aber das irgendwie vergessen hätten.

Wir hängen auf, und obwohl ich unzählige offizielle Ratschläge im Internet nachlesen kann, der Rat von jemandem, der ähnliche, aber doch auch ganz andere Zeiten erlebt hat, nützt mindestens so gut: Ruhe bewahren. Nicht hamstern. Solidarisch sein. Freiwillig zu Hause bleiben.