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Rückkehr nach Russland angedachtNawalny meldet sich aus dem Spital

Alexei Nawalny geht es besser. Der russische Regimekritiker kann wieder alleine atmen und hat sich an die Öffentlichkeit gewandt.

Familienfoto im Spital: Kreml-Kritiker Alexei Nawalny, seine Frau Julia und die beiden Kinder Daria und Zahar.
Familienfoto im Spital: Kreml-Kritiker Alexei Nawalny, seine Frau Julia und die beiden Kinder Daria und Zahar.
Keystone

Der Kreml-Kritiker Alexei Nawalny will nach seiner Genesung von dem Giftanschlag nach Russland zurückkehren. «Ich bestätige es erneut für jeden: Keine andere Option wurde jemals in Betracht gezogen», twitterte seine Sprecherin Kira Jarmysch am Dienstag. In Moskau zeigte sich die Regierung erleichtert über die zunehmende Gesundung und offen für eine Rückkehr des 44-Jährigen in seine Heimat. In Berlin ging Nawalny erstmals seit seiner Einlieferung in das Universitätsklinikum Charité selbst wieder an die Öffentlichkeit und postete ein Foto auf seinem Instagram-Account.

Auf dem Foto auf seinem Instagram-Account ist Nawalny auf einem Krankenhausbett sitzend zu sehen, umringt von seiner Familie. «Hi, hier ist Nawalny. Ich vermisse Euch alle», heisst es in der Bildunterschrift. «Ich kann immer noch kaum etwas machen, aber gestern konnte ich den ganzen Tag alleine atmen.» In seiner Nachricht zeigte Nawalny, der für seine Recherchen zu Korruption in Russland bekannt ist, Humor: «Ich habe keine Hilfe von aussen gebraucht, auch kein Ventil im Hals. Das hat mir sehr gefallen.» Das Atmen sei ein «erstaunlicher, von vielen unterschätzter Prozess», meinte er. «Ich empfehle es.»

Ein Sprecher des russischen Präsidialamtes sagte, jeder wäre glücklich, wenn sich Nawalny wieder erholen würde. Gleichzeitig betonte er die Bereitschaft zur Aufklärung des Giftanschlags. Die russische Regierung verstehe allerdings nicht, warum sie keinen Zugang zu den Untersuchungsproben von Nawalny erhalte. Am Montag hatte die deutsche Bundesregierung mitgeteilt, Labore in Schweden und Frankreich hätten bestätigt, dass Nawalny mit einem Kampfstoff aus der international geächteten Nowitschok-Gruppe vergiftet wurde. Nowitschok war in der Sowjetunion entwickelt worden. Dies nährte den Verdacht, staatliche Stellen könnten hinter dem Anschlag auf den Kreml-Kritiker stecken.

Zu reden gibt in diesem Zusammenhang auch ein Bild von Russlands Präsident Putin, der Weissrusslands Autokrat Alexander Lukaschenko bei dessen Staatsbesuch eine Tasse Tee bringt. Nawalny hatte erste Vergiftungssymptome nachdem er eine Tasse Tee getrunken hatte. Einige Kritiker wollen das nun veröffentlichte Bild von Putin als kleinen Seitenhieb an die Adresse des Regimegegners werten.

Insider widersprechen

Nawalny war am 20. August auf einem innerrussischen Flug kollabiert. Die Piloten landeten daraufhin ausserplanmässig im sibirischen Omsk, wo er in der örtlichen Klinik behandelt wurde. Am 22. August wurde er nach Deutschland ausgeflogen, wo er seitdem in der Charité behandelt wird.

Nach Recherchen von Reuters widersprechen Rettungssanitäter in Omsk der in Russland gestellten offiziellen Diagnose eines vielfach über normal liegenden Blutzuckerwertes und massiver Beeinträchtigung des Stoffwechsels. Nach Angaben von drei Personen, die Kenntnis von der Erstbehandlung Nawalnys durch vier Sanitäter noch am Flughafen haben, wurden bei dem Kreml-Kritiker keine erhöhten Blutzuckerwerte oder Hinweise auf Stoffwechsel-Störungen gefunden.

«Das war kein Diabetes, das ist alles überprüft und ausgeschlossen worden», sagte eine der Personen. Auch zwei weitere mit der Erstversorgung vertraute Personen sagten, bei der Behandlung auf dem Flugfeld waren Nawalnys Blutzuckerwerte normal. Vier Insider sagten Reuters, die Sanitäter hätten Symptome einer Vergiftung wie Benommenheit festgestellt.

Der Toxikologe an der Omsker Notfall-Klinik Nr. 1, Alexander Sabaew, bestritt auf Anfrage diese Angaben: «Nein, das ist nicht wahr.» Im Krankenwagen sei ein stark erhöhter Blutzuckerwert gemessen worden. Zudem hätten Stoffwechselstörungen nur in der Klinik nachgewiesen werden können. Sabaew hat bereits vergangene Woche eingeräumt, zwar habe er bei Nawalny ursprünglich eine Vergiftung diagnostiziert. Dies sei aber wegen der Angaben der Sanitäter und der Begleiter des 44-Jährigen geschehen. Als er Labor-Ergebnisse erhalten habe, habe er seine Meinung geändert. Der Toxikologe bekräftigte offiziellen Angaben, nach denen Nawalny wegen Stoffwechsel-Problemen ins Koma gefallen sei.

sda/nlu